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Klassik:Drehen am kosmischen Uhrwerk

Das Weltenrad von Carl Orff; Im Andechser Florianstadel

Ungewöhnliche Kombination: Das Duo d'Accord (an den Flügeln), die Schlagzeuger Vivi Vassileva und Simone Rubino sowie Sprecher Zirner (li.) im Konzert.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Zwei Pianisten, Schlagzeuger und Sprecher August Zirner führen beim Orff-Fest in Andechs Musik von Bach bis Crumb auf

"Die Klavierspieler müssen freilich gut sein; und der Xylophonspieler muss halt seine Partie schön üben", schrieb Bartók nach Basel in Bezug auf seine Sonate für zwei Klaviere und zwei Schlagzeuggruppen. Eine spaßig verharmlosende Formulierung des Anspruchs, der in der Ausführung dann deutlich wurde.

Mit dem Duo d'Accord - Lucia Huang und Sebastian Euler - an zwei wunderbaren Konzertflügeln sowie Vivi Vassileva und Simone Rubino am reichhaltigen Schlagzeugset waren die Voraussetzungen fürs gute Gelingen gesichert. Die vier renommierten Musiker lieferten aber beim Konzert des Carl-Orff-Festes im Andechser Florianstadl weit mehr ab als nur eine solide Interpretation. Zwischen den zwei höchst konzentrierten und mit großer Hingabe agierenden Duos stimmte die Chemie, sodass die zahlreichen Konzertbesucher einen packenden Bartók von höchster Präzision und Homogenität erlebten.

Der Kopfsatz eröffnete geradezu dämonisch mit extremen Kontrasten, zunächst farbsinnlich, bald kraftvoll ausbrechend. Dem geheimnisvollen Mittelsatz in Liedform folgte ein furios-euphorischer Finalsatz. Für die fesselnde Wirkung war zweifelsohne die absolut schlüssige Dramaturgie verantwortlich, die nicht nur den einzelnen Sätzen zugrunde lag, sondern auch das ganze Werk zu einer Spannungseinheit verklammerte. Die instrumentale Kombination erinnerte tatsächlich immer wieder an Offs Klangwelt, die man leider nur schwer kammermusikalisch vorführen kann, weil Orff so gut wie keine Musik dieser Gattung geschaffen hat.

Mona Rasenbergers Bearbeitung von "Das Weltenrad dreht sich" - so auch das Motto des Programms - aus "Der Mond" mit dem ausdrucksstarken August Zirner in der Rolle des Petrus konnte aber eine Kostprobe dieser Klangstimmungen bieten. Auf die düstere Unterwelt folgte die fröhlich-ausgelassene Trunkseligkeit. Der Lauf der Dinge, das Drehen des Weltenrads eben, "bis es einmal stille steht".

Ein interessantes Licht auf Orffs Werk warf die Paarung mit Ravel, dessen Bolero samt durchgehendem Rhythmus in der Fassung für zwei Klaviere sich das Duo d'Accord in voller Länge antat. Ein heikles Unterfangen, weil nur wenige Möglichkeiten zur Verfügung stehen, diese Klangstudie ohne die Farbigkeit der Orchesterinstrumente zu differenzieren. Dennoch gelang es den beiden Pianisten, mit einer minutiös aufbauenden Entwicklung den nicht enden wollenden Wiederholungen eine fesselnde Dramaturgie zu hinterlegen.

Orff hatte nicht nur - worauf Rundfunkmoderatorin Elgin Heuerding hinwies - das zweite Thema des Bolero aufgegriffen, sondern im Grunde auch die aus der Repetition sich einstellende Monotonie, die in "Zweites Stasimon" aus "Oedipus der Tyrann" die eigentümlich angespannte Atmosphäre herstellt. Hölderlins Textübersetzung, die Orff verwendete, ist etwas kryptisch, doch vermochte Zirner mit seiner Rezitation zumindest im Ausdruck etwas Klarheit zu schaffen.

Die Klangfärbungen, die mit der Kombination aus Klavieren und Schlagwerk einhergehen, reizte auch George Crumb. Seine "Music of the starry Night" aus "Music for a Summer Evenning" nutzt das Klangspektrum noch feinsinniger. Besonders reizvoll darin die Bach-Applikation. Euler und Huang hatten zu Beginn Präludium und Fuge dis-Moll aus dem Wohltemperierten Klavier historisch fundiert vorgestellt. Zum Abschluss ging nun bei Crumb der Kontext mit dem Aufgreifen des Fugenthemas auf. Der Kreis (Weltenrad) schloss sich mit einer Cembalo-Imitation auf den präparierten Flügeln (Papier auf den Saiten) - sakral wirkende Musik mit hochemotionaler Klangsinnlichkeit war das Ergebnis. Die Imitation eines kosmischen Uhrwerks brachte auch einen Groove ins Spiel, der gnadenlos vorantrieb. Ovationen.

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