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Kommunalwahlen im Fünfseenland:Frauen an die Macht

In sechs Gemeinden kandidieren nur Männer für das Bürgermeisteramt, dagegen sind in Dießen und Inning die Bewerberinnen in der Überzahl

Es ist nach wie vor erwähnenswert, wenn Frauen kandidieren", sagt Ursula Münch. Dass dieser Satz 2020 so von einer Professorin für Politikwissenschaft zu hören ist, mag überraschen, gut 100 Jahre nach Einführung des Frauenwahlrechts und nach 14 Jahren mit einer Bundeskanzlerin an der Spitze des Landes. Und dennoch: Die Kommunalpolitik ist eine Männerdomäne. Noch immer bewerben sich deutlich weniger Frauen um Mandate in Gemeinderäten und Kreistagen. Die höchsten politischen Ämter auf kommunaler Ebene sind fest in männlicher Hand, daran wird auch die kommende Kommunalwahl wohl wenig ändern. Bayernweit stehen 66 Landräten nur fünf Landrätinnen gegenüber.

Im Fünfseenland ist die Lage regional unterschiedlich. "Im Großen und Ganzen habe ich das Gefühl, dass es im Landkreis Starnberg ganz anständig zugeht", sagt Ursula München, die Direktorin der Akademie für politische Bildung in Tutzing. Das ergibt auch eine Auszählung der Kandidatenlisten: Der Frauenanteil unter den Bürgermeisterkandidaten im Fünfseenland beträgt knapp 31 Prozent, von insgesamt 62 Kandidierenden sind 19 Frauen. Gleichwohl gibt es sechs Gemeinden, in denen ausschließlich Männer für das Bürgermeisteramt zur Wahl stehen: Andechs, Feldafing, Pöcking, Weßling, Bernried und Seeshaupt. In den Gemeinden am Ammerseewestufer gibt es auffallend viele Bewerberinnen, in Dießen treten sogar vier Frauen und bloß drei Männer an.

Ursula Münch in der Akademie für Politische Bildung in Tutzing, 2017

"Je konservativer die Partei, desto geringer der Frauenanteil": Ursula Münch, Direktorin der Politischen Akademie Tutzing.

(Foto: Georgine Treybal)

Für den Starnberger Kreistag hingegen kandidieren nur auf den Listen von Grünen und SPD gleich viele Frauen wie Männer. Die ÖDP hat immerhin einen Frauenanteil von 44 Prozent, bei der FDP sind es 40 Prozent. Die CSU stellt auf 60 Listenplätzen 21 Frauen auf und kommt damit auf 35 Prozent, bei den Freien Wählern sind es nur ein Drittel weibliche Bewerber. Bei der AfD ist die Spitzenkandidatin Gerrit Huy die einzige Frau auf der sechsköpfigen Liste. Die Linke stellt keine einzige Frau auf. Insgesamt haben sich für den Starnberger Kreistag 143 Kandidatinnen nominieren lassen, das entspricht etwa 35 Prozent.

Ein Blick auf den Status Quo zeigt, dass auch bisher weniger Politikerinnen in den Gremien vertreten waren: 100 Frauen saßen im Landkreis Starnberg 344 Männern in Gemeinderäten gegenüber. Das geringste Mitspracherecht hatten Frauen in Seeshaupt, Schondorf und Wörthsee mit jeweils nur drei Gemeinderätinnen.

Münch findet: "Je konservativer die Partei, desto geringer der Frauenanteil."

Die Gründe für die Zahlen sind vielfältig: Die einen nennen "familienfeindliche Sitzungszeiten", die anderen beklagen die Dominanz älterer Männer und so genanntes "Mansplaining". Damit ist laut Ursula Münch gemeint, dass manche Männer sich schwer tun, Frauen eine fachliche Expertise zu bestimmten Themen zuzutrauen. "Auch in der Kommunalpolitik passiert es offenbar, dass Männer recht pauschal davon ausgehen, selbst mehr von einem Thema zu verstehen als das weibliche Gegenüber. Das heißt: Womöglich muss sich ein langjähriges weibliches Mitglied im Bauausschuss von anderen Politikern oder Bürgern über Bauangelegenheiten belehren lassen, von denen sie selbst viel mehr Ahnung hat."

Das nerve natürlich, koste Zeit und mache ständige Rechtfertigung erforderlich. Münch sagt: "Frauen sind durchaus aktiv auf der kommunalen Ebene, aber eben seltener im Gemeinderat, sondern in Kirchenvorständen, Vereinen und Elternbeiräten. Dabei könnten sie in der Politik mit dem gleichen Einsatz oft mehr bewirken."

