Gastronomie Wirt verlässt Kloster Andechs - Gasthof schließt für Monate

Als Ministrant trinkt Alexander Urban im Refektorium sein erstes Bier, später bewirtet er fast drei Jahrzehnte Pilger und Prominente. An Weihnachten schenkt er die letzte Halbe aus.

Von Astrid Becker

Die Bilder in der Schwemme sind abgehängt, das einst mit Bierkrügen gefüllte Schränkchen an der Wand ist so gut wie leer. "Nur mein Büro ist noch halb voll", sagt Alexander Urban. Für den Wirt des Klostergasthofs sind die letzten Tage auf dem Heiligen Berg angebrochen. Er muss Abschied nehmen - und ein wenig Wehmut ist da erlaubt. 29 Jahre hat er dort droben verbracht, fast 25 als Wirt der Traditionsgaststätte - bis bekannt wurde, dass er nicht mehr weitermachen wird. Man habe sich auseinandergelebt, hatte es der kaufmännische Leiter, Christian Rieger bei der Vorstellung von Urbans Nachfolgern Ralf Sanktjohanser und Manfred Heissig Ende Juli formuliert.

Was allerdings genau vorgefallen ist, bis sich Urban zur Kündigung seines Vertrags entschloss, ist schwer auszumachen. Er selbst mag nicht darüber reden, er will nach vorne schauen und spricht lieber von seinem "Gottvertrauen", das ihm in vielen Lebenslagen weitergeholfen habe. Zum Beispiel auch damals, vor fast drei Jahrzehnten, als es darum ging, das Kloster von seinen Fähigkeiten zu überzeugen. "Zufall will ich das gar nicht nennen", sagt er, "eher Fügung." Im "Bayerischen Hof" in München hatte Urban das Hotelfach gelernt. Dann sollte der Inninger seinen Zivildienst antreten, in St. Ottilien. An seinem ersten Tag, 1990, auf dem Weg zu seiner neuen Arbeitsstätte, hörte Urban im Autoradio, dass auf dem Heiligen Berg die Andechser Klostergaststätten GmbH gegründet worden sei und ein Geschäftsführer gesucht werde. "Na, da habe ich mir gedacht, das wäre doch was für mich", erzählt er.

Pächterwechsel Bier vom Fass muss sein
Pächterwechsel am Heiligen Berg

Bier vom Fass muss sein

Ralf Sanktjohanser und Manfred Heissig übernehmen den Klostergasthof Andechs von Januar an. Ihr Konzept: traditionell mit modernen, frischen Akzenten.   Von Astrid Becker

Dem entgegen stand aber eigentlich sein Zivildienst, der damals noch 24 Monate dauerte. Am Abend habe er sein Dilemma einem Freund erzählt: "Der meinte dann, er würde am nächsten Tag den damaligen Abt Odilo Lechner treffen, spaßeshalber hab' ich gesagt, er solle ihm einen schönen Gruß ausrichten, ich sei der richtige für den Job." Der Freund führte den Auftrag aus, und von klösterlicher Seite hieß es, Urban solle sich telefonisch beim damaligen Cellerar, Pater Anselm Bilgri, melden. "Das waren aber noch D-Mark-Zeiten, und Zeiten, in denen es statt Handys nur Telefonzellen gab", erzählt er. Eine einzige Mark habe er damals noch in der Tasche gehabt, als er so einen Münzsprecher in St. Ottilien aufsuchte. Ewig habe es gedauert, bis er schließlich, nach mehrmaligen Weiterverbinden, den Cellerar an der Strippe hatte: "Als er sich dann endlich meldete, war mein Geld alle und die Verbindung weg. Da hab' ich mir dann die ganze folgende Nacht lang gedacht, das war's jetzt."

Dabei kam der Wunsch, am Heiligen Berg zu arbeiten, direkt aus seinem Herzen. Urban ist in Inning aufgewachsen, kennt und liebt Andechs daher von klein auf - auch als Ministrant. "Im Refektorium hab' ich damals die erste Halbe Bier in meinem Leben getrunken, allein das vergisst man nicht." Und vielleicht waren es diese Erinnerungen an die Jugend, oder auch sein "Gottvertrauen", das ihn am nächsten Tag, trotz aller Zweifel, dann doch dazu brachte, es noch einmal beim damaligen Pater Anselm zu versuchen. Dieses Mal klappte es auch. Und es dauerte nicht lange, bis das Kloster ihn zu einer Bewerbung ermunterte.

