Pöcking Ende eines quälenden Versteckspiels nach 15 Jahren

Sie lächeln, doch die Ungewissheit quält sie jeden Tag: Ljubov Sagan und ihr Ehemann Vladimir Ostash sowie ihre Kinder Chantal und Jonas fühlen sich wohl in Pöcking, wo sie eine Wohnung mit Balkon haben. Doch sie wissen nicht, wie lange sie bleiben dürfen.

(Foto: Arlet Ulfers)
  • Vor 15 Jahren kam ein ukrainisches Paar illegal von der Ukraine nach Deutschland.
  • Heute lebt die vorbildlich integrierte Familie in Pöcking am Starnberger See - bis vor kurzem unter falscher Identität.
  • Nun entscheidet sich, ob Vladimir Ostash und seine Ehefrau Ljubov Sagan weiter hier bleiben dürfen.
Von Christian Deussing

Die vielen Jahre des Lebens mit einer Lüge sind vorbei: Vladimir Ostash und seine Ehefrau Ljubov Sagan aus Pöcking, 44 und 41 Jahre alt, machen reinen Tisch. Sie verstecken sich nicht mehr und leben nicht mehr unter falscher Identität. Das ukrainische Paar zeigte sich selbst an und wurde im vergangenen November vom Amtsgericht Starnberg wegen verbotenen dauerhaften Aufenthalts zu neun und acht Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt. Zudem mussten sie 120 Stunden Sozialstunden ableisten. Die Arbeitserlaubnis hatte die Starnberger Ausländerbehörde dem Paar nach der Selbstanzeige im Herbst 2017 entzogen. Die Ukrainer haben seither große Angst, ausgewiesen zu werden. Ihr Aufenthalt in Deutschland ist nur geduldet und wird höchstens um einige Monate verlängert. Eine wichtige Entscheidung fällt an diesem Dienstag.

Doch die Ersparnisse der Eheleute sind nahezu aufgebraucht. Sie sitzen auf dem Sofa und erzählen von ihrem Kampf um einen Aufenthalt in Deutschland unter legalen Verhältnissen. Vor 15 Jahren waren die Ukrainer mit gefälschten litauischen EU-Pässen über Tschechien illegal nach Deutschland eingereist und lebten zunächst drei Jahre unter falschen Namen in Leipzig. Seit 2007 sind sie in Pöcking, wo sie heimisch wurden und eine Trockenbaufirma gründeten, die nach kurzer Zeit florierte. Dann kamen ihre Kinder Chantal und Jonas auf die Welt, doch die Familie lebte weiterhin mit einer Lüge. Ostash und Sagan sind zurückhaltend, was die Vergangenheit betrifft: Details zu ihrem Versteckspiel möchten sie nicht nennen. Diese Phase ist für sie abgehakt, betonen sie rückblickend: "Der Druck war unerträglich geworden. Wir befürchteten ständig aufzufliegen".

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Die Ukrainer hatten in ihrem Herkunftsland für sich keine Zukunft mehr gesehen. Sie wollten sich in Bayern eine neue Existenz aufbauen, was sie auch schafften. Die gelernte Schneiderin und der Allround-Handwerker fühlen sich heute als Pöckinger, sie haben am Starnberger See Wurzeln geschlagen. Ihre Tochter Chantal wird bald neun Jahre alt, hat wie ihre Eltern viele Freunde und ist im Schwimmverein aktiv. Das Mädchen sei eine gute Schülerin, habe aber zuletzt ein wenig nachgelassen, berichtet ihre Lehrerin. Vielleicht spürt das Kind, wie sehr seine Eltern unter der Ungewissheit leiden.

