Seminar in WeßlingPferdisch für Anfänger

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Kommunikation auf Augenhöhe: Kirsti Ludwig beim „Horse speak“ mit Pferd Flamenco.
Kommunikation auf Augenhöhe: Kirsti Ludwig beim „Horse speak“ mit Pferd Flamenco. Georgine Treybal

In einem besonderen Sprachkurs auf Gut Mischenried zeigt die Starnberger Trainerin Kirsti Ludwig, wie Mensch und Tier mit Körpersprache, Atem und Gesten kommunizieren können. Das Konzept „Horse Speak“ überträgt die Signale der Pferde auf ein für Reiter verständliches System.

Von Patrizia Steipe, Weßling

Langsam nähert sich Kirsti Ludwig dem Pferd auf der Koppel. Sie bleibt in respektvoller Entfernung stehen, blickt das Tier freundlich an. Dann hebt sie den Arm und streckt ihn in seine Richtung aus. „Ich simuliere den Kopf und den Hals eines Pferdes mit dem Arm und der Hand“, hatte sie vorher erklärt. Sie senkt den Kopf, scharrt mit dem Fuß, prustet durch die Lippen, eine stille Kommunikation beginnt.

Der 14-jährige Flamenco, ein Pura Raza Española (PRE), reagiert prompt. Er wendet sich ihr zu, neigt ebenfalls den Kopf. Beide spiegeln die Gesten des anderen. Ein Kopfschütteln hier, ein Schnauben dort. Ludwig bietet ihre Schulter zur Kontaktaufnahme an, berührt eine Stelle am Hals des Pferdes. Flamenco dreht sich weg, sie macht es ihm gleich. Dann hebt er die Nüstern zur Menschenhand und lässt sich genussvoll kraulen. Als Ludwig den Arm hängen lässt und leicht wedelt, antwortet das Tier mit einem Schweifwedeln. „Das Schweifwedeln beendet ein Gespräch“, erklärt Kirsti Ludwig den Kursteilnehmern, die die Szene von außerhalb beobachten.

Was wie eine einstudierte Choreografie aussieht, ist in Wirklichkeit ein nonverbales Gespräch zwischen Trainerin und Tier und nennt sich „Horse Speak“. Kirsti Ludwig, Jahrgang 1972, Pferdetrainerin und Co-Autorin des Buches „Horse Speak – Die Basis für feines Reiten“ hat zu einem zweitägigen Seminar auf Gut Mischenried geladen, einer Reitanlage in der Gemeinde Weßling (Kreis Starnberg). Dort will sie den Teilnehmerinnen und Teilnehmern zeigen, wie diese Sprache funktioniert. Die Pferde werden dort in kleinen Herden gehalten, gewaltfreie Kommunikation und ganzheitliche Trainingsmethoden sind Konzept.

Den tierischen Sprachkurs hat die Amerikanerin Sharon Wilsie nach jahrelangen Beobachtungen entwickelt. Ihr Buch „Sprachkurs Pferd“ wurde zum Bestseller. Kirsti Ludwig aus Starnberg ist die erste von zwei zertifizierten Horse-Speak-Instruktorinnen in Deutschland. Nachdem die passionierte Reiterin und Trainerin 2017 von Sharon Wilsies Pferde-Sprachkurs erfahren hatte, war sie so fasziniert, dass sie nach Seattle zu einem viertägigen Seminar gereist ist. „Seitdem ist die Verbreitung von Horse Speak meine Mission“, sagt Ludwig.

Runterkommen, bevor es in den Stall geht: Vor dem Kurs meditiert Kirsti Ludwig (vierte von links) mit den Teilnehmerinnen.
Runterkommen, bevor es in den Stall geht: Vor dem Kurs meditiert Kirsti Ludwig (vierte von links) mit den Teilnehmerinnen. Georgine Treybal

Ihre Kurse finden mittlerweile in ganz Deutschland und auch im Ausland statt. Dabei sei „Horse Speak“ kein Training. Es gehe darum, Pferde besser zu verstehen und ihnen Vertrauen für ein entspanntes Miteinander zu geben. „Die Zeiten, in denen Pferde Arbeitstiere waren, die Milchkannen gezogen haben und mit dem Menschen in den Krieg geritten sind, sind vorbei“, erklärt Ludwig. Freizeitreiter hinterfragen heute, was lange als normal galt: Druck, Drill und den Zwang zur Gefügigkeit. Gewaltfreiheit gilt längst für Partnerschaften und in der Pädagogik. Auch im Umgang mit Tieren wünschen sich viele einen achtsamen Umgang. Was Kirsti Ludwig in ihren „Horse Speak“-Seminaren vermittelt, trifft diesen Nerv.

17 Frauen und ein Mann sitzen erwartungsvoll im Kursraum. Die „Pferdemenschen“, wie sie sich nennen, sind schnell beim Du. Teilnehmerinnen berichten von Erlebnissen mit ihren Pferden: Eine wurde „über den Haufen gerannt“ und möchte den Auslöser verstehen, Sabine erzählt von „brüllenden Reitlehrern und militärischem Drill“, davon, dass ängstliche Reitpferde nach dem Motto „stell dich nicht so an“ zu Gehorsam gezwungen wurden. Marisa erinnert sich an Anweisungen wie „hau drauf“ und „das darfst du nicht durchgehen lassen“. Kopfnicken in der Runde. Viele kennen solche Situationen und lehnen sie ab. „Ich möchte mein Pferd nicht ungerecht behandeln und ihm mehr Sicherheit geben“, erklärt Leonie. Die weiteste Anreise hat Regine. Auf ihrem Hof im Westerwald hat sie Pferde, Esel, Ponys, „richtige Quasselstrippen“, wie sie berichtet. Was sie ihr sagen möchten, würde sie gerne besser verstehen.

