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Kommunalwahlen 2020:Uttings "Grüner Joe"

Josef Lutzenberger ist jahrelang der einzige grüne Rathauschef in Oberbayern, zur Kommunalwahl tritt er nach zwei Amtsperioden jetzt nicht mehr an. Er hat die Weichen für die Wohnsiedlung auf dem Schmucker-Gelände gestellt

Von Armin Greune, Utting

Im Wahlkampf vor zwölf Jahren sind gleich drei Josefs in Utting aufeinandergetroffen. Josef "Sepp" Daxenberger, seinerzeit erster hauptamtlicher Bürgermeister der Grünen in Bayern, sprach im überfüllten Saal des Schneiderwirts. Der ebenso populäre wie prominente Politiker war zur Unterstützung von Josef "Joe" Lutzenberger an den Ammersee gereist, der sich zum zweiten Mal nach 1996 für die Grün-Alternative Liste als Bürgermeister bewarb. Im Publikum hörte auch Amtsinhaber Josef "Beppo" Klingl (CSU) zu, der bald darauf in der Stichwahl gegen Lutzenberger unterlegen sollte.

Während Daxenberger sich bis zu seinem Tod 2010 in der Landespolitik engagierte, blieb Lutzenberger sechs Jahre lang der einzige grüne Rathauschef in Oberbayern. Nach der Kommunalwahl 2014 waren es schon sechs, auch der Uttinger Rathauschef wurde mit einem überzeugenden Ergebnis wiedergewählt: Trotz zweier Mitbewerber erhielt Lutzenberger auf Anhieb 59,4 Prozent der Stimmen.

Dabei hatte seine erste Amtsperiode zäh begonnen: Die Gemeinderatssitzungen dehnten sich, vor allem wegen der Redelust der Freien Wähler, schier ins Unendliche. Und bei den seinerzeit als dringend angesehenen Themen - Geothermie, Planung der Ortsmitte und eines neuen Rathauses sowie die Ausweisung von Gewerbeflächen - ging erst einmal nicht viel voran.

Inzwischen hat der Investor, der nach heißem Wasser bohren wollte, seine Pläne längst zurückgezogen. Der vormalige Schandfleck in Uttings Zentrum, das "Steinhauser-Anwesen", wurde von Architekten erworben und erstrahlt in neuem Glanz, bald soll der Mühlbach nebenan einen Zugang mit Stufen erhalten. Und für das längst zu klein gewordene Rathaus vis-a-vis vom Bahnhof bietet sich das von der Gemeinde erworbene Gebäude vor dem Feuerwehrhaus an, wenn dort erst mal die Bankfiliale ausgezogen ist.

Doch noch immer fehlt es im Ort an Grundstücken für örtliche Betriebe, die expandieren wollen. Noch zu Klingls Zeiten hatte man beschlossen, das Gewerbegebiet im Norden Uttings nach Westen hin zu erweitern. Doch der Bebauungsplan musste wegen der inzwischen begrabenen Geothermie-Pläne mehrfach geändert werden. Dann ergab eine artenschutzrechtliche Prüfung, dass im Rahmen der Bebauung Ersatzhabitate für Laubfrosch, Zauneidechse und Neuntöter zu schaffen sind. Als besonders problematisch aber erwiesen sich die Eigentumsverhältnisse: Einer der etwa 30 Grundbesitzer widersetzte sich einvernehmlichen Tauschgeschäften, wegen 0,4 Prozent der Gesamtfläche muss nun ein langwieriges amtliches Umlegungsverfahren absolviert werden.

Utting BM Josef Lutzenberger

Seit zwölf Jahren ist Josef Lutzenberger Bürgermeister in Utting. Jetzt tritt er nicht mehr an.

(Foto: Nila Thiel)

Mit dem künftigen Gewerbegebiet wird sich also auch Lutzenbergers Nachfolger noch befassen müssen - ebenso wie mit der Sanierung und Erweiterung der Kita auf der Ludwigshöhe. Auch die Grundschule bleibe "Dauerbrenner", sagt Lutzenberger: 2020 will man mit dem Austausch der Heizungen beginnen. Auf Staatszuschüsse für die Sanierungen hat man vergeblich gehofft, weil sich die geforderte Barrierefreiheit und Brandschutzmaßnahmen nicht miteinander vereinbaren lassen.

