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Höhenrain:Der Kiosk als Treffpunkt

Kaffee, Semmeln, Zeitungen und Gespräche: Edeltraud Mayrs Dorfladen im Miniformat öffnet jeden Morgen um halb sechs.

Von Sabine Bader

Es geht zu wie im Taubenschlag. Dabei ist es ein ganz normaler Wochentag am Dorfplatz in Höhenrain. "Da müssten Sie mal morgens kommen", sagt Edeltraud Mayr. "Morgens ist hier echt was los." Da decken sich die einen für die Brotzeit ein, und die anderen treffen sich mal schnell zum morgendlichen Kaffeetrinken. "Wenn die Richtigen zusammenkommen, kann das schon auch mal ein Stündchen dauern", erzählt Mayr. Sie findet es wichtig, dass es Orte gibt, an denen man sich treffen und ein paar Worte wechseln kann, auch wenn man in Corona-Zeiten auf Abstand bleibt. Sie findet es auch wichtig, dass es in jedem Ort eine Poststation gibt, bei der man mal ein Päckchen abgeben kann. Das ist auch der Grund, warum man das bei ihr kann - aber dazu später mehr.

"Man baut einfach eine Beziehung zu seinen Kunden auf. So gut wie alle sind sehr bodenständige, nette Leute." Da ist zum Beispiel der Angestellte eines hiesigen Autohauses: "Ich komme jeden Tag mittags zur Brotzeit her", sagt er und bestellt sich heute zum Einstieg eine Salamisemmel. Mal sehen, auf was er danach noch Appetit hat? Es gibt ja auch Leberkäs', Schnitzel, Fleischpflanzerl und Käse mit und ohne Semmel. Und damit nicht genug. Man kann im Kiosk Milch kaufen, Joghurt, Marmelade, Honig, Zucker und Mehl. Ideal, wenn man etwas vergessen hat. Und natürlich gibt es Zeitungen, Wasser, Cola und Bier. Ein Dorfladen im Miniformat. Ein UPS-Fahrer hält seinen Transporter an. Er hat es lieber süß zu Mittag und kauft sich schnell ein Kirschteilchen und dann noch eines mit Quark hinterher.

Edeltraud Mayr ist bei der Bäckerei Burger angestellt. Die Eheleute Marina und Manfred Burger, die auch Bäckereien in Wolfratshausen, Geretsried und Waldram haben, betreiben den Kiosk in Höhenrain im Auftrag der Gemeinde Berg. "Ich bin auch deshalb so zufrieden mit dem Standort Höhenrain", sagte Marina Burger, "weil wir hier unsere Frau Mayr haben."

Den Kiosk gibt es seit 2006. Anfangs wechselten die Betreiber ein paar Mal, erinnert sich Altbürgermeister Rupert Monn. Doch seit man mit der Bäckerei Burger zusammenarbeite, laufe alles bestens. Die Gemeinde hat das kleine Holzgebäude errichtet, als sie den Dorfplatz in Höhenrain umgestaltete. Dabei wurde auch der Dorfweiher ausgebaggert. Dabei ist den Arbeitern ein Malheur passiert, das vielen Dörflern noch heute lebhaft in Erinnerung ist. Der Bagger, mit dem der Weiher vom Schlick befreit wurde, konnte sich am schlammigen Ufer nicht halten und stürzte mitten ins Wasser. Es musste ein zweiter Bagger anrücken, um ihn zu bergen. Dieses Manöver war offenbar besonders eindrucksvoll: Denn die Fahrer beider Gefährte verhakten ihre Schaufeln so ineinander, dass das verunglückte Baufahrzeug schließlich aus dem Teich gehievt werden konnte. Ein Spektakel, das viele Schaulustige anzog.

Frühaufsteher treffen Edeltraud Mayr an sechs Tage die Woche bereits um 5.30 Uhr im Kiosk an - auch samstags und sonntags. Geöffnet ist der Stand wochentags bis 12.30 Uhr. Gerade an den Sonntagen ist hier was los, weil es sonst nirgends in der Gegend frische Semmeln gibt. Nur freitags lässt sich Mayr vertreten, da hat sie frei, der Enkel wegen. Sie hat drei im Alter zwischen einem und eineinhalb Jahren. Dass Edeltraud Mayr für ihr Leben gerne bastelt, dürfte den Enkeln bald zugute kommen. Ihre selbst gefertigte Schaufensterdekoration im Kiosk kann sich in jedem Fall sehen lassen. Sie fäll immer passend zur Jahreszeit aus - jetzt natürlich zur Wiesn, auch wenn das Oktoberfest heuer nicht stattfindet.

Seit sechs Jahren ist Mayr nun hier beschäftigt. Und seitdem hat der Ortsteil auch wieder eine eigene Post. "Bei mir kann man Briefe und Päckchen abgeben und auch Briefmarken kaufen", erzählt sie. "Ich stamme selbst aus einem kleinen Ort, und ich weiß, wie wichtig eine Post ist, gerade für ältere Leute, die nicht mehr so mobil sind."

Edeltraud Mayr kommt aus Buchberg, einem Ortsteil von Gelting. Heute wohnt sie in Waldram. Außerdem hat die heute 55-Jährige in jungen Jahren selbst bei der Post gearbeitet. Sie weiß also, wie dort der Hase läuft. Wochentags kommt gegen Mittag ein Postauto am Kiosk vorgefahren und holt die Briefe und Päckchen bei ihr ab.

Übrigens hüpfen auch die Dorfkinder gern mal schnell bei ihr vorbei. Denn bei ihr gibt es feine Kinderleckereien: kleine, durchsichtige Tütchen, deren Inhalt Mayr selbst zusammenstellt. Die täglich frischen Semmeln, Brote und Backwaren holt sie morgens in der Backstube ihres Arbeitgebers in Geretsried ab. Dort wird täglich frisch gebacken, laut Firmenchefin mit Zutaten aus der Region.

Es ist 12.30 Uhr. Zeit zum Zusperren. Edeltraud Mayr packt langsam ihre Sachen zusammen. Morgen um 5.30 Uhr ist sie ja schon wieder da.

© SZ vom 25.09.2020

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