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Kultur in der Corona-Krise:Starnberger Kino auf der Kippe

Matthias Helwig kämpft um die Existenz seiner drei Kinos und kündigt schon dem zweiten Mitarbeiter. Im Interview erzählt er, dass er kurz davor war, das Filmtheater in Starnberg zu schließen.

Interview von Blanche Mamer und Gerhard Summer

Die fetten Jahre sind vorbei, längst geht es ans Eingemachte: Kinochef Matthias Helwig kämpft in seinen Lichtspielhäusern in Seefeld, Starnberg und Gauting mit Umsatzeinbußen von etwa 70 Prozent. Abgesehen von den Festivalzeiten im September bewegen sich die Besucherzahlen vor allem wegen der Corona-Krise seit Anfang Juli pro Vorstellung im einstelligen Bereich. Ende des Monats muss Helwig deshalb einem zweiten Mitarbeiter kündigen. Er denkt nun daran, sein Fünfseen-Filmfestival nicht mehr selbst zu finanzieren. Seine Idee: Ein Konsortium aus Landkreis, Stadt und anderen Partnern könnte das Filmfest übernehmen und wie in München und Hof einen künstlerischen Leiter anstellen.

SZ: Das Filmfestival 2020 war trotz aller Auflagen ein Publikumserfolg. Mehr als 14000 Besucher kamen, Sie hatten ursprünglich mit allenfalls 7000 gerechnet. Wie ging es finanziell aus?

Matthias Helwig: Völlig unproblematisch, weil ich heuer die Förderung bekam, auf die ich gehofft hatte: allein 65 000 Euro vom Freistaat Bayern, das war eine Steigerung um 25 000 Euro. Wir haben dieses Jahr kein Festivalproblem, das Kino Breitwand ist das Problem.

Wie schlimm ist es?

Alle Kinos kämpfen ums Überleben, wir waren bis jetzt im freien Fall. Schwer haben es vor allem die, die mehrere Kinos betreiben, Personal und Miete zahlen müssen oder gerade investiert haben - und die ganz Großen, die auf Mainstream spezialisiert sind. Es gibt seit März Förderung, ohne diese Hilfe wäre mein Betrieb schon pleite. Im Prinzip ist das ganze Jahr ein Auf und Ab, ich versuche immer wieder, Pläne zu machen, und werde immer wieder von den Ereignissen überrollt. Als ich am 15. Juni tatsächlich wieder geöffnet habe, waren noch alle Filme bis Weihnachten programmiert. Da gab's eine Durststrecke von zwei Wochen, ich hab mir gedacht, das wird schon wieder. Doch dann sind wichtige Filme verschoben worden, ich und alle anderen Kinobetreiber fielen von einem Loch ins nächste. Und es hat sich leider nicht bewahrheitet, was ich erhoffte: dass die Besucher durch das Festival zurück ins Kino kommen. Nach dem Filmfest war's jedenfalls vorbei. Denn ein einmaliges Event wollen viele Leute nicht versäumen, aber bei einem durchgehenden Betrieb wie dem Kino denken sie sich: Da kann ich auch morgen oder nächste Woche gehen. Im September war es so: Sobald das Wetter schön oder akzeptabel war, ist keiner mehr ins Kino gegangen. Alle Zahlen waren unter zehn.

Unter zehn?

Besuchern. Alle Vorstellungen sind entweder ausgefallen oder hatten eine einstellige Besucherzahl. Davon kann ich mir noch nicht mal den Vorführer leisten, geschweige denn den Überbau. Die Gefahr ist: Wenn das noch lange dauert, geht die Struktur verloren. Irgendwann muss man einen Mitarbeiter ausstellen, der zum Team gehörte, der dann vielleicht Schreiner wird und fürs Kino verloren ist. Es gibt jetzt vom Freistaat Bayern ein Förderprogramm bis 31. Dezember. Wie es weitergeht, weiß ich nicht.

Die fetten Jahre sind vorbei: Kinochef Matthias Helwig kämpft in seinen Lichtspielhäusern in Seefeld, Starnberg und Gauting mit Umsatzeinbußen von etwa 70 Prozent.

(Foto: Arlet Ulfers)

Auch mit der Unterstützung können Sie Ihr Personal nicht mehr halten?

Meine Leute kann ich jetzt schon nicht mehr halten. Von einstelligen Zahlen kann ich nicht mal den Vorführer bezahlen.