Anschauung im Unterrichtsraum: Kirsti Ludwig zeigt an einem Holzpferd die verschiedenen „Buttons“, die bei den „Gesprächen“ angesprochen werden.
Anschauung im Unterrichtsraum: Kirsti Ludwig zeigt an einem Holzpferd die verschiedenen „Buttons“, die bei den „Gesprächen“ angesprochen werden. Georgine Treybal

Vor dem Kurs hatte Kirsti Ludwig zu einer Meditation eingeladen. Die Frauen und der Mann standen in der Runde, atmeten, sammelten sich, sollten zur Ruhe kommen, entspannen – so wie sie es machen sollten, wenn sie zum Stall fahren. „Häufig ist es doch so, dass man gestresst kommt und sofort reiten möchte“, erklärt Ludwig. Der Mensch stürmt in den Stall und dringt viel zu schnell in den persönlichen Schutzraum des Pferdes ein, kritisiert sie. Statt auf die Pferdesprache zu achten, streichelt er gleich über den Kopf oder zerrt das Tier zum Aufsatteln aus der Box. Für die Fluchttiere bedeute den puren Stress. „Das ist absolut übergriffig“, mahnt Ludwig.

Viele Tiere lassen solche Behandlungen über sich ergehen, manche nicht. Sie schnappen, werfen sich hin, steigen auf. „Die werden dann als Problempferd abgestempelt.“ Auch beim Aufsatteln geht es bei Ludwig niemals zack-zack. „Anbinden, Sattel drauf. Das Pferd wird den hassen, der ihm das antut.“ Kirsti Ludwig nimmt sich für das alles viel Ruhe und Zeit. Mehrmals nähert sie sich vorsichtig mit dem Sattel, gibt „Horse Speak“-Zeichen. Sie zieht sich wieder zurück, wenn sie Stress-Signale beim Pferd merkt, bis es dann klappt. Den Kursteilnehmern erläutert sie, wie man die Sprache der Tiere erkennt und auf sie antwortet.

Im Unterrichtsraum steht dann ein großes Holzpferd, das mit schwarzen Punkten beklebt ist. Es sind die von Wilsie definierten „Buttons“ (Knöpfe) am Pferdekörper. Diese sprächen Pferde bei ihren „Gesprächen“ durch Blick oder Berühren an und sendeten dabei Botschaften aus. Welsie hat die nonverbalen Pferdevokabeln wie „komm mit“, „geh weg“ oder „wollen wir spielen“ entschlüsselt. „Der Button hinten am Rücken bedeutet zum Beispiel, ‚ich bin da und werde dich schützen‘“, erklärt Ludwig. Einiges kommt den Kursteilnehmern bekannt vor. Teilnehmerin Sabine aus Eichenau kennt ähnliche Beschreibungen aus anderen Lehrbüchern. „Wer ein gutes Gefühl für sein Pferd hat, macht das intuitiv. Durch Sharon Wilsie weiß er aber jetzt auch, warum“, sagt Ludwig.

Zögerliche Annäherung: Im Praxisteil geht eine Seminarteilnehmerin auf Tuchfühlung mit dem Pferd.
Zögerliche Annäherung: Im Praxisteil geht eine Seminarteilnehmerin auf Tuchfühlung mit dem Pferd. Georgine Treybal

Pferdevokabeln im Paddock

Als es von der Theorie zur Praxis übergeht, demonstriert Ludwig die Pferdevokabeln im Paddock: Langsam schreitet sie die Umzäunung ab, streckt den Arm in die Ecken, zum Horizont. Das Pferd verstehe, dass sie eine Wächterfunktion übernommen habe, den Horizont auf Gefahren checkt. Sie signalisiert dem Tier, dass sie das Auto sieht, den Spaziergänger mit Hund und sie gibt das Zeichen: „Alles in Ordnung, ich passe auf dich auf.“ In der Reithalle macht sie es genauso, „auch wenn das Pferd die Halle schon seit Jahren kennt“. Für die Tiere gebe es in dieser Hinsicht keine Routine, erklärt Ludwig. „Jeder Tag ist eine neue Situation“.

Dann darf die erste Freiwillige in den Paddock. Es ist Claudia aus Bernried. Wie zuvor gelernt, bleibt sie zunächst mit ausgestrecktem Arm, der „Hold Hand“, in Richtung Pferd stehen und sagt damit: „Ich sehe dich“. Der erste Kontakt ist hergestellt. Flamenco kommt freudig angetrabt. Jetzt ist es der Mensch, dem die Nähe unheimlich ist. Claudia beginnt das Pferd, das sehr dicht vor ihrem Gesicht herumschnaubt, ein wenig panisch mit beiden Händen wegzuschieben. Sie fuchtelt herum, das Tier wirft unruhig den Kopf hin und her. Beide wirken gestresst und schaukeln sich gegenseitig hoch. Kirsti Ludwig greift ein. Sehr ruhig, aber bestimmt berührt sie das Pferd am „Kopf-Button“, der „gib mir mehr Platz“ bedeutet. Das Tier wendet sich ab, wird ruhig. Kirsti spiegelt die Bewegung. Die Situation ist geklärt.

Ein Pferd verstehe fließende, ruhige und klare Bewegungen, „wie beim Tai Chi“, erklärt Ludwig. Doch die meisten Menschen kommunizierten unklar und gestikulierten zu viel. „Horse Speak“ sei eben genauso wie das Lernen einer neuen Sprache: „Man muss geduldig Vokabel für Vokabel immer wiederholen, bis sie sitzt.“

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