Wildtiere in Not Der große Hunger

Manfred Schelle

(Foto: Franz-Xaver Fuchs)

Tierschützer Manfred Schelle päppelt seit einem halben Jahrhundert verletzte Vögel, Rehe und Dachse auf. Nun wirft er hin - aus Frust darüber, dass Wildtiere nichts mehr zum Fressen finden und zum Tod verurteilt sind

Von Sylvia Böhm-Haimerl, Hochstadt

Vorsichtig nimmt Manfred Schelle das kleine Blaumeisen-Junge in die Hand. Dann steckt er ihm mit der Pinzette einen Mehlwurm in den weit aufgerissenen Schnabel und noch einen und noch einen.

Kaum zu glauben, was in so einen kleinen Vogelmagen hineinpasst. Das zierliche Federknäuel hat noch immer nicht genug. Schelle gibt ihm noch Fettfutter. "Hunger hat er schon einen gewaltigen", sagt der Tierschützer aus Hochstadt. Der Vogel könnte aus dem Nest gefallen sein. Der Naturschutzbeauftragte im Kreis ist aber überzeugt davon, dass viele Jungvögel von ihren Eltern aus dem Nest gestoßen werden, weil sie ihren Nachwuchs nicht mehr ernähren können. "Die brauchen Insekten zum Füttern, und die gibt es nicht mehr", ist die Erfahrung des 76-Jährigen.

Ob Singvogel, Falke, Bussard oder Waldkauz, ob Fuchs, Marder, Dachs oder Reh: Seit mehr als 50 Jahren nimmt Schelle verletzte Wildtiere bei sich auf, um sie gesund zu pflegen und anschließend dem Bundesnaturschutzgesetz gemäß wieder auszuwildern. Schelle und seine Frau Klara fahren nicht einmal in den Urlaub, denn sie müssen ja "ihre" Tiere versorgen. Dafür hat der ehemalige Kfz-Meister und Naturschutzbeauftragte bei der Bundeswehr im Jahr 2010 den bayerischen Tierschutzpreis für Wildtiere bekommen.

Schelle macht keinen Unterschied zwischen nützlich oder nicht. Für ihn hat jedes Lebewesen ein Recht auf Leben. Die Tierliebe geht bei ihm sogar so weit, dass er nicht einmal die Schnecken in seinem Garten tötet. Stattdessen sammelt er sie jeden Morgen ein und fährt sie in den Wald, um sie dort auszusetzen.

Doch jetzt mag er keine Tiere mehr aufnehmen, es geht über seine Kraft. Es sei nicht der Aufwand und das regelmäßige Füttern, sagt er. Es sei der Frust, dass Wildtiere verhungern müssten, weil sie nichts mehr zum Fressen finden.

"Ich päpple sie ein paar Wochen auf in dem sicheren Wissen, dass sie verhungern, sobald ich sie freilasse", meint er. Vögel fressen Spinnen, Käfer, Raupen - doch die gibt es nicht mehr, sagt Schelle, weil zu viele Insektizide gespritzt werden. Da die Wiesen bis zu siebenmal im Jahr gemäht werden, wachsen keine Blumen mehr und die Gräser können keine Samen ausbilden.

Die Folge: Bienen finden keine Pollen mehr, die Mäuse keine Körner. Ohne Bienen aber kann nichts wachsen. Und fehlen die Mäuse, gibt es kein Futter für Raubvögel, Füchse oder Marder. "Was sollen die fressen, es ist nichts da", sagt Schelle verzweifelt. Nach seiner Erfahrung können die Wildtiere ohne Zufütterung nicht mehr überleben. Rund 50 Euro im Monat gibt der Tierschützer alleine für Vogelfutter aus, und laut Schelle kommen die Stare von ganz Hochstadt zu ihm zum Fressen.

Seit Jahren erlebt der Tierschützer, dass Marder nicht in Autokabel beißen, um Konkurrenten zu verjagen, sondern aus Hunger. Wenn der Naturschutzwächter gerufen wird, kann er den Marder meist nicht mehr retten; das Tier verendet, wenn es Gummi frisst.

Schelle ärgert sich, wenn Experten behaupten, die Tiere kämen nur in die Nähe von Menschen, weil sie gefüttert werden. "Die kommen ins Dorf, weil sie nichts mehr zum Fressen finden." Aber nach seiner Meinung frage ja keiner, sagt er. Jahrelange Erfahrung zähle nicht. Doch trotz seines Frusts kann Schelle nicht nein sagen, wenn ihm wieder einmal ein Tier gebracht wird, das ohne seine Hilfe nicht überleben könnte.

Vor ein paar Tagen hat er eine verletzte Krähe aufgenommen, dann ein Rotkehlchen und nun die Blaumeise. Der Jungvogel hat es gut bei ihm getroffen. In zwei Wochen, so schätzt Schelle, könnte er selbständig überleben. So lange wird er nun in der Voliere gefüttert. Und irgendwann wird Manfred Schelle das Türchen öffnen und den Vogel in die Freiheit entlassen.