In guten Zeiten hatten Ihre drei Kinos etwa 18 000 Besucher im Monat.

Richtig. Das war früher mal. Jetzt haben wir einen Besucher- und Umsatzrückgang von um die 70 Prozent. Wir können weder Miete noch Personal mit diesen Zahlen tragen. Als es vor zwei Wochen hieß, dass der neue James-Bond-Film wieder verschoben wird, hab' ich gesagt: Das war's jetzt für Starnberg, ich schließe zu. Völlig sinnlos, da noch weiterzumachen. Danach hieß es, "Kaiserschmarrndrama" in der Reihe der Eberhofer-Krimis kommt. Und ich dachte mir: Okay, dann lass ich's noch mal weiterlaufen. Aber keiner weiß, was bis zum Filmstart am 12. November passieren wird. Es gibt eine Verordnung nach der anderen. Das ist wie eine Achterbahnfahrt, inzwischen bist du mit ganz wenig zufrieden. Unsere Branche ist ja ohnehin seit zehn Jahren im Wandel. Wenn ich heute einen Regisseur sehe, der 30 oder 40 Jahre alt ist - warum sollte der noch einen Kinofilm machen? Wofür? Netflix und Amazon boomen, die wollen ja alle Material haben, also werden auch die jungen Filmemacher für Streamingdienste drehen. Nur ein Beispiel: Tom Tykwer macht jetzt seit sechs Jahren "Babylon Berlin", ist also von jedem Kinofilm und auch vom amerikanischen Markt weg. Wer kann es sich überhaupt noch leisten, einen Kinofilm zu machen?

Woody Allen. Das klang gerade so, als ob Sie kurz davor sind, Ihre drei Kinos zu schließen und Schreiner zu werden.

Ich kann nicht Schreiner werden, dafür bin ich zu alt. Nein, das Gautinger Kino wird immer bleiben.

Weil es Ihnen gehört.

Ja. Mir fällt jetzt allerdings vor die Füße, dass die Baukosten so hoch waren. In Seefeld ist mir der Eigentümer Graf Toerring sehr entgegengekommen. Er hat die Miete reduziert und erst jetzt wieder gesagt: Wir stehen das zusammen durch. Wenn der Vermieter nicht mitmacht, gehst du pleite.

Seefeld und Gauting bleiben, aber Starnberg ist auf der Kippe?

So kann man das sagen.

Ist Starnberg perspektivisch nicht ohnehin schwierig?

Ja, die Corona-Krise hat vieles sichtbar gemacht. Mein Vertrag mit dem Eigentümer, der Kreissparkasse, läuft 2027 aus, und immer noch ist die Frage offen, wie es mit dem sonst leer stehenden Gebäude, dem Portobello-Haus, weitergeht. Es gibt zwei Optionen: Entweder findet sich ein Käufer auf dem freien Markt, oder die Stadt nutzt ihr Vorkaufsrecht. Das sind Prozesse, die haben schon vorher ewig gedauert, aber jetzt wird's eben virulent. Ich hätte da gerne mal irgendwelche Lösungen.

Wer ist überhaupt Ihre Zielgruppe. Die Grauhaarigen, wie im Gautinger Bosco? Beim Filmfestival und im Kino ist doch die junge Generation kaum vertreten.

Auch das ist eine lange Entwicklung seit den Achtzigerjahren. Wenn du einen Jugendlichen fragst, der im Jahr 2000 geboren und mit der Disneysierung und den Marvel-Superhelden aufgewachsen ist, dann hat der ein ganz klares Bild: Kino ist "Avengers". Als ich jung war und ins Kino gegangen bin, haben wir viel Mist angeschaut, es gab eben nichts anderes. Das macht die heutige Jugend nicht mehr. Den Mist kann sie ja auf Video und jedem anderen Medium anschauen und nach fünf Minuten ausmachen. Das heißt: Junge Leute gehen nur noch in die großen Blockbuster. Und genau das ist jetzt das Problem: Disney hat sich völlig zurückgezogen aus den Lichtspielhäusern, der Zeichentrickfilm zu Weihnachten ist auch weg, "Soul" hieß der. Und: Die meisten Leute, die nicht regelmäßig ins Kino gehen, wissen nicht mal, dass wir offen haben. Wir sind gar nicht in den Köpfer dieser Leute drin.

