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Klimaschutz:Herrsching will wissen, wie viel die Bäume im Ort wert sind

Marcus Schaft und Nadine Patheiger aus Herrsching haben die Firma "Treevolution" gegründet, mit der sie Baumkataster anlegen und das Kohlendioxid bilanzieren können. Als erste Kommune Deutschlands wird Herrsching aktive Klimabewirtschaftung betreiben.

Eigentlich ist ein Heuschnupfen an allem schuld. Weil Marcus Schaft als Kind schwer an einer Allergie gegen alle möglichen Gräser leidet, hält er sich lieber im Wald auf. So entdeckt er seine Liebe zu Bäumen. Heute ist diese Liebe berufliche Passion. Marcus Schaft hat mit seiner Lebensgefährtin Nadine Patheiger die in Herrsching ansässige Firma "Treevolution" gegründet und sich nicht nur auf Baumkontrolle spezialisiert, sondern das Ganze auch noch mit der Bilanzierung von Kohlendioxid (CO₂) verbunden. Nun hat ihn die Gemeinde Herrsching genau damit beauftragt - also ein Baumkataster zu erstellen mit der Option, den Wert des kommunalen Grüns finanziell zu ermitteln. Herrsching soll damit die erste Gemeinde Deutschlands werden, die aktive Klimabewirtschaftung betreibt.

Schaft beschäftigt sich seit zehn Jahren mit der Frage, wie viel Bäume für den Klimaschutz wert sind. Seine Anstrengungen in dieser Richtung sind nun belohnt worden: Vor kurzem hat sich die Bundesrepublik in ihrem Klimapakt darauf geeinigt, dass eine Tonne Kohlendioxid 2021 zehn Euro kosten soll und der Preis bis 2025 auf 35 Euro je Tonne ansteigen soll. Auch wenn Wissenschaftler diesen Preis als viel zu niedrig kritisieren, ist er für Markus Schaft ein Erfolg: "Das ist doch schon einmal ein Anfang."

An der Ammerseepromenade in Herrsching begutachten Nadine Patheiger und Marcus Schaft Bäume.

(Foto: Arlet Ulfers)

Aber der Reihe nach. Der jetzt 48 Jahre alte Schaft ist in Bad Hersfeld aufgewachsen. Er hatte ursprünglich Architektur und Umweltwissenschaften studiert, war aber früh, noch vor dem Abschluss, in das Büro seines Vaters eingestiegen und hatte als Bauträger eine ganze Siedlung entwickelt und realisiert. Recht bald danach begann er, Immobilien auf ihren Wert zu begutachten - und eines fiel ihm damals sofort auf: Dass es keine verbindlichen und einheitlichen Regeln gibt, wie hoch der Wert für das Grün eines Grundstücks anzusetzen ist und wie er sich überhaupt bemessen lassen könnte. Aus dieser Lücke im System entwickelte sich in Schafts Kopf eine Vision: Gehölzkataster und Baumkontrollen mit Wertermittlung zu verbinden, auf der Basis von Klimaschutz. Das war 2009.

Mittlerweile ist aus dieser Vision das Erfolgsmodell "Treevolution" geworden mit Firmensitz in Herrsching. 26 Mitarbeiter in Home Office beschäftigt das Unternehmen mittlerweile quer über das ganze Bundesgebiet. Hauptauftraggeber sind Kommunen, und auch die Gemeinde Herrsching will Treevolution mit der Erfassung des kommunalen Baumbestands beauftragen und das Kohlendioxid nach den Vorgaben des Pariser Klimaschutzabkommens äquivalent bilanzieren lassen. Schaft hat sich mit seiner Lebensgefährtin schon mal die mehr als 100 Jahre alte Silberweide an der Seepromenade in Herrsching angeschaut. Vor drei Jahren war dort ein dicker Ast heruntergekracht. Ein Experte stellte damals fest, dass der Stamm wegen fortschreitender Fäulnis teilweise sogar hohl war. In der Folge war der Baum zwar nicht komplett gefällt, aber so massiv geschnitten worden, bis nur mehr ein etwa fünf Meter hoher Torso von ihm übrig blieb.

