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Immobilien:Urlaub in der Vergangenheit

Der Starnberger Reiseunternehmer Karl Knötig hat ein fast verfallenes Kloster im Pustertal von Fachleuten wieder aufbauen lassen und aus der historischen Anlage das Luxushotel Sonnenburg gemacht. Nun wird sein Lebenswerk verkauft

Als Karl Knötig die Sonnenburg zum ersten Mal inspiziert, ist sie nichts als ein Haufen kaputter alter Steine. Doch er liebt dieses fast verfallene Kloster von der ersten Sekunde an. Zug um Zug lässt er die historische Anlage von Fachleuten wieder aufbauen und macht aus ihr ein Luxushotel. Knötig hat darin seine Lebensaufgabe gefunden. Jetzt, ein Jahr nach seinem Tod, verkauft sein Sohn Gunther das Anwesen.

Doch zurück zum Anfang der Geschichte: Nur das Äbtissinnenhaus der Sonnenburg steht noch, als Knötig erstmals den ehemaligen Klosterhof betritt. Doch auch dieses Gebäude ist stark beschädigt, das Dach ist marode und die Wendeltreppe des Hauses hängt praktisch in der Luft. Eingestürzt ist ein anderer Klosterflügel sowie der Kreuzgang und die Krypta. Sie sind längst von Erde bedeckt, Anwohner bauen dort Kartoffeln an.

Südtirol, Sonnenburg, Gunther Knötig

Die Sonnenburg liegt drei Kilometer westlich von Bruneck und thront über der Pustertaler Gemeinde St. Lorenzen.

(Foto: Gunther Knötig)

Das alles spielt sich im Jahr 1965 in St. Lorenzen im Pustertal ab. Der Starnberger Reiseunternehmer Knötig hat sich mit seiner Firma "alpetour" auf Südtirolreisen spezialisiert und längst einen guten Draht zu Land und Leuten aufgebaut. Kein Wunder, dass sie ihn fast nötigen, die Burgruine zu kaufen. Das Land Südtirol habe "sie nicht einmal geschenkt haben wollen", erzählt Knötig Jahre später einmal. Und entgegen allen wohlmeinenden Ratschläge von Freunden lässt sich der Unternehmer breitschlagen. Seine Witwe Adele meint heute rückblickend: "Am Anfang, als ich den Schutthaufen sah, war ich schon konsterniert." Doch dann habe ihr Mann zu ihr gesagt: "So etwas kann man doch nicht weiter verfallen lassen. Das ist eine wunderbare historische Bausubstanz."

Karl Knötig kannte jeden Stein auf der Sonnenburg. Bei allen archäologischen Schätzen Grabungen auf den Klostergelände, war er dabei.

(Foto: Adele Knötig)

Auch wenn die heute 90-Jährige die "wunderbare Bausubstanz" zum diesem Zeitpunkt noch nicht zu schätzen weiß, glaubt sie dem Urteil ihres Mannes und willigt ein. Ein Schritt, den sie nicht bereut hat, wenngleich in den kommenden 40 Jahren auf der Sonnenburg immer an dem ein oder anderen Ende gebaut und gebuddelt werden wird.

Erde- und Schutthaufen verschwinden nach und nach, gemeinsam mit Denkmalschützern, Kunsthistorikern und Baufachleuten werden Ende der 70-er Jahre der Ostarm des Kreuzgangs und die Krypta aus dem 11. Jahrhundert freigelegt. Danach finden die Fachleute die Ruinen des Hauptschiffs der ehemals dreischiffigen romanischen Basilika. Die Stiftskirche stammt ebenfalls aus dem 11. Jahrhundert. Durch einen Zufall entdecken die Experten zudem, dass sich unter dem Kirchenschiff die Überreste einer weiteren, kleineren Kirche befinden, die aus dem frühen Mittelalter stammt und durch einen Brand zerstört wurde. Die Datierung allerdings bereitet den Wissenschaftlern Kopfzerbrechen - die Meinungen schwanken zwischen dem 6. und 8. Jahrhundert. Zeitgleich wird auch auf der anderen Seite der ehemaligen Klosteranlage gegraben. Und immer mitten drin: Karl Knötig.

