Das Programm verdichtet, die Stuhlreihen aufgelockert: Die 23. Tutzinger Brahmstage finden trotz der schwierigen und nicht völlig kalkulierbaren Bedingungen angesichts der wechselnden Corona-Lage statt. "Wir wollen für Kunst und Kultur auch in Pandemie-Zeiten einen Beitrag leisten", betont Andreas Dessauer, Vorsitzender des Freundeskreises, der das Klassikfestival veranstaltet - und gegebenenfalls auch verantworten muss. "Wir setzen auch ein Zeichen", ergänzt Elisabeth Carr von den "Kunsträumen am See", die mit dem Freundeskreis kooperiert. Zur Freude der Musiker und wohl noch mehr der des Publikums sind von 11. bis 25. Oktober vier Konzerte vorgesehen: Nur auf den traditionellen Liederabend wird wegen des erhöhten Infektionsrisikos bei Gesangsdarbietungen verzichtet.
Dafür gelang es Dessauer und seinem Stellvertreter Thomas Zagel erneut, für die Brahmstage namhafte Instrumentalisten zu gewinnen: Zwei bis drei Jahre im Voraus müsse man etwa bei Juan Pérez Floristán oder dem Klaviertrio Schäfer anfragen, um die Klassikstars zu engagieren. Und obwohl man in Tutzing nur eher bescheidene Honorare anbieten kann, kommen die Musiker gerne wieder: Im Fall von Floristán war das kleine Festival sogar ein großer Schritt auf der Karriereleiter: Sein Auftritt bei den Brahmstagen 2014 wurde vom Rundfunk mitgeschnitten, was dem heute 27-jährigen und vielfach ausgezeichneten Pianisten internationale Aufmerksamkeit bescherte.
Für den Eröffnungsabend am kommenden Sonntag im Schloss der Evangelischen Akademie wird er bereits am Freitag aus Spanien anreisen, um gegen alle Corona-Eventualitäten gewappnet zu sein. Auf dem Programm des Klavier-Recitals stehen von 18 Uhr an Robert Schumanns "Papillons", Ludwig van Beethovens "Appassionata" sowie das Scherzo es-Moll Opus 4 und die Intermezzi op. 117 von Brahms. Der Abend ist zwar ausverkauft - doch falls sich genügend Interessenten auf der Warteliste eintragen, wird von 20 Uhr an ein Wiederholungskonzert anberaumt.
Am 15. Oktober folgt in der Aula des Tutzinger Gymnasiums das Gastspiel von Raphaela Gromes und Julian Riem. Auch für die Cellistin ist es nicht der erste Auftritt bei den Brahmstagen: 2018 musste sie für die erkrankte Sopranistin Andrea Jörg einspringen. Seit 2012 hat die heute 29-Jährige mit ihrem festen Pianisten Julian Riem einige preisgekrönte Alben aufgenommen. Drei Tage nach dem Auftritt in Tutzing geht es für sie zu einer Gala in Berlin: Opus Klassik wird ihre aktuelle CD "Offenbach" als beste Duo-/Kammermusikeinspielung des Jahres auszeichnen, das ZDF überträgt die Gala live. Bei den Brahmstagen werden sie die Sonate F-Dur op. 99 und den Ungarischen Tanz Nummer 5 des namensgebenden Komponisten sowie die Sonate in F-Dur op.6 und einige erfolgreiche Walzer aus dem "Rosenkavalier" von Richard Strauss interpretieren.
Ein Novum ist am Freitag, 23. Oktober, geplant, wenn Esther Schöpf und Norbert Groh erwartet werden. Für das weltweit bekannte Pöckinger Musikerpaar ist der Auftritt in der Aula des Gymnasiums quasi ein Heimspiel, selbst wenn sie zu einer musikalischen Reise auf den Spuren von Brahms einladen. Dessen Lebensweg soll mit zehn kurzen Stücken nachverfolgt werden. Neben eigenen Werken sind volksmusikalische Akzente aus seinem Umfeld, Musik seiner engsten Freunde und von Kollegen, denen Brahms begegnete, zu hören.
Ihren feierlichen Abschluss finden die Brahmstage 2020 am Sonntag, 25. Oktober, wenn Michael Schäfer (Klavier), Ilona Then-Bergh (Violine) und Wen-Sinn Ynag (Violoncello) im Schloss gastieren. Seit vielen Jahren spielen die drei Münchner Musikprofessoren zusammen, ihre Solo- und Kammermusikeinspielungen wurden unter anderem mit dem "Preis der deutschen Schallplattenkritik" und dem "Latin Grammy Award" ausgezeichnet. In Tutzing wird das Trio Brahms' Klaviertrio C-Dur op.87 spielen. Dazu kommt als einziges Werk eines moderneren Komponisten das Trio-Impromptu op. 4 von Leonid Sabanejew und Beethovens Variationen in G-Dur op. 121a über Wenzel Müllers Lied "Ich bin der Schneider Kakadu".
Auch wenn heuer nur ein Viertel der möglichen Zuhörer in den Sälen zugelassen sind, blicken die rund 160 Mitglieder des Freundeskreises zuversichtlich in die Zukunft - zumindest was 2022 betrifft. Dann sei zum 25-jährigen Bestehen des Festivals "etwas Größeres geplant", kündigt Dessauer schon einmal an.
Details zum Festival im Internet unter www.tutzinger-brahmstage.de. Karten zu je 30 Euro (Schüler und Studenten 12 Euro) werden ausschließlich online verkauft: kontakt@kunstraeume-am-see.de.