Seefeld Konradhof wird nach 500 Jahren vegetarisch

Stefan Dellinger will die Fleisch- und Wurstproduktion aufgeben. Schafherde und Cateringbetrieb werden weiter bestehen.

(Foto: Georgine Treybal)

Die Landmetzgerei aus Seefeld stellt auf Bio-Gemüse um - vor allem der Bürokratie wegen.

Von Christian Deussing und Armin Greune, Seefeld

Der bislang für sein Bemühen um tiergerechte Haltung bekannte Konradhof in Unering stellt seine Direktvermarktung von Fleisch und Wurst ein. "Es tut mir leid, ich bitte um Verständnis," sagt Stefan Dellinger, Bauer und Chef der Landmetzgerei. Er will aus wirtschaftlichen Gründen seinen Betrieb auf Bio-Gemüseproduktion umstellen, weil die Genehmigungen für Tierhaltung und -verarbeitung für eine Hoferweiterung aufgrund der "vielen behördlichen Auflagen beim Gewässer- und Emissionsschutz" zu lange ausblieben, begründet der 40-jährige seinen radikalen Entschluss.

Deshalb werde der Konradhof seine Waren von sofort an auf den Wochenmärkten nicht mehr anbieten. Bislang war er in einem Dutzend Orte vertreten: in Starnberg, Pöcking, Söcking, Seefeld, Steinebach, Weßling, Herrsching, Dießen, Schondorf, Bernried, Planegg und München. Zudem kündigt Dellinger an, den Hofladen künftig nur noch freitags und samstags zu öffnen sowie den Schwerpunkt der Vermarktung dort auf Gemüseprodukte und Salat zu legen. Der Landwirt hatte nach eigenen Angaben vorgehabt, seine Schweinehaltung auf tausend Tiere zu erweitern. Der Plan ist nun zu den Akten gelegt, die letzten Schweine wurden am Montag geschlachtet. Dellinger will nun auch seine Rinderhaltung reduzieren.

Der Hofladen in Unering ist künftig nur noch am Wochenende geöffnet, dort soll vor allem Gemüse angeboten werden.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Inzwischen hat der Uneringer auch Probleme mit seinem 43 Jahre alten Fahrsilo auf dem Hof. Denn Kontrolleure hatten im April festgestellt, dass Flüssigkeit aus dem Silo in den Boden und in eine Wiese versickerte, wie eine Sprecherin des Starnberger Landratsamtes sagt. Diese potenzielle mögliche Verunreinigung von Boden und Gewässer sei als "Umweltstraftat" an die Polizei gemeldet worden. Dellinger habe sofort die Auflage erhalten, einen Erdwall aufzuschütten, die Silage abzudecken und den Silo abzudichten. Die Kreisbehörde ordnete außerdem an, den Silo bis zum 31. Oktober zu leeren und danach zu sanieren.

In Unering wurden bislang wöchentlich 1,5 Tonnen Schweinefleisch, 1,2 Tonnen Rind- und 500 Kilogramm Hähnchenfleisch produziert. Dazu hatte Dellinger 2002 für 400 000 Euro ein Schlachthaus auf dem Hof gebaut, das nun geschlossen wird. Zuletzt wurden in Unering noch je 200 Mastbullen und Schweine, 1000 Brathühner, 900 Freilandlegehennen und 300 Puten gehalten. Der Konradhof bewirtschaftet rund 180 Hektar Flächen.

Peter Kaun junior, der den Viktualienmarkt in Dießen und den Freitagsmarkt in Schondorf betreibt, bedauert Dellingers Rückzug: "Das ist ein heftiger Schlag für uns alle." Der Konradhof sei neben den Gemüseständen der wichtigste Anbieter der Märkte, "diese Lücke vermag vorerst keiner zu schließen". Die Kunden hätten einhellig die Qualität der Produkte geschätzt und seien über den Verlust "entsetzt". Dass Dellinger wegen der umfangreichen Auflagen für Tierzucht und -verarbeitung "nun die Notbremse reingehaut hat", kam für Kaun völlig überraschend. "Er hatte eigentlich eine sehr geschickte Wertschöpfungskette aufgebaut und hatte so mit Warenüberstand kaum Probleme": Alles, was nicht auf den Märkten abgesetzt wurde, konnte am Folgetag im Catering verarbeitet werden. Die Verkaufswagen wurden so nie ein zweites Mal mit den gleichen Waren, sondern stets mit frischen Produkten bestückt.

Marktbetreiber und Bürgermeister sind überrascht

Auch Seefelds Bürgermeister Wolfram Gum ist von der Einstellung der Direktvermarktung des Konradhofs überrascht worden, er hat davon erst am Dienstag durch Nachfrage der SZ erfahren. Dellingers Pläne, den Hof zu erweitern und von der Hochstadter Straße an den Ortsrand Richtung Perchting auszusiedeln, sei "auf einer Anliegerversammlung vor zwei Jahren in Unering wohlwollend aufgenommen worden", sagt Gum. Die Gemeinde wäre nach einem Umzug des landwirtschaftlichen Betriebs zu einem "zweiten Schritt" bereit gewesen: dem Ausbau von Schlachthaus und Metzgerei auf dem alten Hofgelände zuzustimmen. Doch zunächst hätte Dellinger bei den übergeordneten Behörden im Landratsamt und im Amt für Landwirtschaft die Genehmigungen für die Umsiedlung einholen müssen.

Rund 280 Mitarbeiter sind beim Konradhof angestellt; die meisten davon im Catering, das vor allem Schulen und Kindergärten in München beliefert. Dieser Betriebszweig mit Sitz in Gröbenzell soll bestehen bleiben, ebenso die Vermarktung in regionalen Supermärkten. In der Außenstelle Aschering wird die Aufzucht von Bio-Schafen aufrecht erhalten. Die 20 im Direktverkauf eingesetzten Kollegen will Dellinger weiterbeschäftigen. Er hatte den Hof, der seit 500 Jahren in Familienbesitz ist, 2002 übernommen und ihn auf Selbstvermarktung umgestellt.

Umwelt und Naturschutz in Bayern Vom Stall auf den Teller

Überleben der Landwirtschaft

Vom Stall auf den Teller

Wie kann sich ein kleiner Bauernhof heute halten? Lilian Maier hat eine Idee: mit Gastronomie. Bei Seeshauptet bietet die Bäuerin ihren Gästen alles - von der Vorspeise bis zum Matratzenlager.   Von Sabine Bader