bedeckt München
vgwortpixel

In der Gautinger Remise:Leben zwischen Extremen

Gauting, Schloss Remise Sommerfestival

Intensität und Dichte: Almuth Siegel und Ágnes Pusker.

(Foto: Georgine Treybal)

Das "Kleine Sommerfestival" rückt Georg Trakl und Violinen in den Fokus

Sich mit den Versen Georg Trakls musikalisch auseinanderzusetzen, ist ein spannendes Unterfangen. Die 25 Miniaturen für Violine und Klavier von 2008 (revidiert 2010), die Komponist Johannes X. Schachtner daraus gewann, zeugten beim "Kleinen Sommerfestival" in der Gautinger Remise des Schlosses Fußberg von einem Schöpfen aus dem Vollen. Tatsächlich erwiesen sich die vieldeutigen Verse, die Tilman Strasser erhellend zwischendurch rezitierte, als eine in gewisser Weise abstrahierende Quelle reichhaltiger Deutungsmöglichkeiten und suggestiver Erzählungen. Trakl verstand es, mit metaphorischen Andeutungen, Assoziationen und Mehrdeutigkeiten virtuos zu spielen.

Scheinbar unzusammenhängende Motive rufen magische Atmosphäre und symbolbeladene Rätselhaftigkeit hervor. Dass es dabei nicht immer nur schönästhetisch zugeht, erscheint angesichts der Lebensumstände des Dichters nur aufrichtig: drogenabhängige Mutter, Erziehung durch Gouvernante im bürgerlichen Salzburg, inzestuöse Beziehung zu einer seiner Schwestern, früher Schulabbruch, Drogenexperimente, schließlich Tod an Überdosis Kokain mit nur 27 Jahren. Aber Trakl war ein Kämpfer, schaffte es, Magister der Pharmazie zu werden und sich daneben mit Prosatexten und Lyrik zu etablieren. Sein kurzes Leben war intensiv und fand zwischen Extremen statt. Geradezu die Abbildung des Expressionismus, den er vertrat und der sich in der musikalischen Verarbeitung wohl nicht bedingungslos ergab.

Die unterschwellige Spannung im Zyklus Schachtners, die er am Flügel befeuerte, dürfte von diesem Ringen um eine musikalische Form herrühren. Die kurzen Stücke mit Titeln wie "Der Gebärenden Schrei", "Voll Harmonien ist der Flug der Vögel", "Tönende Bündel vergilbten Korns" oder ins "braune Gärtchen tönt ein Glockenspiel" zielten eher auf Befindlichkeiten ab, die einen bei Trakls Gedichten überkommen: Tönende Psychogramme, die durchaus die musikalischen Metaphern und Farbangaben wörtlich nahmen. Für ein derartiges Ausdrucksspektrum zog Schachtner alle Register zeitgenössischer Spielarten heran.

Die Auswahl der Werke für den Abend in der Remise mit Trakl-Miniaturen im Zentrum rückte unter dem Titel "Violinicum - ein musikalisch-literarischer Abend" die Violine in den Fokus. Die beiden herausragenden Geigerinnen des Duos ASAP, Almuth Siegel und Ágnes Pusker, breiteten die Möglichkeiten des Streichinstruments aus, beginnend traditionell mit einer Rarität, die den Geigen an menschliche Gesangsstimmen nah heranzukommen gewährte: Eine Fantasie von Orlando di Lasso. Ein Bicinium, das in Renaissance und Barock meist für Singstimmen gesetzt war. Siegel und Pusker fanden hier zu substanzvoller Intensität und Dichte. Traditionell blieb es auch beim Bruckner-Schüler Robert Fuchs, der mit seinen Kompositionen für ein Nachwirken Brahmsscher Musik sorgte. Seine heiter beschwingte Leichtigkeit war wohl das Fortschrittlichste in seinen zwei Phantasiestücken aus op. 105.

Auch Humoriges fand ins Programm, naturgemäß in der Lesung leichter erkennbar als in der Musik. Leopold Mozart beschrieb die Spielhaltung in seiner Violinschule von 1756, aus der Fuchs vorlas: Eine steife Haltung, bei der wohl selbst das Atmen schwergefallen sein muss. Aus heutiger Sicht absolut belustigend. Zum Glück hielten sich Siegel und Pusker nicht an die Anweisungen. Die Bagatellen Schachtners, mit Gedichten von Rilke und Ringelnatz konfrontiert, blieben etwas zurückhaltender, dafür insgesamt experimenteller mit Späßen wie in "Pfeifende Johanna" mit Triller- und Hundepfeife oder pantomimischem Puppeneffekt in "Stumme Jule", was im Theaterjargon ein lautloses Agieren bezeichnet. Mit den drei uraufgeführten Bagatellen V - VII schloss Schachtner den zweiten, sich über 15 Jahre spannenden Zyklus über weibliche Vornamen ab sowie den spannenden Abend mit violinistischer Akrobatik.