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Holocaust-Überlebender:Ohne Hass im Herzen

Seeshaupt Bahnhof Infotafel

Das Leben ist das größte Geschenk: Stephen Nasser kam 2015 nach Seeshaupt, am Bahnhof war damals eine Gedenktafel enthüllt worden.

(Foto: Georgine Treybal)

Stephen Nasser ist 1945 in Seeshaupt aus dem Todeszug befreit worden. An diesem Mittwoch feiert er 90. Geburtstag

Von Kia Ahrndsen, Seeshaupt

"Liebe ist stärker als Hass". Mit dieser Botschaft erfüllt Stephen Nasser einen Auftrag - und das schon seit vielen Jahren. Sein Bruder Andris hatte ihm das Versprechen abgenommen, sich nicht von Zorn und Hass zerfressen zu lassen, als er kurz vor Ende des Krieges im Konzentrationslager starb. Die beiden Söhne einer angesehenen jüdischen Familie aus Budapest mussten im Außenlager Mühldorf eine unterirdische Rüstungsfabrik bauen.

Stephen hat den Holocaust überlebt, er wurde aus dem sogenannten Todeszug, der nach tagelanger Irrfahrt im Bahnhof Seeshaupt steckenblieb, befreit. Damals war er 14 Jahre alt. Nach längeren Aufenthalten im Lazarett, das die Amerikaner im Hotel "Lido" am Ortsrand von Seeshaupt eingerichtet hatten, und in einer jüdischen Rehabilitationseinrichtung in Feldafing machte sich der Jugendliche ohne Papiere auf den Heimweg. Er kehrte nach Budapest zurück, wo seine Tante und sein Onkel im Versteck überlebt hatten, und emigrierte 1948 in die USA. Am diesem Mittwoch, 17. Februar, feiert er seinen 90. Geburtstag, Stephen Nasser lebt heute mit seiner Frau Francoise in einem Seniorenappartement in Las Vegas.

Nasser hatte aber auch noch einen anderen Auftrag: Nach dem Krieg sollte er seine Erinnerungen veröffentlichen, damit alle erfahren, was mit der Familie geschehen war. Im Buch "Die Stimme meines Bruders" erzählt er die Geschichte seiner Familie, der Deportation und seiner Befreiung. In vielen Lesungen hat er seither in Schulen und bei anderen Organisationen in den gesamten Vereinigten Staaten von den grauenvollen Erlebnissen und entsetzlichen Erfahrungen erzählt. 2011 las Nasser in vielen oberbayerischen Kinos bei der Präsentation des Dokumentarfilmes "Endstation Seeshaupt" von Walter Steffen. 2015 war er am Ort seiner Befreiung zu Gast, als am Seeshaupter Bahnhof eine Gedenktafel zur Erinnerung an die Ereignisse im April 1945 enthüllt wurde. Immer wieder mahnte er seine Zuhörer, das Leben zu genießen, es sei das größte Geschenk. "Wer Hass im Herzen trägt, vergiftet sein Leben," sagte er bei der Gedenkfeier am Bahnhof.

Im April 2016 hielt Stephen Nasser seine 1000. Präsentation. Wegen seines Alters und seiner angeschlagenen Gesundheit hat er zuletzt nur noch gelegentlich Vorträge an kleineren Universitäten gehalten. Weil ihm das Reden zunehmend schwer fällt, lässt er oft zu Bildaufnahmen ein von ihm besprochenes Band laufen und beantwortet anschließend Fragen der Zuschauer. Corona hat ihn nun erst einmal ausgebremst. Auch auf seine gelegentlichen Casinobesuche mit Bingospielen muss er derzeit verzichten. Zu seinem Geburtstag werden ihn aber immerhin Anrufe aus aller Welt erreichen.

© SZ vom 16.02.2021
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