Es gurgelt, zwischendrin rauscht es auch schon mal - und irgendwo aus der Ferne erklingt das Blöken eines Schafes. Das Tier ist vier Monate alt, heißt "Schnucki" und wird von Achim März mit der Hand aufgezogen. Ganz nebenbei. Denn die eigentliche Passion des 46-jährigen Widdersbergers ist Whisky. Und an diesem Tag, wie an weiteren drei in dieser Woche, steht bei ihm mal wieder Brennen auf dem Programm. Deshalb also auch die merkwürdige Geräuschkulisse, in die sich auch noch Schnucki einklinkt. Klar, das Lämmchen will Aufmerksamkeit.
Doch März muss sich auf seine kleine Destille konzentrieren und all die vielen Vorgänge, die im Moment dort ablaufen in der kleinen Scheune, umringt von Hügeln, Wiesen und Feldern mit direktem Blick auf das Kloster Andechs. Ein idyllischer Flecken ist es, an dem nun auch noch ein neues Produkt entstanden ist: ein Whiskylikör, der ein recht besonderer Tropfen im Fünfseenland geworden ist.

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Nicht nur seiner komplexen Aromatik wegen: Ein wenig schmeckt er nach dunkler Nussschokolade, Karamell, Rosinen, Vanille und Honig. Zumindest kommen einem diese Geschmacksnoten spontan in den Sinn, wenn man diesen Likör das erste Mal probiert. Während ersteres wohl der drei Jahre langen Reifung des verwendeten Whiskys in einem Sherryfass geschuldet ist - genauer gesagt einem Pedro Ximenez -, verbirgt sich hinter der Honignote ein ganz reales Produkt aus der Region. Genauer gesagt ein Waldhonig aus "Keller's Imkerei" in Seefeld.
"Wir haben uns im Frühjahr bei einem Treffen der Lizenznehmer GWT kennengelernt", erzählt März. Die Gesellschaft für Wirtschafts- und Tourismusentwicklung im Landkreis Starnberg, wie die GWT ausgesprochen heißt, bündelt seit etwa fünf Jahren regionale Erzeuger unter ihrem Dach mit dem Ziel, die Marke "Starnberg Ammersee" zu stärken und die einzelnen Erzeuger miteinander zu vernetzen. Auch wenn es sich der GWT-Geschäftsführer Christoph Winkelkötter schon seit Langem wünscht, eines ist bisher nicht geglückt: dass Hersteller miteinander kooperieren und etwa ein gemeinsames Produkt auf den Markt bringen.


