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Konzert:Aufwühlende Meditation

Auch minimalistischer Musik zu größtmöglicher Wirkung verholfen: Arabella Steinbach und Anton Ludwig Pfell beim Auftritt in Herrsching.

(Foto: Arlet Ulfers)

Geigenstar Arabella Steinbacher und Organist Anton Ludwig Pfell ziehen die Zuhörer in der Herrschinger Kirche St. Nikolaus mit Musik von Bach, Pärt und Massenet in ihren Bann

Von Reinhard Palmer, Herrsching

Manchmal wird die Zugabe zum eigentlichen Höhepunkt eines Konzerts. Selbst der Himmel weinte am Sonntagabend in Strömen und die Blitze hielten ehrfurchtsvoll den Donner zurück, als Arabella Steinbacher die betörend schöne Violinmelodie der "Méditation" aus Jules Massenets Oper "Thaïs" spielte. Einfühlsam und fließend von Anton Ludwig Pfell an der Orgel von St. Nikolaus in Herrsching getragen. Die Oper war bei der Uraufführung in Paris mehr oder weniger durchgefallen. Doch die lyrischen Qualitäten dieses Sinnierens aus dem zweiten Akt wurden sofort erkannt, seither gebührt dem von Massenet selbst für mehrere Besetzungen übertragenen Stück ein Ehrenplatz im musikalischen Olymp.

In Herrsching konnte die Musik auch deshalb so wirkungsvoll ihren Zauber entfalten und unter die Haut gehen, weil Steinbacher ihre Stradivari in den tieferen Registern ausgesprochen charaktervoll einsetzte und nicht nur in brillanten Tönen schillern ließ. Ein Jammer, dass wegen der Vorgaben zur Corona-Prävention nicht mehr Zuhörern dieser Genuss vergönnt war.

Es soll hier aber nicht der Eindruck erweckt werden, dass die Stücke im regulären Programm dieser "Musikalischen Meditation" qualitativ zurückfielen. Vielleicht konnte Massenets Seelenmassage deshalb so berühren, weil gerade die Hinführung dahin emotional schon enorm sensibilisiert hatte. In einer Meditation mit Orgel darf Bach nicht fehlen. Im Grunde gab es auch hier eine inhaltliche Verbindung, kündigt doch die Massenet-Melodie die Bekehrung der Hetäre Thaïs an. Es geht also um den Ausdruck von Frömmigkeit, der bei Bach selbst in der profanen Literatur immer eine Rolle spielt, zumal der Meister seine Themen im Parodieverfahren ohnehin über alle Gattungsgrenzen hinweg wandern ließ. Wer hier also gleich zu Beginn die innige Arie "Erbarme dich" aus der Matthäuspassion zu hören glaubte, lag richtig.

Aber Steinbacher und Pfell ließen sich nicht etwa dazu verleiten, diesen Siciliano romantisierend zu interpretieren. Die barocke Sinnlichkeit entwickelte sich dennoch selbst im straffen Tempo. Pfell, dessen Part eigenständig und gleichberechtigt konzipiert ist, wählte durchgehend warmtonige Register, um den meditativen Charakter zu unterstreichen. Die beiden Allegro-Sätze kamen trotzdem leicht und munter, im Schlusssatz sogar im Sprungtanz daher, während das Adagio noch einmal die musikalischen Gedanken bisweilen überraschend schwärmerisch in die Weite schweifen ließ. Solche Passagen enthält auch die solistische Chaconne BWV 1004 aus der d-Moll-Partita, die Steinbacher ausnahmsweise nicht von der Empore aus, sondern vor dem Altar zelebrierte. Die international renommierte Virtuosin beim Spiel sehen zu können, war ein Erlebnis besonderer Art. Spieltechnische Perfektion paarte sich dabei mit kraftvoller Eleganz und Anmut. Unter ihrem Zugriff wuchs das virtuos-bravouröse Werk ins Monumentale, ohne in Pathos abzugleiten.

Obgleich Arvo Pärt ein Gegenwartskomponist ist, erwies sich seine Musik gerade im geistigen Gehalt Bach erstaunlich nah, auch wenn der Barockmeister bei der Entstehung von "Fratres" weniger eine Rolle spielte als die mittelalterliche Archaik der orthodoxen Kirchengesänge. Steinbacher und Pfell setzten die mystische Atmosphäre des von Pärt enorm geweiteten Tonraums zwischen vibrierenden Orgelbässen und Flageoletts der Violine beeindruckend um. Bei so viel Emotion fiel es schwer zu glauben, dass hinter der Komposition streng mathematische Formeln stehen. Pärt entwarf so Formmuster, die durch ihre permanente Wiederholung erst allmählich ihre musikalischen Qualitäten preisgeben. Und er trieb die Archaisierung mittels extremer Vereinfachung des Materials in "Spiegel im Spiegel" auf die Spitze.

War in "Fratres" noch aus verdichteten Arpeggien immer wieder eine gewaltige Klangmasse mit im Spiel, so bekamen die Musiker in der Spiegelmetapher nur das denkbar Geringste an Material an die Hand. Pfell spielte die endlos dahinfließenden Dreiklang-Arpeggien stoisch aus. Steinbacher verwandelte die diatonische Melodie in einen elegischen Cantus aeterna. Mehr war aus den wenigen Tönen an hymnischer Größe, zugleich aber auch an Kontemplation wohl kaum herauszubekommen. Der frenetische Applaus bestätigte, dass es Steinbacher und Pfell gelang, die maximale Wirkung zu erzielen.

© SZ vom 28.07.2020

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