Hilfsprojekt Galerist aus Gauting will Messie-Akademie gründen

Messies bilden die ganze Gesellschaft ab, es gibt sie in allen Schichten der Bevölkerung.

(Foto: Robert Haas)

Michael Schröter kümmert sich seit Jahren um Menschen, die ihre Wohnungen vermüllen. Er möchte ihnen nicht nur helfen, er will sie auch verstehen.

Von Blanche Mamer, Gauting

"Als ich das erste Mal in eine Messie-Wohnung kam, war ich sehr geschockt. Vor allem über den Gestank. Denn der Bewohner hatte seine Wohnräume nicht nur seit Jahren bis zur Decke vollgestopft, sondern auch den Hausmüll nicht mehr entsorgt und nicht mehr gelüftet", berichtet der Gautinger Galerist und Messie-Helfer Michael Schröter. Seit Jahren kümmert er sich um Menschen, die ihre Wohnungen oder Häuser vermüllen und nicht mehr aus eigener Kraft aufräumen und Ordnung schaffen können.

Da es in Deutschland viel zu wenige ausgebildete Helfer und nichts und niemanden gebe, der sich grundsätzlich und professionell mit dem Thema befasst, will Michael Schröter im Herbst in seiner Galerie im E-Werk am Hauptplatz in Gauting die "erste deutsche Messie-Akademie" gründen. Als Termin hat er den 16. Oktober vorgesehen.

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Geplant ist, Messie-Helfer und Therapeuten aus- und fortzubilden, Verwandte, Vermieter, Nachbarn aufzuklären, Vorträge zu organisieren. Seit dem Sommer veranstaltet Schröter an jedem letzten Samstag im Monat um 10 Uhr, also am 24. September, in einem Nebenraum der Galerie ein Messie-Frühstück, bei dem sich die Betroffenen austauschen können.

Messies bilden die ganze Gesellschaft ab, es gibt sie in allen Schichten der Bevölkerung, vom Hartz IV-Bezieher zum Universitätsprofessor, Junge wie Alte, sagt Schröter. Als Mitarbeiter der Caritas Starnberg und der Möbelbörse in Pöcking wurde er auf das Problem aufmerksam und bietet seit etwa 14 Jahren Messie-Hilfe an. Dabei geht es ihm nicht nur darum, beim Entmüllen zu helfen, sondern auch durch Gespräche Vertrauen aufzubauen und die Betroffenen aus ihrer sozialen Isolation zu holen. "Ich versuche, die Messies zu verstehen", sagt er.

Die wesentliche Wurzel der Krankheit sei die soziale Verarmung, findet er. Auslöser könne eine Depression sein, verursacht durch einen Schicksalsschlag, den Tod eines nahen Angehörigen, Kündigung, Arbeitslosigkeit. Manchmal sei der Betroffene aber auch schon in einer vermüllten Wohnung aufgewachsen und kenne es nicht anders. Oft komme Alkohol dazu. "Das wird schnell zum Teufelskreis. Je mehr die Wohnung vermüllt, desto weniger wird sie betretbar. Die Betroffenen öffnen niemandem mehr die Tür und vereinsamen noch mehr. Sie grenzen sich selbst aus und werden dann auch gesellschaftlich ausgegrenzt."

Michael Schröter kümmert sich um Menschen, die aus eigener Kraft nicht mehr aufräumen können.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Der 64-Jährige bezeichnet sich selbst als "normal ordentlich", bringt jedoch viel Verständnis für die Messies mit. Der Wunsch zu helfen komme aus seiner katholischen Erziehung, sagt er. "Ich war immer schon ein Querdenker mit einer sozialen Ader. Mir geht es auch darum, das Verhalten zu verstehen." Der Betroffene sehe sehr wohl, dass die Wohnung verkomme, und der Impuls aufzuräumen, sei ebenfalls vorhanden.

"Eine Frau sagte mir, sie nehme sich mehrfach in der Woche vor, jetzt wirklich mit dem Aufräumen zu beginnen. Sie steht um 7 Uhr auf und startet um 7.20 Uhr in der Küche. Sie hat einen Plan, beginnt im linken Oberschrank - und scheitert, denn die Vermüllung rundum ist einfach zu groß. Nach einer Stunde hört sie auf und fällt in eine tiefe Depression," erzählt Schröter. Es sei ein Vorurteil, dass die Menschen nur zu faul seien, um ihren Mist wegzuschaffen. Viele gehen zur Arbeit und sind dort genau so ordentlich wie die Kollegen. "Wie konnte es so weit kommen? Ich verstehe das einfach nicht, hat vor kurzem ein Mann geklagt. Ich sehe, wie er leidet. Doch er kann sich von nichts trennen."

Schröter kennt viele verschiedene Ausprägungen von Vermüllung. Beispielsweise ist er vor kurzem zu einer älteren Frau gerufen worden, die ihr Haus mit Vorräten vollgestopft hatte. Sie hatte 1800 Kilo Lebensmittel gehortet, darunter drei Jahre alte Eier und Dosen mit Schildkrötensuppe mit einem Haltbarkeitsdatum von 1986. Er erzählt von der Wohnung in Germering, wo erst mal ein paar Kubikmeter Müll aus dem Eingangsbereich geräumt werden mussten, um überhaupt eintreten zu können, oder von den vollen, nicht ausgepackten Tüten mit Lebensmitteln, in denen sich Insekten tummelten und Mäuse und sogar Ratten lebten.

Kontakt zu Schröter finden die Betroffenen über die Homepage: www.messie-hilfe-team.de. Der erste Besuch ist kostenlos. Wird Schröter und sein Team beauftragt, kostet der Einsatz mit Putzen und Entrümpeln je nach Wohnungsgröße und Zeitaufwand zwischen 2000 und 10 000 Euro. Etwa die Hälfte der Betroffenen übernehmen die Kosten selbst, bei den übrigen springen Jobcenter oder Bezirk ein.

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