Die Äbtissinnen

Wann genau die Sonnenburg erbaut wurde, weiß niemand - nur so viel: Vor dem Jahr 1000 war sie die Burg der Grafen von Lurngau. Die Anlage war als klassische Klosterburg konzipiert: von der Funktion her ein Kloster, aber mit den wehrhaften Bauten einer Burg. Die ersten Äbtissinnen, die nach Gründung des Benediktinerinnen-Klosters 1039 in die Sonnenburg einzogen, kamen aus dem Hochadel. Ihre verwandtschaftlichen Beziehungen erlaubten es ihnen, Freiheiten für sich in Anspruch zu nehmen, die andere Ordensfrauen nicht hatten, und insbesondere die Klausur nicht regelkonform abzuhalten. Genau darum kam es um das Jahr 1450 zum Zerwürfnis zwischen der Äbtissin Verena von Stuben und dem Brixener Fürstbischof Kardinal Nikolaus Cusanus. 1785 wurde das Frauenstift, unter dessen Verwaltung mehr als 600 Höfe und Schwaigen gestanden hatte, aufgelöst und die Ordensfrauen vertrieben. So recht wusste niemand, was aus dem Kloster werden sollte: 1788 plante man, die Anlage als Gefängnis umzubauen, 1795 wollte man dann aus ihr eine Messingfabrik machen. Schließlich aber gaben die Verantwortlichen das historische Bauwerk zum Abbruch frei. Mitte des 19. Jahrhunderts besann man sich jedoch auf soziales Engagement und richtete im Äbtissinnen-Trakt der heutigen Sonnenburg, dem einzigen noch einigermaßen bewohnbaren Gebäudeteil, ein Armenhaus ein. bad

Wann immer Archäologen neue historische Kostbarkeiten zutage fördern, betrachtet Knötig diese mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Begeisterung. So ist es auch, als der Kunsthistoriker Michael Wolf ihm 2001 ein Skelett, das er in gut eineinhalb Metern Tiefe freigelegt hat, zeigt und den Unterkiefer prüfend emporhebt. Auf Grund des Knochenbaus dürfte es sich um einen Mann handeln, urteilt er. Wie bitte, ein Mann im ehemaligen Frauenstift? Wahrscheinlich sind es die sterblichen Überreste des Gründers der Klosteranlage, der hier bestattet wurde. Sein Name: Volkholt aus dem Geschlecht der Gaugrafen. (Kasten)

Es ist übrigens nicht der erste Knochenfund auf dem klösterlichen Grabungsgelände. Die Gebeine von drei Äbtissinnen sind bereits wenige Wochen zuvor entdeckt worden. Das weiß man, weil jedes der Skelette einen Goldring mit der Inschrift "IHS" trug - Jesus, Heiland, Seligmacher.

Während am einen Ende des Klosters Archäologen mit Pinselchen bewaffnet Fundstücke freilegen, genießen Sommergäste am anderen ihren Urlaub. Schon im Jahre 1971 kommen die ersten Gäste auf die Sonnenburg. Anfangs will das Ehepaar Knötig nur einen Herbergsbetrieb auf dem Hügel einrichten, doch dann wird ein Vier-Sterne-Hotel daraus. Und die Gäste genießen es, die fein restaurierten Wandmalereien, Holzvertäfelungen und Kassettendecken zu bestaunen. Stets lassen die Hoteleigner ihre Gäste teilhaben an der Historie des Hauses. Sie organisieren Führungen mit Experten, präsentieren Fundstücke in Vitrinen.

Natürlich hängt Adele Knötig noch heute an der Sonnenburg. Schließlich hat sie das Hotel maßgeblich eingerichtet und gestaltet. Ihr Mann war hingegen der Held der Steine. Doch die 90-Jährige ist Realistin. Auf die Verkaufspläne ihres Sohnes war sie vorbereitet, wie sie sagt. Jetzt hofft sie, dass "die Sonnenburg in gute Hände kommt, die den historischen Platz zu schätzen wissen".

© SZ vom 25.10.2019

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