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Klimakrise:Auf Gretas Spuren

Timo Schmitt, Valentina Rosette, Christiane Lüst und Stefan Frey (von links) diskutieren über die Greta Thunberg-Dokumentation.

(Foto: Arlet Ulfers)

In Gauting wird der Dokumentarfilm über die Umweltaktivistin gezeigt. Der Landrat diskutiert mit Thunbergs Anhängern

Von Blanche Mamer, Gauting

"Es ist so eine große Verantwortung", seufzt das Mädchen mit den Zöpfen an Bord des sturmgebeutelten Segelboots, das es über den Atlantik nach New York bringt. Es ist eine beschwerliche Reise, doch notwendig weil Greta Thunberg klimaschädigende Flugreisen ablehnt. Es war im September 2019, als die 16-jährige Schwedin, die Initiatorin der Fridays-for-Future-Bewegung, nach einem phänomenalen Empfang durch ihre Anhänger vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen spricht. In die Fernsehkameras aus aller Welt greift sie die Politiker für ihre Untätigkeit beim Klimaschutz an: "How dare you?", "Wie könnt Ihr es wagen?", ruft sie mit verkniffener Miene und Verzweiflung im Blick. Sie kämpft mit den Tränen, doch man spürt ihre Wut und auch die Verachtung für die Mächtigen der Welt. Die alten weißen Männer geifern zurück, weisen die Kritik dieser "unreifen, psychisch kranken Göre" weit von sich, schließlich sind die Präsidenten Donald Trump und Jair Bolsonaro überzeugt, dass der Klimawandel nicht von Menschen verursacht ist.

Der schwedische Dokumentarfilmer Nathan Grossman hat Greta Thunberg von Anfang an mit der Kamera begleitet. Man könnte sagen, dass er einen guten Riecher hatte, als er im Sommer 2018 auf das 15-jährige Mädchen aufmerksam wird, das alleine vor dem schwedischen Parlament hockt und im Schulstreik gegen die Klimapolitik demonstriert. Er filmt und begleitet sie auch im privaten Umfeld, als hätte er geahnt, dass sie zu einem Idol ihrer Generation werden würde. Zur Premiere des Films "I am Greta" am Freitag im Gautinger Breitwand-Kino und der anschließenden Diskussion mit Landrat Stefan Frey (CSU) und den zwei jugendlichen Klimaaktivisten Valentina Rosette und Timo Schmitt sind knapp 60 Besucher gekommen. Wegen der Corona-Beschränkungen hatte das Kino einen zweiten Saal geöffnet. Schon bald zeigt sich, dass die beiden Fridays-for-Future-Anhänger zwar überzeugt, aber bei weitem nicht so redegewandt und gefestigt sind wie ihr Vorbild aus Schweden. Der Film ist Anlass, die Situation im Kreis anzuschauen. Für Frey ist es nicht schwer, den Jugendlichen in ihrer Kritik grundsätzlich Recht zu geben, jedoch Eigenverantwortung zu fordern und auf finanzielle und rechtliche Probleme hinzuweisen. Als die Moderatorin und frühere ÖDP-Gemeinderätin Christiane Lüst die beiden fragt, was sie täten, wenn sie Landrat wären, antwortet Schmitt mit dem provokanten Rat, "erst mal aus der CSU austreten". Frey kontert, dass auch die CSU gute Politik mache und betont, dass gerade in Klimafragen alle Parteien und Gruppierungen an einen Tisch gehörten und zusammenarbeiten müssten.

Schmitt und Rosette führen an, dass die Emissionen viel zu hoch und der Landkreis weit entfernt sei vom selbst gesteckten Ziel, 2035 klimaneutral zu sein. Es gebe viel zu viele, viel zu große Autos mit einem viel zu hohen CO₂-Ausstoß, sie fordern mehr Radwege und dass eine Verkehrswende dringend gebraucht wird, denn der Kipppunkt sei bald erreicht. Da ist Frey dabei, er weist aber auf die schwierigen Verfahren und die langen Genehmigungszeiten hin, wie zum Beispiel beim Radweg zwischen Gauting und Neuried, die jetzt schon sechs Jahre dauern. Jeder einzelne müsse sein Verhalten hinterfragen, findet Frey. Beim ÖPNV, also S-Bahn und Bussen, mache er keine Abstriche, im Gegenteil das Netz solle noch verbessert werden. Finanziert aus Steuermitteln, heißt, jeder wird beteiligt.

Die Kritik der Jugendlichen, dass in puncto Windkraft und Solarenergie zu wenig passiere, lässt Frey nicht gelten. Die Beschimpfung der Hausbesitzer, die sich weigerten, Photovoltaik-Anlagen auf den Dächern ihrer Mietshäuser zu installieren, weil es Geld koste, wie Schmitt sagt, weist Frey zurück, fordert Sachlichkeit und Respekt in der Diskussion. Bei der Windkraft gebe es viel Widerstand in der Bevölkerung, hier lohne es sich, mehr und bessere Werbung zu machen. Beim Bedenkenabbauen sei die Unterstützung der Jugend gefordert. Der Landkreis plane ein Photovoltaik-Kataster, in dem jeder Hausbesitzer sehe, ob eine Anlage aufs Dach passe. Zum Schluss lädt er die Jugendlichen an einem Freitagnachmittag zum Dialog am Runden Tisch im Landratsamt ein. Und Timo Schmitt erinnert an eine Veranstaltung am 24. Oktober, 17 Uhr, im Gautinger Jugendzentrum. Dann soll die Fridays-for-Future-Bewegung von Gauting aufs Würmtal ausgedehnt werden.

© SZ vom 19.10.2020

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