Eine Bewerberin, die sich gleich gegen vier Männer durchsetzen will, ist Diana Franke (Grüne) aus Gilching. Sie ist überhaupt erst seit zwei Jahren in der Kommunalpolitik aktiv, zuvor hat sie 25 Jahre lang bei Siemens auf Führungsebene gearbeitet - oft als einzige Frau unter vielen Männern. Für ihre Bürgermeisterkandidatur hat sie ein halbjähriges Mentoringprogramm der Grünen absolviert, das Frauen das Rüstzeug vermitteln soll, um sich in einer männlich dominierten Diskussionskultur Gehör zu verschaffen.

"Männer gelten als durchsetzungsstark, Frauen als hysterisch", beschreibt Franke das Problem. So sei es für sie wichtig, parteiübergreifende Frauennetzwerke zu bilden und bei einer Sitzung beispielsweise auch mal zur politischen Konkurrenz zu rufen "Da gebe ich Frau Müller recht", wenn gerade eine Frau unterbrochen wurde. Ihre Vision lautet: "Frauen, bildet Banden!" - und die will sie nach der Wahl mit einem fraktionsübergreifenden Frauenbund in Gilching in die Tat umsetzen.

Im vergangenen Herbst haben zwei Weßlinger Gemeinderätinnen immerhin ein fraktionsübergreifendes Frauenfrühstück unter dem Motto "Frauen in die Politik" ins Leben gerufen, die Resonanz war mäßig, etwa ein Dutzend Frauen kamen. Die CSU-Fraktionsvorsitzende Christina Mörtl-Diemer freute sich jedoch, zwei Interessentinnen später auch als Kandidatinnen auf anderen Listen zu entdecken. "Wir haben in den letzten Jahren viel zu wenig Wert darauf gelegt, ganz konkret Frauen auf Themen vor Ort anzusprechen. Wir müssten denen viel öfter sagen: 'Schick mal deinen Mann in den Elternbeirat und geh selber lieber in den Gemeinderat!'" Sie kenne Frauen, die sich ein einziges Mal in eine Gemeinderatssitzung gewagt hätten und entsetzt gesagt hätten: "Das tue ich mir nicht an!" Dabei seien Frauen oft die besseren Konfliktmanagerinnen.

Auch sei ihr aufgefallen, dass die meisten Kandidatinnen, die sich trauten, inzwischen über 50 Jahre alt seien, die Kinder sind dann meist schon aus dem Haus. "Es wird wohl noch eine Legislaturperiode dauern, bis wir auch die jüngeren Frauen für Kommunalpolitik begeistern können", sagt Mörtl-Diemer. Sie selbst hat jedoch auch von einer Kandidatur als Bürgermeisterin in Weßling abgesehen und sogar als Fraktionsvorsitzende einem Mann den Vortritt gelassen, sie müsse nicht "immer ganz vorn in der ersten Reihe stehen", sagt Mörtl-Diemer.

30 Prozent

beträgt der Anteil der Frauen in den Gemeinderäten des Fünfseenlands. Die meisten Gemeinderätinnen haben die Kraillinger und die Pöckinger gewählt - je 43 Prozent. Dahinter folgen: Gauting und Bernried (40%), Feldafing und Inning (35%), Tutzing (33%), Starnberg und Gilching (32%), Andechs (29%), Herrsching und Dießen (28%), Berg, Utting, Weßling und Wörthsee (jeweils 24%), Seefeld (19%), Schondorf und Seeshaupt (18%).

Typisch Frau? Das sieht Anke Sokolowski (FDP) anders. Sie will Bürgermeisterin in Berg werden und sagt: "Wenn ich als Frau etwas erreichen will, dann schaffe ich das auch ohne Quote." Ihr seien das Wissen und das Engagement eines Politikers wichtiger als sein Geschlecht, sagt Sokolowski. Die gelernte Werkzeugmacherin, die seit 18 Jahren dem Gemeinderat Berg angehört, ist es gewohnt, unter lauter Männern zu arbeiten - auch in ihrem Hobby als Sportschützin. "Ich habe nicht den Eindruck, dass es da ein Gleichberechtigungsproblem gibt", sagt Sokolowski.

Die Politikwissenschaftlerin Münch sieht strukturelle Hürden für Frauen auf dem Weg zu Macht in den Rathäusern: "Frauen in der Kommunalpolitik werden häufiger angegriffen - auch sexistisch und explizit frauenfeindlich. Eine Politikerin muss sich eher den sexistischen Vorwurf anhören, sie solle sich doch lieber daheim um ihre Familie kümmern. Das passiert Männern nicht so schnell." Dabei sei das Interesse von Frauen an Politik nicht davon abhängig, ob sogenannte Frauenpolitik gemacht werde. "Sie interessieren sich für Verkehrsanbindungen genauso wie für Pflegeeinrichtungen und eben die Kinderbetreuung", sagt die Politikwissenschaftlerin Münch. Und sie stellen ja auch immerhin die Hälfte der Wählerschaft.

© SZ vom 07.03.2020
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