Interview mit der Doppelspitze des Starnberger Kreisklinikums "Dr. House ist ein Genie"

Chefarzt Trenkwalder und Geschäftsführer Weiler sprechen über Arztserien, Telemedizin, Selbstoptimierung und die Zukunft der Krankenhäuser

Von  Otto Fritscher und Wolfgang Prochaska, Starnberg

Seit 50 Jahren besteht das Kreisklinikum Starnberg. Ein Jubiläum, das kürzlich groß gefeiert wurde. Wie steht das Krankenhaus aber wirtschaftlich da? Wohin wird es sich in Zukunft entwickeln? Und welchen Stellenwert hat die Ökonomie? Darüber sprechen Chefarzt Peter Trenkwalder und Geschäftsführer Thomas Weiler im SZ-Interview.

SZ: Das Starnberger Klinikum gehört zu den wenigen kommunalen Krankenhäusern, das schwarze Zahlen schreibt. Die Auslastung liegt bei durchschnittlich 85 Prozent. Wie machen Sie das?

Thomas Weiler: 85 Prozent, na gut. Manche Politiker meinen, es ginge noch mehr. Aber man muss wissen, dass unsere Auslastungsquote von Montag bis Freitag durchschnittlich 96 Prozent beträgt. Da ist kaum mehr ein Bett frei.

Peter Trenkwalder: Zulegen könnten wir - salopp gesagt - nur noch, wenn wir auch noch samstags operieren. Das wollen und das können wir nicht.

Weiler: Wir können ja nicht um 18 Uhr zusperren. Deshalb werden wir künftig andere Arbeitszeitmodelle entwickeln müssen, auch weil immer mehr Frauen in die medizinischen Berufe kommen. Und die bekommen auch mal Kinder.

Was macht das Starnberger Klinikum in ihren Augen einzigartig?

Trenkwalder: Es gibt wenig Häuser mit 300 Betten, die von der Geburtshilfe mit mehr als 2200 Geburten über eine hochkompetente Kinderklinik bis zur Palliativmedizin alles bieten.

Weiler: Mir fällt es schwer, einzelne Bereiche herauszunehmen. Aber es wird in Deutschland kaum ein zweites Haus unserer Größenordnung geben, das mehr als 20 000 stationäre Patienten behandelt.

Wie schaut es mit den viel umworbenen Medizintouristen aus den GUS-Staaten und den Arabischen Emiraten aus?

Weiler: 2013 hatten wir 197 ausländische Patienten, die man als Medizintouristen bezeichnen könnte. Bei mehr als 20 000 stationären Patienten pro Jahr fällt das kaum ins Gewicht.

Werden Sie eines Tages Patienten nach Penzberg schicken müssen, weil hier kein Platz mehr ist? Das Penzberger Krankenhaus, ein 100-Betten-Haus hat das Starnberger Klinikum bekanntlich für einen Euro gekauft.

Für die ganze Familie: Die Starnberger Kreisklinik hat ihren Schwerpunkt in der medizinischen Versorgung der Landkreisbürger.

(Foto: Georgine Treybal)

Weiler: Das werden wir nicht tun. Das Starnberger Klinikum dient der Versorgung der Bevölkerung aus der Region. Anders ist das bei Spezialgebieten, in denen wir ein überregionales Angebot haben, etwa die Endokrinologie oder Handchirurgie. Da kommen Patienten aus ganz Bayern, und denen ist es egal, ob sie in Starnberg oder Penzberg operiert werden.

Zurück nach Starnberg. Wie viel Gewinn macht das Klinikum?

Weiler: Unsere Umsatzrendite liegt aktuell bei rund sechs Prozent, das Klinikum erwirtschaftet einen Überschuss von drei bis vier Millionen Euro pro Jahr. Unser Rezept ist: Wir konzentrieren uns auf das, was wir können, also die Grund- und Regelversorgung. Es gibt ja die 80 zu 20 Regel. Stellen Sie sich mal alle Erkrankungen vor, die in einem Landkreis mit 140 000 Einwohner auftreten können. 80 Prozent dieser Krankheitsbilder wollen wir behandeln können. Die restliche 20 Prozent sind Spezialfälle, etwa Gehirntumore oder schwere neurologische Erkrankungen, die wir als Maximalversorger an spezielle Kliniken verweisen. Das, was wir können, machen wir aber gut und häufig.

Aber gerade für diesen erwähnten schweren Fälle bekommt eine Klinik höhere Erlöse von den Krankenkassen und Versicherungen.

