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Konzert:Beschwingte Barockmusik

Gilching: St Sebastian Orgelkonzert

Beherzt: die Geigerinnen Ulrike Sandhäger und Kristina Kerestey (rechts) bei ihrem Auftritt in der Gilchinger Kirche.

(Foto: Nila Thiel)

Neue Gilchinger Orgelreihe geht mit Werken von Händel, Corelli und Leclair zu Ende

Von Reinhard Palmer, Gilching

So was nennt man wohl Musikwirbel: Mit dem fünften Abend ging nun die Orgelreihe "Fünf um Fünf" zu Ende. Doch Roberto Seidel, Kirchenmusiker von St. Sebastian in Gilching, kündigte sogleich drei weitere Konzerte im Herbst an, die durch die drei Kirchen der Pfarrei führen sollen, gefolgt von sakralen Aufführungen im vokalen Fach. Eine beeindruckende Bilanz, zumal da Seidel erst im April die Stelle in Gilching antrat.

Dass er so schnell handeln kann, hat seine Gründe. Seidel ist als Kirchenmusiker, Orchester- und Chordirigent sowie Komponist sowohl im sakralen als auch im profanen Bereich bestens vernetzt. Und ihn verbindet mit Pfarrer Franz von Lüninck bereits eine zehnjährige, erfolgreiche Zusammenarbeit an der Pfarrei Maria vom Guten Rat in München Schwabing. Das dort aufgebaute freundschaftliche Vertrauen und die eingeübte Zusammenarbeit sind das Potenzial, auf das Seidel sogleich in Gilching bauen kann.

Ein Anliegen ist Seidel auch, am Ort lebende Musiker in seine Arbeit einzubeziehen. So eben nun im fünften Konzert die Violinistin Ulrike Sandhäger, die Mitglied im Münchener Kammerorchester ist. Als Duopartnerin stand ihr die gebürtige Ukrainerin Kristina Kerestey aus München zur Seite. Deren Studium der historischen Aufführungspraxis prädestinierte sie geradezu für dieses Konzert mit barockem bis spätbarockem Repertoire.

Ihre Interpretation von Händels Sonate in d für Violine und Basso Continuo (HWV 359a) tauchte denn auch tief in die Sinnenfreuden der Epoche ein. Die heutige Auffassung barocker Werke hat nichts Behäbiges oder gar Schwülstiges an sich. Kerestey konnte sich auch wegen Roberto Seidels einfühl- und aufmerksamer Begleitung gestalterisch recht frei bewegen.

Das war vor allem in den beiden beherzt und mit Leichtigkeit vorgetragenen Allegro-Sätzen vorteilhaft, aber auch für die Homogenität der eng versponnenen Stimmen im Schlusssatz. In den langsamen Sätzen ging es indes um gesteigerte Ausdruckskraft: Die Melancholie des Eingangs-Grave fiel geradezu klagend aus. Das lyrische Adagio überzeugte mit der Schönheit seiner Melodik.

Bei den italienischen Komponisten des Barock spielt der mediterrane Frohsinn natürlich immer eine Rolle. Arcangelo Corellis Triosonaten VII und XII aus Opus 1 standen geradezu exemplarisch für diese unbeschwert-beschwingte Musizierweise, obgleich es sich um Kirchensonaten handelte, die der schwedischen Königin Christina gewidmet sind. Diese Werke machten Corelli gewiss zurecht in den europäischen Musikzentren quasi über Nacht berühmt. Die lebensfreudige Musik voller Emotionen und reicher Farbigkeit machte auch in Gilching gute Laune.

Das wohl häufigste Element dieser Kompositionen ist die Imitation, die Sandhäger und Kerestey für fesselnde Echoeffekte und die enge Verschlingung der Stimmen nutzten. Die Orgel spielte bei Corelli im Vergleich zu Händel eine stärker mitgestaltende Rolle, insbesondere für die Atmosphäre der Werke und in der Phrasierung, von Seidel entsprechend spieltechnisch minutiös umgesetzt. Der Melancholie der langsamen Sätze gesellte sich ein wehmütiges Sinnieren hinzu, während das Trio in die Allegro-Sätze mit Schwung und festlichem Glanz einstieg.

Eine Besonderheit im Programm war die Sonate e-Moll für zwei Violinen op. 3/5 von Jean-Marie Leclair. Ohne Basso Continuo hat es Violinduos bis dahin nicht gegeben. Erst das französische Rokoko erfand diese Gattung. Und der Exzentriker Leclair erwies sich als ihr Meister, der die beiden Violinstimmen mit großer Intensität miteinander in Dialog treten ließ. Sandhäger und Kerestey packten beherzt an, um dieser dichten Textur gesteigerte Kraft zu verleihen.

Das war eine heikle Angelegenheit, denn das Werk lebt nicht von der Transparenz der Stimmen, sondern vom Gesamteindruck der dynamischen Klangsubstanz, die aus dem engen Umkreisen der Stimmen resultiert. Das energisch wirbelnde Schluss-Presto verstummte jäh nach atemlosem Dahinjagen. Die nachdenklichen Lesungen des Lektors Dieter Ebinghaus sorgten nach solch intensiven Sätzen für eine willkommene Zäsur im Programm.

© SZ vom 06.08.2020

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