Kommentar:Zu viel der Ehre

Die Nazi-Dichterin Ina Seidel erfährt mit einem Zusatz am Straßenschild eine Sonderbehandlung. Eine Umbennung wäre angemessener gewesen

von Peter Haacke

Es dürfte unvermeidlich gewesen sein, dass nun auch der Stadtrat öffentlich die Ehrenbürgerwürde für Ina Seidel und den nach ihr benannten Weg thematisiert: Nach all der Aufregung etwa in Gauting, Töging, Landshut oder München um die 1974 verstorbene Schriftstellerin, die in völkisch-nationaler Verblendung aus ihrer einstigen Sympathie für die NS-Ideologie und Adolf Hitler nie einen Hehl gemacht hatte, war eine Neuauflage der Debatte auch in Starnberg überfällig. Der literarische Ruhm der Nazi-Dichterin mag längst verblasst sein, die Debatte über ihre stete Anwesenheit in Form einer Namensgebung für die einzige Straße in Starnberg, die mit einem I beginnt, ist überaus präsent.

Die Starnberger Grünen taten gut daran, nach 2013 ein weiteres Mal nachzuhaken, wie man in Starnberg mit der Causa Seidel umgehen will. Dabei waren sie klug genug, auf einen erwartbaren Streit durch eine Umbenennung des belanglosen Fußwegs zu verzichten. Andererseits: Vielleicht waren sie auch nur zu mutlos. Wäre Seidels Name getilgt und ersetzt worden, hätte es einen Aufschrei betroffener Anlieger gegeben: Neue Pässe und Ausweise wären unausweichlich gewesen, Freunde, Bekannte, Ärzte, Banken, Versicherungen - alle hätten informiert werden müssen.

Doch nun erfährt die Dichterin, die 40 Jahre lang in Starnberg lebte, mit einer Zusatzbeschilderung eine Sonderbehandlung - posthum also eine weitere Würdigung, die Seidel bei aller Kritik ins Bewusstsein rückt. Dabei gäbe es so viele andere Persönlichkeiten, die eine Zusatzbeschilderung viel mehr verdient hätten - dank segensreichen Schaffens allerdings im positiven Sinn: Künstler, Literaten, Wissenschaftler, Politiker, deren Namen aber nur den Wenigsten etwas sagt. Wer waren Oskar von Miller, Moritz von Schwind, Otto Michael Knab oder Jakl Jordan? Und was machten Otto Gaßner, Franz Heidinger und Josef Jägerhuber?

Das Argument, den Namen Seidel kenne ohnehin kaum jemand mehr, ist natürlich nicht falsch. Künftig wird man ihn aber kennen. In der Reflexion darüber, wen eine Stadt da eigentlich mit einer Straße ehrt, soll nun der erklärende Zusatz hilfreich sein. Fraglich wird die Angelegenheit allerdings dann, wenn man aus Furcht vor dem Unmut betroffener Bürger einknickt. Richtiger wäre allemal eine Umbenennung des Weges gewesen. Zudem gibt es in Starnberg noch weitere Kandidaten, deren Rolle aus historischem Blickwinkel kritisch zu beleuchten wäre - etwa des Großkaufmanns Lüderitz, der Militär-Familie von der Tann oder des Flugzeugbauers Gustav Otto.

Konsequenterweise sollte die Stadt nun auch die übrigen Straßen mit Bezug zu Starnberger Persönlichkeiten kommentieren. Die Welt wird es nicht kosten.

© SZ vom 28.07.2021
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