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Klassische Musik:Fesselnde Erzählkunst

Gauting  Remise, Sommerfestival Konzert

Ganz entspannt vor dem Konzert in der Remise: Charlotte Walterspiel (Viola), Rudi Spring (Klavier) und Klaus Kämper (Violoncello).

(Foto: Georgine Treybal)

Beim Kleinen Sommerfestival in der Gautinger Remise reißen die Musiker die Zuhörer zu frenetischem Applaus hin

Zurück zu den Ursprüngen. So haben wohl einst die häuslichen Kammermusiken ab dem 19. Jahrhundert ausgesehen: Man unterhielt sich, musizierte, erprobte die Wirkung aufs Publikum mit frisch komponierten Stücken, wobei die Komponisten meist mitspielten. Der wohl einzige Unterschied beim Kleinen Sommerfestival in der Gautinger Remise zu früher war, dass die Musiker hier vorher geübt hatten. Reichlich.

Die Uraufführung von "Ich höre wie durch einen Spiegel..." (Umdeutung eines Bibelzitats) von Rudi Spring spielte der Pianist deshalb nicht mit, weil er mit dem Stück nur Viola und Violoncello bedacht hatte. Einstiges Mitglied des Pellegrini-Quartetts Charlotte Walterspiel (Viola) und einstiges Mitglied des Cherubini-Quartetts Klaus Kämper (Violoncello) tauchten es in eine magische Atmosphäre, bisweilen flimmernd im Licht. Naturintervalle verliehen dem Duosatz besondere Klangfarben. Spring hatte sich nicht mit dem formalen Thema der Spiegelungen über verschiedene Achsen begnügt und gab der Komposition eine durchaus kristalline Ästhetik. Vom Stück begeistert, nahm das Duo die Pause als Spiegelachse und spielte es nach der Pause spontan noch einmal.

Das war bei Beethovens "Duett mit zwei obligaten Augengläsern" nicht nötig, ist doch das straffe Werk vom Stimmengeflecht her recht überschaubar, zumal Walterspiel und Kämper viel Wert auf Klarheit und Transparenz legten. Melodien erklangen substanzvoll ausgesungen, Begleitstimmen nahmen sich dabei schlank zurück, während gleichberechtigte Passagen in empfindsamer Homogenität daherkamen. Ein Prinzip, das auch in den Duos mit Klavier für interpretatorische Entschiedenheit sorgte und ein entspanntes Zuhören an diesem Sonntagmorgen ermöglichte. Was nicht heißen soll, dass hier alles vergnüglich und unbeschwert dahinfloss. Beethovens Sonate op. 102/1 für Violoncello und Klavier, die das Spätwerk des Komponisten einläutete, begann zwar mit warmtoniger Poesie, zeigte sich aber in den schnellen Teilen auch düster. Insbesondere im zweiten Satz, der schwungvoll ein wirkungsvolles Finale inszenierte.

Bei Schumann erweiterte sich das emotionale Spektrum. Seine vier Märchenbilder werden meist mit der Klarinette gespielt, doch schon der Komponist bot als Alternative die Bratschenversion an. Und Walterspiels Interpretation machte deutlich, dass hier keine Kompromisse nötig waren, fand doch hier die Rhetorik Schumanns zu einer für die Bratsche spezifischen Ausdruckssprache. Ob mit dem weit zurückgenommenen Klavier im Dialog, feierlich im energischen Galopp,oder von warmtonige Lyrik berührt: Spring und Walterspiel bewiesen fesselnde Erzählkunst. Als Komponisten ist dieser Aspekt insbesondere Spring offenbar sehr wichtig. Schon in Beethovens Andante favori, das einst für die Waldsteinsonate entstanden war, überzeugte der Pianist solistisch nicht zuletzt mit Liebe zum besondere Detail. Mit viel Geduld und weitem Atem zelebrierte er hier den zwar schlichten, doch recht dramatischen Mikrokosmos.

All diese Eigenschaften und Stärken der Musiker hatten sich in Brahmsens op. 114 noch im Trio zu bewähren - auch in diesem Werk mit der Bratsche anstelle der Klarinette. Das viersätzige Trio, mit dem sich seinerzeit Brahms aus dem selbst gewählten Vorruhestand zurückgemeldet hatte, überraschte in dieser Besetzung mit einer eigenen Charakteristik, was vor allem an der dichten Homogenität des Streicherduos lag. In der Klarinettenversion hebt sich die Oberstimme geradezu solistisch ab. Hier rückte das Ensemble dichter zusammen und kreierte einen sinnlichen Klangkörper. Und das verbanden die großartigen Instrumentalisten auch jeweils mit eigenen Stimmungen, die das Werk sozusagen als Fortsetzung der Märchenbilder als eine Reihe von Szenen formulierten. Die drei Musiker bewiesen hier einen derart stimmigen Zugriff, wie ihn sonst in der Regel nur feste Ensembles zustande bringen. Das Changieren blieb minimalistisch.

Dennoch formten sich die Ausprägungen deutlich heraus, konnten so auch unversehens umschlagen, wenn nötig aufwühlend ausbrechen, sich mächtig verdunkeln, melancholisch abheben oder auch vergnüglich davon tänzeln. Mit den klein gedachten Bewegungen in der Musik blieb viel Platz für ein wirkungsvolles Finale. Darin gelang dem Ensemble mit einer raffinierten Dramaturgie eine große Schlusswirkung. Frenetischer Applaus und Verständnis, dass nach dem Abschluss keine Zugabe folgen durfte.