Die 39-jährige Mutter von zwei Kindern leidet unter Depressionen. Sie fühlt sich wie gelähmt und kann sich nicht mehr ausreichend um ihre Familie kümmern. Sie hat Schuldgefühle, denn auch ihre Kinder leiden. Sie sind verunsichert und beziehen die familiäre Situation auf sich. Bei Reha-Angeboten der Deutschen Rentenversicherung (DRV) stand bislang allein der Erhalt der Arbeitskraft der Betroffenen im Fokus, nur die psychisch erkrankte Person wurde behandelt. Eine psychosomatische Reha mit Angeboten für die betroffene Familie indes gab es bislang nicht. Die Klinik Höhenried hat diese Versorgungslücke nun geschlossen und ihr Leistungsspektrum um das Modul „Familienbegleitung“ erweitert.
In dem von dem Bundesprogramm „Rehapro“ finanzierten Modellprojekt FER bietet die Klinik neben der Behandlung von psychosomatisch erkrankten Versicherten nun zusätzlich eine familienorientierte Rehabilitation für psychisch kranke Eltern an. Die Idee für das FER-Projekt entstand vor drei Jahren. Es wurde im vergangenen Jahr von der Deutschen Rentenversicherung Bayern Süd in ihren eigenen Kliniken Höhenried sowie Gaißach erprobt und von der TU München sowie der Hochschule Bochum wissenschaftlich begleitet. Es richtet sich an Versicherte der DRV Bayern Süd, Schwaben, Nordbayern und der DRV-Bund.
Das neue Projekt wurde am Freitag in der Klinik Höhenried vorgestellt und über die ersten Erfahrungen berichtet. „Mit dem Modellprojekt FER erproben wir einen innovativen, familienorientierten Ansatz, der auf die Situation psychisch erkrankter Eltern zugeschnitten ist. Wie schließen damit eine Versorgungslücke der Rehabilitation“, betonte Rüdiger Alfery von der DRV Bayern Süd. Diese Leistung suche man außerhalb Deutschlands vergeblich.

Nach Angaben des Klinik-Geschäftsführers Robert Zucker geht das Projekt mit der Auftaktveranstaltung an den offiziellen Start. Nachdem für das Projekt zusätzliche Mitarbeiter eingestellt werden mussten, müsse nun über die Vergütung verhandelt werden, sagte er. Aber er sei zuversichtlich. Laut Zucker soll das Projekt, das vorerst bis 2028 läuft, stetig weiterentwickelt werden. Wie Brigitte Iding von der DRV-Bayern Süd erklärte, verfügt die Klinik Höhenried über eine umfassende Erfahrung in der Erwachsenen-Psychosomatik und die Fachklinik Gaißach über eine kinder- und jugendtherapeutische Expertise. „FER soll keine Eintagsfliege bleiben. Andere Kliniken sind eingeladen sich zu beteiligen“, betonte sie.

„Man kann keinen Patienten für sich allein behandeln, sondern immer im Kontext mit der Familie“, erklärte Professor Martin Sack von der TU München. Wie Tobias Blaut von der DRV Süd erläuterte, haben sich die Fälle, bei denen Versicherte wegen einer psychischen Erkrankung vorzeitig verrentet werden, seit 1996 verdoppelt und sind unterdessen der Hauptgrund für Erwerbsminderung. Die Kinder der betroffenen Familien sind besonders gefährdet ebenfalls zu erkranken. Rund 50 Prozent zeigen ein auffälliges Verhalten, beispielsweise ADHS, Störungen des Sozialverhaltens oder Essstörungen. An dem Modellversuch in Höhenried haben im vergangenen Jahr 59 Versicherte teilgenommen, 49 Patienten haben die Reha abgeschlossen. Ein Drittel der Patientinnen hat Kinder mitgebracht, aber kein einziger männlicher Teilnehmer. Für dieses Jahr sind jedoch zwei Väter angemeldet, die ihre Kinder mitbringen wollen. Diese werden in einem eigenen Kinderhaus betreut.


Nach Angaben des Oberarztes der Klinik Höhenried, Daniel Gerlach, gibt es im Kinderhaus zehn Behandlungsplätze für Kinder bis zu 12 Jahren. Insgesamt stehen in der Klinik 40 Behandlungsplätze zur Verfügung. Für die Patienten sind 42 Betten und zehn Familienzimmer vorhanden. Für die Angehörigen gibt es Fördergespräche, für die zu Hause gebliebenen Familienmitglieder sogenannte Webinare. Auch Besuchswochenenden und pädagogisch begleitete Ausflüge werden angeboten. Die Patienten werden auch nach der Reha nicht allein gelassen, zumal in der Reha-Klink Höhenried keine Therapien angeboten werden. Doch bereits während des Klinikaufenthaltes wird eine nahtlose Nachversorgung am Wohnort organisiert, etwa eine Entwicklungsförderung von Kindern und Jugendlichen.
Die Klinik Höhenried ist eine gGmbH der DRV Bayern Süd. Sie ist spezialisiert auf Rehabilitation in den Fachbereichen Kardiologie, Orthopädie und Psychosomatik.