Herrsching 
Ammerseeufer
gefällte Silberweide

Von der Silberweide blieb vor drei Jahren nur noch ein Torso übrig.

(Foto: Arlet Ulfers)

Drei Jahre später hat sich die Weide davon sichtlich erholt, es gibt wieder dicht belaubte Äste, der Baum ist selbst für Laien mit seiner grünen Krone wieder als solcher zu erkennen. Ein Profi wie Schaft beurteilt dies freilich ganz anders, und zwar genau nach dem System, das er über all die Jahre entwickelt hat. Darin geht es um Punkte wie Standsicherheit, Vitalität, Verkehrsgefährdung, aber auch wie wichtig der Baum für die Biodiversität ist und damit, auch wie erhaltungswürdig er ist. All diese Punkte werden von Schaft und seinen Mitarbeitern in einer Art Erstkontrolle beurteilt und in einer eigens dafür entwickelten Software erfasst. Für jeden der Punkte gibt es drei Bewertungskriterien nach Ampelschema: Grün bedeutet dabei so etwas wie "Alles prima", Gelb "unkritisch" und Rot "kritisch". Auf Basis der so ermittelten Daten können Baumkataster erstellt werden, Bäume grundbuchartig registriert und rechtssicher für die CO₂-Bilanzierung verwaltet werden - wichtig zum Beispiel insbesondere, wenn Bäume zum Versicherungsfall werden. Das Ganze hat einen entscheidenden Nebeneffekt: Bäume und Wälder werden so zu einem klimaregenerierenden Wirtschaftsgut. Denn Schaft und seine Firma haben es sich zum Ziel gesetzt, den durch die Aufnahme von Kohlendioxid der holzbildenden Vegetation entstandenen Kohlenstoff Grundstücken zuzuordnen, weil sie per Gesetz auch zu den Grundstücken gehören.

Für Schafts Auftraggeber, derzeit Bund, Länder, Städte und Gemeinden, bedeutet das, regelmäßig sich selbst in die Software einzuklicken und dort den Zustand ihrer Bäume abrufen zu können. Das ist die Gegenwart. Künftig kann aber auch der Kohlenstoff dieser Bäume, der wiederum Kohlendioxid bindet, erfasst werden und als Wirtschaftsgut im Haushalt bilanziell abgebildet werden - nun als erste Kommune Deutschlands in Herrsching. Wie viel Kohlendioxid ein Baum veratmen könne, hänge von mehreren Faktoren ab, erklärt Schaft: "Vor allem von seinen Standortbedingungen - in einem Wald, als Solitär, in der Stadt oder auf dem Land, von seiner Art, von seinem Alter." Grundsätzlich gilt: Je älter, je dicker der Stamm, desto besser für den Klimaschutz. Denn dieser funktioniere nur, wenn mit sinkendem CO₂-Ausstoß der Erhalt der Klimagenerationsfähigkeit der grünen Lunge einhergehe: "Nimmt beides in gleichem Maß ab, hat die Verringerung des CO₂-Ausstoßes nicht den erwünschten Effekt", sagt der Firmengründer, der seine Idee bereits 2009 im Rahmen eines Forschungs- und Entwicklungsprojekt initialisiert und drei Jahre später als erstes Gehölz- und Klimaschutzkataster auf der Cebit vorgestellt hatte. Unterstützt wurde er in seiner Arbeit von der europäischen Raumfahrtbehörde ESA, von Fraunhofer-Instituten und Universitäten. Schaft erregte damit so viel Aufsehen, dass er vor vier Jahren von der Bundesregierung gebeten wurde, beim Aufstellen des deutschen Klimaschutzplans mitzuwirken. "Zehn Jahre haben wir mit daran gearbeitet, dass Kohlendioxid bepreist wird, nun ist uns das gelungen", sagt er.