Die vielen Vorstellungsrunden, die Urban in der Folge zu absolvieren hatte, zogen sich allerdings. Den damaligen Brauereidirektor Georg Orthuber musste er beispielsweise von sich überzeugen und sogar einen externen Berater des Klosters: "Den habe ich am Flughafen Riem, den es damals noch gab, treffen müssen." Erst ganz am Ende durfte er auch bei Pater Anselm Bilgri persönlich vorsprechen und auch den Abt Odilo Lechner lernte er kennen. Irgendwann befanden die Entscheider im Kloster, "dass ich nur ein Manko habe: Mit Anfang 20 doch noch recht jung zu sein". Doch auch darüber sah man schließlich hinweg. Urban gab seine Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer zurück und konnte am Heiligen Berg zu arbeiten beginnen. Nach vier Jahren wagte er als Wirt des Klostergasthofs den Sprung in die Selbständigkeit. "Just in dem Moment meldete sich dann die Bundeswehr - die mich am Ende aber doch nicht wollte."

Also begann er sein Leben als Chef des Klostergasthofs, "eine unglaublich schöne Zeit", wie er sagt. Viele Menschen habe er in diesen Jahren kennengelernt, auch neue Freundschaften geschlossen. Abt Odilo Lechner gehörte wohl dazu ebenso auch der spätere Prior Anselm Bilgri, der das Kloster allerdings vor 14 Jahren verließ. Viele Politiker traf Urban in all den Jahren, Kanzlerin Angela Merkel zum Beispiel, die früheren bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber und Horst Seehofer. Viele hätten sich bei ihm zu informellen Gesprächen getroffen oder zogen sich dazu auch hinter die Klostermauern zurück. "Meist im Fürstentrakt - wenn sie dann nicht bei mir gegessen haben, dann haben wir ihnen das Essen gebracht", erzählt er. Auch mit dem Hause Wittelsbach bestünden enge Verbindungen. Bei Familienfeiern oder auch Beerdigungen war es Urban, der sich um die Bewirtung der Gäste zu kümmern hatte. Und da ist auch noch der spätere Papst Benedikt, damals noch Kardinal Joseph Ratzinger, den Urban sogar in Rom besuchen durfte. Nicht zu vergessen sind die vielen die vielen Stammgäste unter den 150 000 Menschen, die alljährlich im Klostergasthof einkehrten.

Mit ihnen feiert er in diesen Tagen noch Abschied. Denn die Öffnungszeiten seines Lokals hat er schon seit Monaten eingeschränkt. Als bekannt wurde, dass er aufhört, hatten sich viele seiner Mitarbeiter neue Jobs gesucht: "Mit wenig Personal kann man aber nicht immer geöffnet haben." Also beschränkte er sich sukzessive darauf, nur mehr langfristig abgegebene Reservierungen abzuwickeln. Weihnachtsfeiern etwa oder auch traditionelle Familienessen - am 25. und 26. Dezember zum Beispiel: "Da habe ich nur etwa 40 Gäste, denen ich noch zwei Weihnachtsmenüs anbiete", sagt er. Weil es sich um Menschen handele, die jedes Jahr mittags an diesen Tagen zum Essen gekommen seien. Am 27. Dezember steht die Schlüsselübergabe an. Und dann sind sie vorbei, Urbans Jahre auf dem Heiligen Berg. Was er selbst künftig macht, weiß er noch nicht: "Erst einmal viel Zeit mit meiner Familie verbringen, meine Kinder freuen sich schon." Auch der Klostergasthof wird an diesem Tag erst einmal geschlossen. Er soll umfassend renoviert werden. Die neuen Pächter Ralf Sanktjohanser und Manfred Heissig wollen ihn im April wiedereröffnen.

Alles muss raus

"Den Zehnten geben" sei immer selbstverständlich für ihn gewesen, sagt Wirt Alexander Urban. Deshalb hat er viele soziale Einrichtungen unterstützt. So soll es auch an diesem Samstag, elf bis 15 Uhr, sein: Beim Flohmarkt im Saal des Klostergasthofs, bei dem Urban sein Interieur vom elektrischen Klavier, Gläsern bis hin zur Weihnachtsdekoration anbietet - gegen Spende. Zugute kommen sollen die Einnahmen vollumfänglich dem Ambulanten Kinderhospiz München und der Jugendfeuerwehr Erling.