Integration Wie eine indische Familie am Wörthsee heimisch wurde

Vor 20 Jahren ist Manbir Singh Warrich nach Wörthsee gekommen und hat dort einen Pizzaservice eröffnet. Heute ist er Deutscher und sein Laden brummt.

Von Christine Setzwein

Ein Inder, der in Wörthsee einen Pizzaservice eröffnet, noch dazu an exponierter Stelle mitten in Steinebach. "Was will der da?", fragten sich die Alteingesessen und gaben ihm kein Jahr. Aus einem Jahr sind 20 geworden - und Wörthsee für Manbir Singh Warrich zur Heimat.

Der 49-Jährige wurde in Nordindien geboren und arbeitete als Polizist. "Aber nach Europa zu gehen, war immer mein Traum", sagt er. 1992 kam er nach Deutschland, arbeitete bis 1997 im Münchner Ratskeller als Kellner. Anfangs sprach er nur Englisch, dann lernte er Deutsch an einer Sprachenschule. Als er erfuhr, dass in Steinebach die früheren Räume der Raiffeisenbank frei sind, packte er die Gelegenheit beim Schopf, mietete sie und eröffnete den ersten Pizzaservice weit und breit.

Das Geschäft lief immer besser, Manbir holte seine Frau Sarabijt Kaur nach. Das Paar hat zwei Kinder, die Tochter Orman, 13, und den elfjährigen Sohn Shirnaj. Beide sind hier aufgewachsen, haben den Kindergarten besucht und gehen in Herrsching zur Schule. "Wir haben alle die deutsche Staatsbürgerschaft", sagt Manbir. Ein- bis zweimal im Jahr besucht er seine Mutter in Indien, zuhause fühlt er sich am Wörthsee. "Ich habe Vertrauen gewonnen", sagt er. Der örtliche Gewerbeverband hat ihn zu seinem stellvertretenden Vorsitzenden gewählt, er sponsert den Sportclub Wörthsee und den Rotary Club. Jeden Montag spielt Manbir Volleyball beim SC.

Ein Inder, der in Wörthsee einen Pizzaservice eröffnet: Manbir Simgh Warrich (re.) hat vorgemacht, dass das funktionieren kann. Ihm zur Seite steht Wolfgang Bernard, der im Team "Mädchen für alles" ist: Der 66-Jährige nimmt die Bestellungen an, fährt sie, wenn nötig, auch aus, macht die Buchhaltung.

(Foto: Nila Thiel)

An der Wand stehen große Kupferkessel, in denen das Mittagsmenü serviert wird. Salat, zwei Fleischgerichte, ein Vegetarisches und Obst. Mittagsmenü gab es vor 20 Jahren noch nicht. Drei indische Gerichte und Pizzen aller Art wurden ausgeliefert. Vegetarisches Essen war überhaupt kein Thema, heute macht es auf der Speisekarte eine ganze Seite aus. "Alles wird frisch gekocht", sagt Warrich, der von allen nur Manbir genannt wird. Bis auf das Curry, das braucht vier Stunden, bis sich in einem großen Topf 25 Kilogramm Zwiebeln und viele Gewürze zu einer schmackhaften Soße verbunden haben, die dann als Grundlage für andere dient.

Seine älteste Kundin ist 93 und bestellt täglich indisches Essen, erzählt Manbir. Er beliefert ein örtliches Hotel, große Firmen in den Nachbargemeinden, macht das Catering für Geburtstags-, Abi- und Weihnachtsfeiern. Die Lieblingsgerichte der Kundschaft sind Mango-Chicken und Spinat mit hausgemachtem Käse. Das Catering möchte er ausbauen und dafür ein neues Auto anschaffen. Die Wohnung und das Lokal in dem Haus am Spitz Etterschlager/Seestraße, das ihm mittlerweile gehört, hat er saniert, um- und ausgebaut. "Vier Mal", sagt er, "ich wollte immer besser werden."

Sein Lebensmotto hat der Wirt gut sichtbar für alle Besucher auf die Tafel an der Wand geschrieben.

(Foto: Nila Thiel)

Manbir zur Seite steht seit 20 Jahren Wolfgang Bernard. Er ist der Deutsche im Team und "Mädchen für alles", wie er selber sagt. Der 66-Jährige nimmt die Bestellungen an, fährt sie, wenn nötig, auch aus, macht die Buchhaltung, kümmert sich. In der Küche arbeiten außer dem Chef ein Inder und zwei Afghanen. Die Ausfahrer stammen momentan aus Ungarn und Kroatien. Auch für Warrich wird es immer schwieriger, Personal zu finden. "Wir hatten in den 20 Jahren bestimmt mehr als 300 Pizzafahrer", sagt Bernard.

Der Tag beginnt für Manbir um sechs Uhr früh. Zum Einkaufen fährt er nach München. Dann wird vorbereitet. Wenn am Vormittag die Mitarbeiter kommen, trinken sie zuerst zusammen Kaffee, besprechen den Tag. Um elf Uhr wird geöffnet. Einen Ruhetag gibt es nicht. Und auch die Mittagspause, die eigentlich von 14 bis 17 Uhr dauert, wird nicht immer eingehalten. Wie an diesem Tag, an dem neue Nachbarn vorbeischauen. Sie sind gerade umgezogen und haben Durst. Sie bekommen etwas zum Trinken.

In den Kupferkesseln an der Wand das Lokals dampfen die Mittagsmenüs.

(Foto: Nila Thiel)

"Das Leben genießen und die Leute glücklich machen", lautet das Motto von Manbir Singh Warrich. Auf einer Tafel an der Wand hängt ein Spruch: "Freunde sind wie Sterne. Du kannst sie nicht immer sehen, aber trotzdem sind sie immer da." Der Inder und die Wörthseer sind längst Freunde geworden.