Weiler: Aber wenn man solche Spezialfälle nicht häufig genug macht, rentiert es sich nicht. Deshalb braucht man ein transparentes Controlling. Wir machen den Ärzten gegenüber transparent, wie ökonomisch eine Behandlung ist. Jeder Arzt weiß, was er im Monat erwirtschaftet hat.

Wie ist es für Sie als Arzt, ständig solche Zahlen im Kopf haben zu müssen?

Trenkwalder: Das habe ich in den vergangenen 15 Jahren gelernt. Das ist die Ökonomisierung der Medizin. Klar ist, dass die Leitenden Ärzte auch wirtschaftliches Knowhow brauchen. Da gab es anfänglich großen Widerstand. Aber diese Notwendigkeit haben die Ärzte Anfang der 90er Jahre verschlafen.

Wann sind Sie Arzt, und wann Betriebswirt?

Trenkwalder: Im Alltag bin ich das 50 zu 50. Man ist nicht nur Chefarzt, sondern auch Chef. Das hat Auswirkungen bis in die Visiten hinein. Wenn einer meiner Patienten sagt, ich hatte da mal was an meiner Bandscheibe, können wir nicht noch einen Kernspin machen? Dann habe ich im Hinterkopf: das kostet 450 Euro. Den Kernspin bekommt er dann, wenn er notwendig ist. Aber wenn der Patient tausend Wehwehchen hat wie viele Leute und wegen Lungenentzündung da ist, dann werde ich keinen Kernspin machen.

Weiler: Aus dem Gesamtvolumen, das man als Arzt an Einnahmen hat, muss man die Leistungen erbringen können. Klar ist auch, dass nicht jeder Patient einen Überschuss erwirtschaftet. Wenn man das wollte, käme man von der Rationalisierung zur Rationierung. Das heißt, man müsste dem Patienten etwas vorenthalten.

Wie viel Umsatz machen Sie?

Trenkwalder: Mein Umsatz hier am Klinikum beträgt etwa zehn Millionen Euro. Ich habe 25 Ärzte im Team und einen Pflegestamm von 120 Mitarbeitern. Würde ein Unternehmen dieser Größenordnung ohne betriebswirtschaftliches Wissen geführt werden können?

Professor Peter Trenkwalder (li.) und Thomas Weiler bilden die ärztliche und kaufmännische Doppelspitze am Starnberger Kreisklinikum.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Hat ein Krankenhaus aber jenseits aller Zahlen nicht auch etwas mit Caritas zu tun?

Weiler: In Deutschland bekommt jeder Patient, egal wie er versichert ist, eine extrem hohe Behandlungsqualität. Die Zweiklassen-Medizin gibt es nur im Hinblick auf den Service-Charakter, aber nicht auf die Versorgung.

Bekommt ein 80-Jähriger im Klinikum noch eine künstliche Hüfte?

Trenkwalder: Bei uns bekommt er eine künstliche Hüfte, außer die Lebenserwartung ist weniger als ein Jahr. Bei einer Frau, die beim Umbetten aus dem Bett gefallen ist und die seit fünf Jahren im Bett liegt, wird man es vielleicht nicht tun.

Weiler: Der Vorteil unseres Systems ist, dass es keine Altersgrenze gibt. Jeder Arzt kann verordnen, was er will. Aber man muss halt mit seinem Budget auskommen. Das Knie ist ein besseres Beispiel als eine künstliche Hüfte. Es gibt einfache Prothesen, die sich nur im 90-Grad-Winkel bewegen, und dann gibt es rotationsgesteuerte, unterschiedliche für Männer und Frauen, die kosten zwischen 1000 und die anderen 6000 Euro. Aber der Erlös, den die Klinik bekommt, ist immer gleich. Da ist natürlich die Frage: Was baue ich einer 90-Jährigen im Pflegeheim ein? Ein Jüngerer, der noch Sport machen will, bekommt natürlich das rotationsgesteuerte.

Sind die Patienten heute durch das Internet besser informiert als früher?

Trenkwalder: Wir bekommen eine neue Generation von Patienten. Interessant ist die Entwicklung mit der Apple-Uhr oder den Armbändern, die Daten aufzeichnen - über den Schlaf, die Bewegung, den Puls. Die Frage ist, was mit diesen Daten passiert? Der Patient selbst wird wahrscheinlich nicht in der Lage sein, diese Datenfülle richtig zu bewerten. Er kann sie aber an den Arzt übermitteln. Deshalb wird die Stellung des Arztes wichtig bleiben.

Haben Sie ein praktisches Beispiel?

Trenkwalder: Nehmen wir den Blutdruck.