Die große Leere: In den Kinos von Matthias Helwig in Gauting, Seefeld und Starnberg bleiben die Besucher aus. Nur zum Fünfseen-Filmfestival von 26. August bis 9. September herrschte Andrang.

(Foto: Arlet Ulfers)

Die Leute gehen doch auch deshalb nicht mehr in die Filmtheater, weil vorwiegend maue Filme laufen.

Nein, sie erfahren nichts davon. Es gibt gerade eine Vielzahl von sehr schönen Filmen, dazu unsere Filmreihen und Sonderveranstaltungen. Vor allem im Marketing liegen deshalb die kommenden Herausforderungen.

Aber gibt es im Moment das große Kino, das man sehen muss?

Was heißt großes Kino? Ich finde, sowohl "Milla meets Moses" als auch "Niemals selten, manchmal immer" sind wunderschöne Filme. Aber beide laufen schlecht.

Rächt sich nicht auch die Hollywood-Strategie, Fortsetzungen von Stoffen zu drehen, die man nie hätte fortsetzen sollen, weil schon der erste Teil nur schwer erträglich war. Roland Emmerichs "Independence Day: Wiederkehr" etwa - das kann sich kein Mensch ohne Schreikrämpfe anschauen. So was schreckt junge Leute ab, auch die "Krieg der Sterne"-Fans sagen, die neuen Teile sind Schrott. Früher gab es eben Jim Jarmusch, "Down by Law" und "Night on Earth", das musste man gesehen haben. Und genau solche Regisseure, die einfach einen guten Film machen wollen, gehen dem Kino doch heute ab.

Ja. Kino muss sich neu definieren. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass Kino plötzlich wieder hip und cool wird. Das wäre die positive Variante. Die Negative wäre, dass Kino ein Museum wird.

Ihr Gautinger Kino hat immerhin den großen Vorteil, dass es an der S-Bahn liegt.

Es ist mein Haus, ich kann hier alles zeigen, was ich mir wünsche, ich habe ein schönes Restaurant, wir machen jetzt eine neue Livemusik-Reihe. Das ist der Ort, der für mich bleiben wird. Seefeld hat diese besondere Atmosphäre, wenn ich dort hinkomme, fühle ich mich sofort wohl. Starnberg muss man sehen.

Auch wenn Sie kein Prophet sind: Gibt es ein Filmfest 2021, vielleicht mit den Ehrengästen Bjarne Mädel und Mario Adorf?

Adorf ist 90. Aber: Ich reiche für 2021 den normalen Antrag fürs Festival von 1. bis 12. September ein, wieder mit Dampferfahrt, aber auch mit der Open-Air-Eröffnung. Das Fünfseen-Filmfestival hat mit der Eröffnungsgala direkt am See einen bundesweit attraktiven Austragungsort dazugewonnen. Und an dem neuen Markenzeichen will ich festhalten. Für die nächsten drei Jahre ist wieder eine Motto-Trilogie geplant. Einigkeit und Recht und Freiheit machen Deutschland aus, gerade in der jetzigen Situation halte ich es für sehr wichtig, diese drei Worte in Filmen und Gesprächen näher zu beleuchten. 2021 steht also unter dem Motto Einigkeit oder Solidarität. Es gibt auch den Gedanken, eine andere Organisationsstruktur in den nächsten Jahren zu etablieren: dass die Stadt, der Landkreis und weitere Partner die Finanzierung des Festivals und die Ausfallbürgschaft übernehmen, beides hatte bisher ich getragen. Das wäre im Prinzip ein Konsortium, das auch das Sagen hätte.

Neigen Behörden oder Kreditinstitute nicht dazu, auf Nummer sicher zu gehen und nur Mainstream zu bieten?

Klar ist: Mit einem Konsortium hätte das riskante Filmfest 2020 nicht stattgefunden. Auf der anderen Seite kann es auch sein, dass ein Konsortium bereit ist, mal mehr Geld in die Hand zu nehmen. Ich habe zuletzt gedacht, das war es, das mache ich nicht noch einmal, dass ich das Filmfest mit eigenem Risiko finanziere. Wenn Landkreis und Stadt das Festival auf lange Zeit haben wollen, müssen sie eine Struktur finden, dass es auch unabhängig von mir gedacht werden kann. Das Konsortium müsste also wie in München oder Hof einen Festivalleiter anstellen, der aber nicht mit seinem Vermögen haftet.

© SZ vom 17.10.2020

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