Süddeutsche Zeitung

Klassik:Reine Poesie

Juliane Banse und Christoph Poppen geben mit Stephan Ronkov ein Benefizkonzert für die Dießener König-Orgel

Von Reinhard Palmer, Dießen

Alterungsprozesse machen trotz Pandemie keine Pause. Deshalb muss die Restaurierung des Dießener Marienmünsters vorangetrieben werden. Gut fürs Handwerk, aber ein Problem für die Geldbeschaffer. Weil die Kassen anderweitig geleert werden müssen und Spender selbst mit Existenzängsten kämpfen, lassen sich so enorme Summen nur schwer zusammenbringen. Und dann ist da noch die alte König-Orgel, um die es diesmal ging. Sie braucht dringend eine Verjüngungskur, um auch in Zukunft dem barocken Glanz eine klingende Krone aufsetzen zu können.

Zum Glück gibt es generöse Spitzenmusiker, die solche Rettungsaktionen unterstützen. So hat der Kirchenmusiker am Marienmünster, Stephan Ronkov (Orgel), Juliane Banse (Sopran) und Christoph Poppen (Violine) trotz ihrer in Corona-Zeiten erstaunlich gut gefüllten Terminkalender für das Benefizkonzert gewinnen können. Das Publikumsinteresse überstieg die derzeit zulässigen Kapazitäten, was umso bedauerlicher war, als die Musiker ein anspruchsvolles Programm auf höchstem Niveau darboten.

Der Patient, die von Caspar König aus Ingolstadt 1739 erbaute Orgel, stand im Zentrum des Programms, wofür Ronkov ein imposantes Werk ausgewählt hatte. "Introduction & Passacaglia" in f-Moll von Max Reger ist ein Schwergewicht im Orgelrepertoire und konnte das romantische Klangbild aus dem Umbau von 1878 beeindruckend in Szene setzen: Die reinste Berg- und Talfahrt emotionalen Musizierens, die auf weite Bögen angelegt erklang. Ronkov nahm sich viel Zeit für die musikalischen Entwicklungen, auch wenn Wendungen und Überraschungseffekte im Sinne von Zäsuren davon unberührt blieben. Seine höchste Sorgfalt galt der Transparenz in der geradezu verworrenen Textur. Dazu musste Ronkov mit klärender Agogik und entsprechender Registrierung eingreifen.

Vor einer ähnlichen Aufgabe stand Poppen bei der berühmten Chaconne aus der Partita d-Moll BWV 1004 für Violine solo von Bach. Diese Reihe von freien Variationen über ein Thema in der Basslinie ist ein Bravourstück, das gerade in der Dramaturgie der einzelnen Stimmen höchste Ansprüche an den Geiger stellt. Poppen, Primarius des Cherubini-Quartetts, folgte aber den bei ihm nahtlos und einfühlsam verlaufenden Linien scheinbar mühelos, obgleich sie ja an der Violine nur zerlegt gespielt werden können.

Die zwei Werke für Violine und Orgel verfolgten verschiedene Ansätze. Während Regers "Romanze" dem nostalgisch-wehmütigen Gesang der Violine eine reine Begleitung unterlegt, ging es in "Lounge pour á l'imortalité de Jesus" von Messiaen um einen Gesamteindruck. Ronkov hatte aber weniger eine Gegenstimme zu kreieren als vielmehr Strukturen, Rhythmen, Stimmungen. Poppen kam auch hier in der programmatischen Erzählung die tragende Rolle zu, die er mit eindringlicher Klangformung bis in den triumphalen Höhepunkt in entrückten Himmelssphären konsequent in Spannung hielt.

Die stärksten Emotionen fanden sich in den vokalen Werken, zumal wenn die Violine als zweite Stimme dazukam. Vor allem in den barocken Stücken nach allen Regeln der Affektenlehre konnte Juliane Banse mit ihrer plastischen, selbst in den Höhen noch warmen Stimmfärbung den Text in reine Poesie verwandeln. Die Rede ist von Arien aus dem Zyklus "Neun Deutsche Arien" von Händel. Die Auswahl war auf eine weite Ausdrucksbandbreite angelegt. Während "Künft'ger Zeiten eitler Kummer" vordergründig geschmeidig dahinfloss, schillerte "Flammende Rose, Zierde der Erde" mit verschnörkelten Girlanden. Feierlichkeit war beiden eigen, doch die beherzte Lyrik der zweiten Arie changierte in Schwärmerei. Auf Kontraste sind ebenso die von Reger für Orgelbegleitung bearbeiteten drei Lieder von Hugo Wolf angelegt. In unüblicher Reihenfolge begann Banse mit dem zarten, spätromantisch kolorierten "Schlafenden Jesuskind", das sie mit weitem Bogen zum Höhepunkt führte. "Herr, was trägt der Boden hier?" färbte sich tragisch, um vom "Gebet" in lyrisch-emotionaler Bewegung beantwortet zu werden. Alles in feinsinniger Regie, die später in "Sphärenmusik" von Sigfrid Karg-Elert im Trio eine Fortsetzung fand. Ein sakrales Werk, das mit raffinierten Ausdrucksmitteln arbeitet und eine Synthese aus Impressionismus und Spätromantik vertritt. Nachdem die Nazis Karg-Elert posthum als Juden (der er nicht war) von den Konzertprogrammen tilgten, vergaß man ihn. Es war daher in Dießen ein Ereignis, den fortschrittlich denkenden Klangbildner ins Programm zu nehmen. Zumal mit Banse, Poppen und Ronkov, die der Geburt Christi damit eine triumphale Hymne bescherten.

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SZ vom 06.10.2020
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