Zur künftigen Nutzung des Lagerschuppens am Bahnhof sind die Weichen gestellt: Für dieses Projekt werden Mittel aus der Städtebauförderung erwartet. Und es zeichnet sich auch ein Ersatz für das 2016 abgerissene, zuletzt kaum genutzte Jugendhaus ab: Ein Standort für ein Provisorium auf dem Rathaus- und Bauhofgelände wurde ins Auge gefasst. Um nicht an ihren Bedürfnissen vorbei zu planen, "brauchen wir nun erst einmal ein Feedback von der Jugend" meint Lutzenberger.

Das größte Vorhaben der kommenden Jahre aber wird die Wohnbebauung auf dem Schmucker-Gelände. Dass sich die Gemeinde das Grundstück mit einem Vorkaufsrecht sicherte und dort in Eigeninitiative 88 Wohnungen für Normalverdiener baut und selbst vermietet, ist sicher auch ganz im Sinne von Sepp Daxenberger. Der hatte 2008 in Utting "den starken Staat" propagiert, der möglichst viele Aufgaben in die Hände der kommunalen Daseinsvorsorge legen sollte.

Den ersten Spatenstich für die künftige Siedlung wird Lutzenberger wohl nicht mehr setzen können. Doch auch so ist in den zwölf Jahren, in denen er Rathaus und Gemeinderat leitet, viel geschehen: Hort und Telos-Kindergarten wurden eröffnet, die Flutbecken für den Hochwasserschutz fertiggestellt, das Tal des Lebens durchzieht nun ein naturnaher Wanderweg. Dem scheidenden Bürgermeister ist es gelungen, aus politischen Lagern im Gemeinderat ein Kollegium zu schaffen, das Meinungsdifferenzen nicht unter den Teppich kehrt, aber auch nicht mehr permanent zur Selbstdarstellung nutzt. Lutzenberger hat sich als Moderator im politisch sehr aktiven Utting bewährt: Dort sind Gemeinderatssitzungen immer gut besucht, und die Wahlbeteiligung liegt regelmäßig um 15 bis 20 Prozentpunkte über dem Landkreisdurchschnitt. Typisch: Nirgendwo in Bayern unterzeichneten mehr Menschen das Volksbegehren für Artenvielfalt.

Der 62-jährige Rathauschef, der 2016 eine schwere Krankheit überstehen musste, bemüht sich stets um Ausgleich. Er kann aber auch mit aller ihm eigenen Eloquenz Stellung beziehen, wenn es ihm die Sache wert ist. Lutzenberger kommt es im Dialog mit den Bürgern zu Gute, dass er ein Gutteil der Uttinger beim Namen kennt: Schließlich ist er dort seit der Geburt zuhause. Der Arbeitersohn wuchs im Oberdorf im alten Raiffeisenbau auf, einige Gemeinderäte waren Spielkameraden seiner Kindheit.

Wenn er am 1. Mai 2020 sein Amt als Bürgermeister abgibt, wird Lutzenberger wieder in den Schuldienst eintreten. Das Kultusministerium hat ihm seine Wunschstelle an der Landsberger Berufsschule zugesichert, dort tritt er eine Teilzeitstelle in leitender Funktion an. Ob das Mehr an Freizeit dann Familie, Freunden, einem exzessiven Hobby oder ehrenamtlichem Engagement zu Gute kommt? Dazu lässt sich der "Grüne Joe" auch auf mehrmaliges Nachfragen nichts entlocken: "Schreiben Sie: Ich werde meine Freizeit sinnvoll nutzen"' sagt Lutzenberger mit lächelndem Unterton

Um Lutzenbergers Nachfolge bewerben sich die GAL-Fraktionsführerin im Kreistag Renate Standfest und Feuerwehrkommandant Florian Hoffmann, der von CSU/Bürgerliste und Ländliche Wählergemeinschaft nominiert wurde.

© SZ vom 30.12.2019

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