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Kirchenasyl:Wie eine neue Familie

Tutzing Kirchenasyl

Fatima Bah aus Sierra Leone.

(Foto: privat)

Nach 13 Monaten in Tutzing droht Fatima Bah die Abschiebung

Von Manuela Warkocz

Die 24-jährige Fatima Bah aus Sierra Leone lebte 13 Monate im Kirchenasyl in Tutzing. Als sie am 5. April 2019 St. Joseph verlässt, ist es der längste Aufenthalt, den der ökumenische Unterstützerkreis in der Pfarrei bewerkstelligt hat.

Mit 14 Jahren verlässt Fatima Bah ihre Familie. "Ihre Mutter war Beschneiderin, auch sie sollte beschnitten werden und die Aufgabe später von der Mutter übernehmen", berichtet ihre Tutzinger Betreuerin Angelika Pfaffendorf. Die furchtbaren Verstümmelungen will das Mädchen weder erleiden noch zufügen. Die junge Westafrikanerin schlägt sich als Bettlerin und Putzfrau durch. Sie flieht durch die Sahara, erlebte Schreckliches in Libyen - "Manches kann sie bis heute nicht erzählen", so Pfaffendorf -, erreicht mit einem Boot mehr tot als lebendig Italien, gelangt schließlich versteckt unter einem Zug über den Brenner nach Deutschland.

Im Kirchenasyl lernt die Analphabetin, die nie eine Schule besucht hat, Lesen und Schreiben. Sie tut sich nicht leicht, Deutsch zu sprechen, bis heute. Englisch spricht sie hingegen gut. Am Telefon erzählt sie, wie das ist, Woche um Woche das Leben auf begrenztem Raum, nur mal hinaus auf die Kirchenwiese, Sitzen im kleinen Hof mit dem Brunnen. Sie leidet unter Magenschmerzen. "Nach vier Monaten drehen viele durch", so Angelika Pfaffendorfs Erfahrung. Auch Fatima sagt sich: "Ich hau ab." Die Betreuerin befürchtet mehrmals, dass die junge Frau in der Früh weg ist. Aber die Betreuer geben auch Halt. Sie sind wie eine neue Familie. "Angelika is my Mummy", sagt die Geflüchtete.

Sie lebt in einer Münchner Flüchtlingsunterkunft. Vergangene Woche besuchte sie Pfaffendorf zu deren Geburtstag in Tutzing. Sie kam mit ihrem Freund Bari Oma, auch er aus Sierra Leone. Was sie sich wünscht? In Deutschland bleiben, Altenpflegerin lernen, eine Familie gründen. Aber ihre Chancen stehen auch nach umfassender Prüfung des Falls nicht gut. Ihr droht die Abschiebung zurück nach Italien. Fatima Bah gehört damit zur überwiegenden Zahl der Menschen, für die das Kirchenasyl keinen dauerhaften Weg nach Deutschland eröffnet hat.

© SZ vom 28.09.2019

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