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Kolumne:Schreib' dem Landrat

Eines ist gewiss: Stefan Frey liest seine Mails und reagiert auch darauf - selbst an einem Feiertag

Ich weiß zwar nicht, was Ihr an Eurem Computer mögt, aber ich mag an meinem eigentlich gar nichts. Gut, vielleicht noch am ehesten den Ausschaltknopf. Wenn ich den drücke, ist Schicht im Schacht. Ach ja, den Papierkorb kann ich auch noch ganz gut leiden. Der hat so was von einem gefräßigen Krokodil. Maul auf und rein damit. Ihr ahnt es vielleicht schon: Ich bekomme ungern Post. Früher, als noch Briefe kamen, die von echten Postboten ausgeliefert wurden, da hab' ich die Umschläge manchmal ein ganzes Jahr lang nicht aufgerissen. Und an einem regnerischen Dezembertag hab' ich sie mir dann vorgeknöpft. Missmutig, versteht sich. Vieles hatte sich bis dahin erledigt. Super System. Manches allerdings nicht. Strafzettel zum Beispiel. Die waren dann schon doppelt so hoch. Und weil heute nur noch Strafzettel und Rechnungen mit der Post und nicht per Mail kommen, hab' ich gestern meinen Briefkasten abgeschraubt. Sollen die doch schreiben, an wen sie wollen.

Zum Beispiel an Stefan Frey. Ihr wisst schon, das ist der neue Landrat. Jung, smart, technikaffin. Ein echter "Postbotenversteher"! Immer offen für Nachrichten, immer interessiert. Das lob' ich mir. Hat ihm vor ein paar Tagen doch eine Frau aus Wörthsee per Mail ihr Leid geklagt, weil sie an der Straße zwischen Hechendorf und Inning gleich hinter einer Kuppe wohnt, an der es andauernd kracht. Ich kenne die Stelle, sie ist verdammt eng und gefährlich. Sie dient Autofahrern als Rennstrecke, ist aber auch Wander- und Fahrradweg in einem. Das passt doch nicht? Und dann passiert's: quietsch, peng, quietsch, peng! Mal muss die Frau mit ihrer Familie den Notruf alarmieren, mal die Unfallstelle absichern. Das ist nicht lustig, Leute! Kein Wunder, dass sie seit langem Tempo 40 fordert. Ist ja das Mindeste. Ich hätte schon längst die Autos einkassiert und Laufräder an die Rennsemmeln ausgegeben. Und weil es dort jetzt schon wieder gekracht hat, hat die Gute am Pfingstmontag einen Hilferuf an den Landrat abgesetzt.

Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, was sie für große Augen gemacht hat, als der ein paar Stunden später vor ihrer Tür stand, um sich das Ganze gleich mal anzuschauen. Ja, Ihr habt richtig gelesen. Am Feiertag. Das muss man sich mal geben. Hoffentlich macht der Kerl das künftig nicht immer so. Oder schreibt dem sonst vielleicht keiner? Darüber grübelt jetzt ziemlich heftig

© SZ vom 06.06.2020
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