Wir haben bisher die Werte meist nur in der Arztpraxis gemessen. Jetzt ist das nur ein Baustein, denn 80 Prozent der Werte bringt der Patient mit. Diese Informationen sind für mich die wichtigeren.

Die Apple-Uhr ist also eine gute Erfindung? Sie werden sich eine kaufen?

Trenkwalder: Nein, ich halte solche Geräte, so nützlich sie sein können, auch für eine gewisse Form der Versklavung. Ich weiß selbst, was ich esse, wie viel Sport ich mache. Ich versuche dreimal in der Woche 45 bis 60 Minuten Sport zu machen. Aber es gelingt mir nur zweimal im Monat, dass ich es dreimal in der Woche schaffe. Daran ist nicht der innere Schweinehund schuld, sondern irgendeine Versammlung - oder die Ehefrau, die mal alle Familienmitglieder zum Abendessen zu Hause haben möchte.

Zur Person

Was halten Sie von Telemedizin?

Trenkwalder: Sie wird immer wichtiger. Ich vergleiche das mit der E-Mail. Vor gut zehn Jahren habe ich vielleicht einmal im Monat eine E-Mail von einem Patienten erhalten, inzwischen ist es eine Mail pro Tag von ausgewählten Patienten. Sie fragen: Stimmt die Therapie? Welches Medikament empfehlen Sie mir? In fünf Jahren kann es gut eine Stunde am Tag sein, in der ich Patienten-Mails lese. Dann schreibe ich zurück. Übrigens, dafür gibt es noch kein Gebührenziffer.

Das heißt, Sie beraten per E-Mail kostenlos?

Trenkwalder: Ja, ich kann mir vorstellen, dass sich das ändern wird.

Welche Entwicklungen sehen Sie auf das Kreisklinikum zukommen?

Trenkwalder: In fünf Jahren werden wir sicher eine noch stärkere Subspezialisierung bekommen. Als ich die Innere Medizin übernommen hatte, war mein Vorgänger einer, der quasi alles im Bereich Innere Medizin konnte. Ich bin der Kardiologe, der nicht alles kann. Deshalb gab es schon eine Spezialisierung und diese Entwicklung wird sich fortsetzen. Wie heißt der geniale Arzt aus der US-Serie gleich wieder?

Meinen Sie Dr. House? Sie wollen jetzt aber nicht sagen, dass Sie Arztserien im Fernsehen anschauen?

Trenkwalder: Nicht regelmäßig. Aber dieser Dr. House, der ist schon eine schillernde Figur, ja fast schon ein Genie. Den würde ich nicht einstellen. Das ist ja so, wie wenn ein Kriminaldirektor einen Tatort-Kommissar einstellen würde.

Welche baulichen Veränderungen stehen in der nächsten Zeit an?

Weiler: Wir brauchen eine neue Intensivstation, die kostet rund 20 Millionen Euro.

Woher kommt das Geld?

Weiler: Das finanzieren wir aus Eigenmitteln. Auch braucht das Klinikum mehr Parkplätze. Das Parkdeck muss saniert werden, was eine Million Euro kostet. Da wäre es doch gleich sinnvoller, eine Erweiterung zu realisieren, die vielleicht 1,6 oder zwei Millionen Euro kostet. Der Landkreis hat noch ein Areal an der Oswaldstraße.

Welche Veränderungen wird es in der Klinik-Landschaft im Landkreis geben?

Trenkwalder: Schauen Sie, in den vergangenen Jahren sind die Krankenhäuser in Tutzing und Kempfenhausen an Klinikketten verkauft worden, da fallen die Entscheidungen in den Konzernzentralen. Seefeld ist dank des Zweckverbandes und des stillen Teilhabers Landkreis Starnberg ein solides Krankenhaus, wenn es auch schwierig ist, ein 75-Betten-Haus in der Chirurgie zu führen. Und ich gehe davon aus, dass die Schindlbeck-Klinik in Herrsching in fünf Jahren auch zu einer Kette gehören wird. Das ist vielleicht eine gewagte Prognose, aber dort sehe ich niemanden, der die Familientradition fortführt.

Welche Haltung haben Sie zum Streit um den Neubau der Artemed-Klinik in Feldafing?

Trenkwalder: Dazu sage ich nur: Personalwohnungen sind für eine Klinik sehr wichtig. Den Gesamtneubau möchte ich nicht beurteilen.

Weiler: Ich würde die Entscheidung über das Projekt aber nicht von der Zahl der Personalwohnungen abhängig machen. Das ist schwer nachvollziehbar. Entweder ich baue eine Klinik - oder nicht.