Wohnungsmangel:Festangestellt, vier Kinder - verzweifelt auf Herbergssuche

Lesezeit: 3 min

Zaman Nikzad lebt seit 2015 mit seiner Familie in Herrsching - seit acht Monaten versucht er, eine neue Bleibe zu finden. Trotz Wohnberechtigungsschein, geregeltem Einkommen und viel Mühe ist das vor allem eins: unglaublich mühselig.

Von Linus Freymark

Mit den Monaten ist die Liste immer länger geworden. Am Anfang hatte Zaman Nikzad nur ein paar Adressen darauf. In Germering zum Beispiel, Landsberger Straße, 90 Quadratmeter, 1300 Euro Kaltmiete. Laut seinen Unterlagen hat Nikzad den Vermieter am 30. Juni angeschrieben. Der Vermieter aber hat nicht mal geantwortet. Auch bei den anderen Wohnungen auf Nikzads Liste - weit mehr als 80 Adressen - gab es immer irgendwas, weswegen es nicht geklappt hat. Die Gründe hat Nikzad ebenfalls notiert: bereits vergeben, keine Rückmeldung. Oder das Angebot war zu weit von Nikzads Arbeitsplatz entfernt.

Zaman Nikzad, 34 Jahre alt, verheiratet, Vater von vier Kindern, sucht eine Wohnung für sich und seine Familie. Er hat einen festen Job, ein geregeltes Einkommen und mit dem Wohnberechtigungsschein Anspruch auf eine Sozialwohnung. Aber Zaman Nikzad findet keine Wohnung. Trotz intensiver Suche, trotz der Liste, auf der er alle Angebote, die auch nur ansatzweise infrage kämen, notiert hat. "Seit acht Monaten suchen wir schon", sagt er. "Es ist ganz schwer für meine Frau und meine Kinder." Und natürlich auch für ihn. Denn langsam kommt bei Familie Nikzad die Angst auf, dass sie vielleicht wirklich nichts mehr rechtzeitig finden könnten.

Familie Nikzad ist im Sommer 2015 aus Afghanistan nach Deutschland gekommen und landete einige Zeit später in Herrsching. Zunächst mit zwei, kurz darauf mit drei Kindern wohnten sie in der Sammelunterkunft, in einem Container, der viel zu eng für die Familie war. Durch Zufall bekamen sie 2017 die Wohnung, in der sie bis jetzt wohnen. Doch nach einem Eigentümerwechsel kam in diesem Jahr die Kündigung - wegen Eigenbedarfs der neuen Besitzer.

Nach einigem Hin und Her liegt der Fall inzwischen beim Amtsgericht Starnberg. Ende Januar wird ein Richter oder eine Richterin aller Voraussicht nach entscheiden, dass Familie Nikzad ausziehen muss. Die entscheidende Frage ist: wann? Und haben die sechs bis dahin etwas anderes gefunden?

Etwa 600 Menschen mit Wohnberechtigungsschein warten ebenso wie Nikzad und seine Familie im Landkreis Starnberg auf eine staatlich geförderte Bleibe. Und spricht man mit Experten aus der Region über das Thema, wird klar: der Kern des Problems liegt nicht auf kommunaler, sondern auf Bundesebene. Denn im ganzen Land gibt es wie die Nikzads Hunderttausende, die keine geeignete Wohnung finden.

In Starnberg kommt noch eine Besonderheit hinzu: Die Flächen für den Wohnungsbau weisen die Gemeinden aus. Weil jedoch mehr als 70 Prozent der Landkreisfläche als Landschaftsschutzgebiet eingestuft ist, kommen die Kommunen dabei schnell in einen Interessenskonflikt. Was ist wichtiger: Naturschutz oder Wohnen? Ein Dazwischen gibt es nicht.

Und auch das würde das Problem nicht lösen, meint unter anderem Michael Vossen vom Verband Wohnen im Kreis Starnberg. Denn würde es hier auf einmal freie Wohnungen geben, würden diese schnell auch für andere Wohnungssuchende aus dem Großraum München interessant werden - die Situation der Starnberger bessere sich dadurch nur bedingt.

Für Zaman Nikzad bringt die Wohnungssuche zudem einen Haufen Papierkram mit sich. Dreimal schon hat er einen Wohnberechtigungsschein beantragt, das Papier gilt nur ein Jahr lang. Nikzad spricht gut Deutsch, er ist stolz auf sein Sprachzertifikat, Level B1. Aber Wohnberechtigungsschein - das muss man erst mal aussprechen können, geschweige denn verstehen. Nikzad hat Glück, sein Nachbar hilft ihm beim Briefwechsel mit den Behörden, der Herrschinger Helferkreis unterstützt ihn. Aber Zaman Nikzad arbeitet als Sandstrahler in Gilching, die neue Wohnung sollte nicht allzu weit entfernt von seinem Arbeitsplatz sein.

Auch das hat Nikzad in seiner Liste vermerkt: Erst waren es 30 Kilometer, dann 75. Die am weitesten entfernte Wohnung ist in Amerang - 104 Kilometer von seiner Firma entfernt. "Das ist sehr weit", sagt Nikzad. Die neue Wohnung sollte maximal 1200 Euro kalt kosten, 90 Quadratmeter, so wie bisher, wären schön, sagt Nikzad. Ideal wäre irgendwo zwischen Herrsching und Gilching.

Aber Nikzad ist keiner, der Ansprüche stellt. "Ich möchte nur eine Wohnung finden", sagt er. Doch müssten sie weit von Herrsching wegziehen, müssten die Kinder vielleicht die Schule wechseln. Die Große geht in die fünfte Klasse, der Zweitälteste in die dritte Klasse. Nach Möglichkeit würde Zaman Nikzad das gerne vermeiden, denn den Kindern gefällt es in der Schule.

Zaman Nikzad hätte genügend Gründe, verärgert zu sein. Er könnte auf die deutsche Bürokratie schimpfen, die ihm so viele Steine in den Weg legt. Er könnte über die Politik herziehen, die es über Jahrzehnte versemmelt hat, den sozialen Wohnungsbau voranzutreiben, oder Vermieter, die Vorbehalte haben. Aber Zaman Nikzad ist nicht sauer: Er will einfach nur eine Wohnung - für sich und seine Familie.

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