Der vierjährige Bruder Jonas rollt sein Spielzeugauto über den Wohnzimmertisch. Der Bub spielt sonst im Waldkindergarten Feldafing, wo sein Vater der Bauwagenwart ist. Patrick Heiniz, Leiter der Kita-Elterninitiative, lobt das Engagement von "Wladi" Ostash. Er sei völlig überrascht gewesen, dass der Mann und seine Partnerin aus der Ukraine und nicht aus Litauen stammen und in Pöcking unter falschen Namen lebten. "Wir haben erstmal große Augen gemacht, aber ihren Mut bewundert, dass sie diesen Schritt gehen und nicht mehr Versteck spielen", erinnert sich Heinzig.

Die Rolle der Litauer zu spielen, war ihnen offenbar überzeugend gelungen. Niemand hatte in all den Jahren einen Verdacht geschöpft, keiner merkte dem Paar etwas an. Nur wenn es darum ging, etwas aus der angeblichen baltischen Heimat zu erzählen, wurde es manchmal ein wenig heikel, erinnern sich die Eheleute. Dann lenkten sie jeweils freundlich und elegant vom Thema ab oder erzählten nur allgemein Bekanntes, ohne sich dabei wohl zu fühlen. Nach der Enttarnung seien einige Menschen enttäuscht gewesen, doch die wenigsten hätten sich abgewendet, berichtet Ljubov Sagan. Schon gar nicht die Nachbarin Christiana Böhmer. "Es sind liebenswerte und sehr fleißige Leute, sie tun mir leid. Ich hoffe sehr, dass sie hier bleiben dürfen", sagt die Flugbegleiterin, die manchmal aus Kiew den beiden Ukrainern ein kleines Geschenk mitbringt.

Ostash lächelt, ist aber äußerst deprimiert, dass er seit eineinhalb Jahren nicht mehr arbeiten darf. Früher hat er bis zu 60 Stunden in der Woche gearbeitet und sich auf Baustellen ins Zeug gelegt. "Wenn ich morgen wieder anfangen dürfte, hätte ich zwei Jahre Arbeit", sagt der Trockenbauer. Mit einem Freund, einem Diplom-Informatiker, hat er einen Businessplan für eine Baustellen-App mit Service für den Baustoffhandel ausgetüftelt. Doch die Geschäftsidee darf er nicht umsetzen.

"Über Jahre hinweg hat er an vielen meiner Projekten mitgewirkt und beste Arbeit geleistet", sagt Architekt Wenzel Bauer aus Tutzing. Das ukrainische Paar sei zwar illegal eingereist, habe sich aber ohne jegliche staatliche Hilfe vorbildlich integriert und sogar eine eigene Firma auf die Beine gestellt und Steuern bezahlt. Der Architekt hat der Ausländerbehörde in Starnberg geschrieben und darauf verwiesen, dass im Trockenbau und in Fliesenarbeiten großer Facharbeitermangel herrsche.

Die Familie gilt als "mustergültig integriert"

Auch Matthias Lehmann, der Leiter der Leichtathletikabteilung im SC Pöcking-Possenhofen, unterstützt das Ehepaar. Ljubov Sagan ist in der Sparte Kassenwartin und wird als sehr engagiert und zuverlässig beschrieben. Demnächst will die 41-Jährige ihre Übungsleiterin-Lizenz für Kinder machen. Zudem plant sie, ihren Führerschein zu erwerben. Mit den falschen Papieren hatte sie sich nie getraut, sich bei einer Fahrschule anzumelden. Ihr Ehemann hat inzwischen seine deutsche Führerschein-Prüfung bestanden.

In den Fall hat sich auch Donata Schenck zu Schweinsberg eingeschaltet, die sich intensiv um das Bleiberecht von Ausländern kümmert. Sie ist Mitglied der Härtefallkommission in Hessen und frühere Vize-Präsidentin des Deutschschen Roten Kreuzes. Sie betont, dass das Paar seine Strafe erhalten habe. Ihrer Ansicht nach hätte es die Familie verdient, eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis zu erhalten. Das würde auch der Starnberger Amtsrichter Franz von Hunolstein begrüßen, der die Ukrainer als "mustergültig integriert" ansieht. Doch entscheiden muss die Ausländerbehörde, von der bisher keine Stellungnahme zu erhalten war.

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