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Kommunalwahl im Landkreis Starnberg:Klinkenputzen fürs Kreuzchen

Die Grünen buhlen im Landkreis um die wichtigsten Ämter: das der Landrätin und das der Bürgermeisterin in der Kreisstadt. Um mit den Wählern ins Gespräch zu kommen, ziehen sie dafür sogar von Haus zu Haus

Wahlkampf kann hart sein, manchmal auch kalt und windig. Martina Neubauer und Kerstin Täubner-Benicke von den Grünen wissen das, sie haben es schon zigmal erlebt. Nun, drei Monate vor der Kommunalwahl, spielt warme Kleidung für sie wieder eine besondere Rolle. Neubauer will Landrätin werden, Täubner-Benicke Bürgermeisterin von Starnberg. Damit das klappt, ziehen sie am späten Freitagnachmittag in einem Wohngebiet im Starnberger Norden durch die Straßen. Haustürwahlkampf ist angesagt, von jetzt an beinahe jeden Tag.

Neubauer, Kreis- und Stadträtin in Starnberg, und Täubner-Benicke, Kreisvorsitzende ihrer Partei, haben sich nach Feierabend getroffen, bepackt mit grünen Stoffbeuteln voller Weihnachtskarten und Flyer. "Weil wir hier leben", steht darauf, der Wahlkampfslogan der Grünen im Landkreis. Und mit denen, die hier leben, wollen sie an diesem Nachmittag sprechen. Nur, so einfach ist das gar nicht. Erstes Haus, klingeln, warten. Eine ältere Dame schiebt ihren Kopf durch ein Fenster neben der Tür. "Hallo! Wir sind von den Grünen und möchten Ihnen frohe Weihnachten wünschen", flötet Landratskandidatin Neubauer - "und bei der Gelegenheit ein paar Informationen zur Wahl bei Ihnen lassen." Das bräuchte sie gerade nicht, danke, wimmelt die Seniorin am Fenster ab.

Dann eben weiter. Eine Passantin mit Hund lehnt dankend ab. An der zweiten Haustür werden Täubner-Benicke und Neubauer immerhin Flugblätter los - und ein Beutelchen Blumensaat. Das grüne Image soll auch beim Klinkenputzen gepflegt werden.

Ein paar Türen weiter öffnet ein Rentner. Geduldig hört er den beiden Wahlkämpferinnen zu, hebt dann entschuldigend die Hände. "Wählen würde ich Sie nie", sagt er. "Aber ich freue mich wirklich, dass Sie hier persönlich vorbeischauen." Als Täubner-Benicke und Neubauer bereits an der nächsten Tür stehen, kommt der Mann noch einmal in den Vorgarten. Was er noch sagen wollte: "Dass Sie sich für den B2-Tunnel einsetzen, das rechne ich Ihnen hoch an."

Bei den Bürgern kommt der Besuch von Martina Neubauer (li.) und Kerstin Täubner-Benicke unterschiedlich an. Paul Wiecha (re.) freut sich darüber.

(Foto: Arlet Ulfers)

Die beiden Politikerinnen freuen sich über solche Begegnungen. "Die Leute erinnern sich auch in ein paar Jahren noch daran, dass wir bei ihnen waren", sagt Täubner-Benicke. Einen neuen Grünen-Wähler haben sie hier trotzdem nicht gewonnen.

Haustürwahlkampf ist zäh. Belastbare Studien zu den genauen Effekten der Hausbesuche auf Wahlergebnisse gibt es kaum. Kerstin Täubner-Benicke schätzt, dass die Grünen je 100 abgeklapperter Türen eine einzige Stimme zu ihrem ursprünglichen Stimmpotenzial dazugewinnen. Man kann das ernüchternd finden. Man kann aber auch die positive Seite sehen: "Gerade auf kommunaler Ebene können wenige Stimmen den Unterschied machen", sagt die Bürgermeisterkandidatin.

Populär gemacht haben den Haustürwahlkampf US-amerikanische Politiker, allen voran Barack Obama. In Deutschland nutzen die Wahlkämpfer dieses Mittel erst seit wenigen Jahren intensiver, im Landkreis buhlen vor den Kommunalwahlen auch Kandidaten anderer Parteien auf diese Weise um Stimmen. So überlegt sich die Herrschinger CSU-Kandidatin Fromuth Heene den Gang von Tür zu Tür, für ihren Gegenkandidaten, den parteifreien und amtierenden Bürgermeister Christian Schiller gehört das eigenen Aussagen zufolge ohnehin dazu - natürlich nur auf Gemeindegebiet. Die Grünen hingegen wollen im ganzen Landkreis Wähler erreichen. In jeder Gemeinde sollen Teams um die Häuser ziehen, für die Partei trommeln.

Kerstin Täubner-Benicke hat 5000 Heftchen drucken lassen, um für sich zu werben. Ihr Ziel ist, bis zum Wahltag am 15. März alle verteilt zu haben. Will sie das schaffen, muss sie auf jede zweite Klingel in Starnberg drücken. Wahllos tut sie das nicht. Die Wahlkämpfer suchen sich gezielt Gegenden aus, in denen sie zusätzliches Stimmenpotenzial vermuten. Die Grünen haben dafür sogar eine App, in der die Teams eintragen können, wo sie schon geklingelt haben.

Um weitere Details des Haustürwahlkampfs zu organisieren, hat sich ein Dutzend Bürgermeister- und Gemeinderatskandidaten der Grünen später am Freitagabend im Hotel Bayerischer Hof eingefunden. Grüne Schals, Beutel und Flyer auf den Tischen konterkarieren den Prunk des Salons. Kerstin Täubner-Benicke und Martina Neubauer haben schon ein paar Wahlkämpfe vor fremder Leute Haustüren verbracht. Sie erklären ihren Mitstreitern, wie es läuft. Einen Trainings-Workshop gab es auch schon.

Denn es gibt ein paar Regeln zu beachten. Die erste: Am besten zu zweit losmarschieren, im Idealfall nicht zwei Männer zusammen. Das schüchtere womöglich ein, sagt Neubauer. Zweite Regel: Nicht zu viel reden. Mehr als zwei Minuten sollte man die Anwohner nicht stören, sagt Täubner-Benicke. Dritte Regel: Nicht zu aufdringlich sein.

Sätze wie "Bitte wählen Sie uns" sagen die beiden am Nachmittag im Wohngebiet nicht ein einziges Mal. Es muss subtiler funktionieren. Wenn man im Wahlkampf eins nicht will, dann wie Staubsaugervertreter daherkommen.

Manchmal lohnt sich die ganze Mühe tatsächlich. So wie am Ende der Wahlkampftour am Freitagnachmittag. Da öffnet Paul Wiecha seine Tür. In Filzpantoffeln lässt er sich Flyer geben. Täubner-Benicke und Neubauer reden mit ihm über den Tunnel, Vogelschutz und Bienen. Die Kandidatinnen kenne er zwar vom Papier, sagt Wiecha. "Aber es ist gut, auch mal ins Gespräch zu kommen." Die Grünen, sagt er zum Abschied, gefielen ihm wirklich immer besser.

© SZ vom 16.12.2019

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