Bis vor Kurzem jedenfalls. Bis zu diesem Frühjahr 2023, in dem März und Niki Keller zum ersten Mal aufeinandertreffen. Die GWT hatte ihre sogenannten Lizenznehmer zu einer Führung und einer Verkostung in Achim März' kleine Brennerei geladen. Und dabei hatte sich schnell eines herausgestellt: Beide Männer träumten einen gemeinsamen Traum, nämlich mal einen Whiskylikör herzustellen. Denn was beide bislang als solchen getrunken hatten, hatte nie ihren Vorstellungen entsprochen. Während sich März bei vielen Tropfen dieser Art fragte, wo denn da der Whiskygeschmack sei, hatte Niki Keller das meiste nur als "klebriges Mainstreamzeug" empfunden, wie er erzählt.
Dem einen fehlte also der passende Honig für seinen Whisky, dem anderen der Whisky für seinen Honig. Keller hatte bereits drei Jahre herumprobiert, was am besten miteinander harmonieren könnte, und für ihn stand schnell fest: Waldhonig ist die Sorte der Wahl. "Die meisten nehmen Blütenhonig, weil der billiger ist, aber Waldhonig ist intensiver und hält dem Whisky mehr stand", erzählt der 39-jährige Imker, der nur im Nebenerwerb Honig produziert. Und auch das noch nicht allzu lang.
Bloß kein weißer Zucker, sagt der Experte
Sein Vater Klaus, ein Heilpraktiker aus Herrsching, hatte ihn und seine Frau Nicola auf die Idee mit den Bienen gebracht. Er hatte für seine Patienten ein Kräuterelixier gemischt und suchte dafür ein Süßungsmittel: "Klar, dass das kein raffinierter weißer Zucker sein konnte, sondern eben Honig sein musste. Und da hat er halt mal gesagt: Macht ihr den doch." Was anfangs eher scherzhaft gemeint war, wird schnell ernst. Nicola und Niki Keller sind nämlich begeistert von der Idee, besuchen eine Imkerschule in Landsberg, lernen alles, was es über Bienen zu wissen gibt.
Mittlerweile haben sie 36 Bienenvölker, deren Stöcke auf ein paar Hoteldächern in München und auf Wiesen und Feldern in der gesamten Umgebung stehen: "Die Landwirte rufen uns deswegen an: Sie bekommen Bestäubungshilfe und wir unseren Honig. Eine Win-Win-Situation", sagen die Kellers.
Neben ihren eigentlichen Berufen - sie, 40 Jahre alt, kommt aus dem Vertrieb eines Elektronikunternehmens, er, 39, ist Fluggerätemechaniker und Lean-Manager bei der Ruag am Sonderflughafen Oberpfaffenhofen - ernten sie nun noch Honig und führen ein Geschäft in Hechendorf. Dort gibt es neben ihrem Honig auch noch Imkerbedarf, Fachliteratur und so einiges andere an regionalen Erzeugnissen zu kaufen. Natürlich nun auch den Whiskylikör aus Widdersberg.
Whisky aus Widdersberg ist seit 2021 im Handel - in ganz Deutschland
Auch Achim März ist so ein Mensch, der eigentlich aus einer ganz anderen Branche kommt: aus der Welt der Finanzen. Er war Banker und zuletzt auch viel im Bereich Marketing und Vertrieb tätig, ehe er sich 2006 den Traum vom eigenen Bauernhof im Herrschinger Ortsteil Widdersberg erfüllte. Sein "Ignazhof" wird damals schnell bekannt: Denn er und seine Frau, die ebenfalls Nikola heißt, nur anders geschrieben wird, bewirten dort viele Jahre lang ein bis zwei Mal im Monate Gäste bei speziellen Themengelagen: Mal Spanferkel, mal Ochsenbraten und vieles mehr. Zudem brennen sie Schnaps mit Obst aus dem eigenen Garten und vermieten ihre Räume für Hochzeiten, Firmenfeiern oder auch mal für Bürgerversammlungen.

2017 kommt März auf einer Schottlandreise auf die Idee, auf Whisky umzusatteln. Ein Jahr später legt er damit los und bringt seinen "Heiligenbergfeld", einen Single Malt aus Einzelfässern drei Jahre später auf den Markt. Recht erfolgreich, wie es scheint: 16 Händler führen ihn mittlerweile in ganz Deutschland im Sortiment, vier Mal ist sein Produkt bereits ausgezeichnet worden. Und auch er hatte bereits seit Längerem von einem hochwertigen Whiskylikör geträumt. Der genau eines nicht sein sollte: mit Zucker gesüßt. "Meine Frau hat da auch immer so ein Zeug angeschleppt, ich habe da an alles gedacht, aber bestimmt nicht mehr an Whisky."
Aber erst das GWT-Lizenznehmertreffen in der Brennerei von Achim März verwandelt den Traum in Realität. Die beiden Männer kommen schnell miteinander ins Gespräch, tauschen sich aus und schnell steht fest: Für den gewünschten Likör werden sie ihre beiden Produkte regelrecht vermählen. An der richtigen Mischung feilt Achim März eine Weile herum, Schließlich sollte weder der Honig noch der Whisky vorschmecken, aber wahrgenommen werden. Am Ende werden es hundert Gramm Keller'scher Waldhonig auf einen Liter März'schen Whisky sein - bei einem Alkoholgehalt von 30 Prozent.

Ganz so einfach sei das alles nicht gewesen, erzählt Achim März. Am Anfang hätten zum Beispiel die im Honig enthaltenen Schwebstoffe die Flüssigkeit getrübt: "Auch wenn die supergesund sind, will die doch kein Kunde in der Flasche haben." Also tüftelt März eine Weile herum, bis er die Lösung findet. Weil sich die Schwebstoffe auch in dem Edelstahlfass nach unten absetzen, zapft er den Likör einfach über den Probelauf weiter oben ab. Mit der Hand versteht sich. Dann werden die Flaschen verschlossen und ebenfalls mit der Hand etikettiert. Das komme gut an, sagt März, deshalb sei für den Herbst schon die zweite Edition des Likörs geplant.
Dann hat er keine Zeit mehr, um weiter von seiner neuesten Kreation zu sprechen. Es gurgelt und rauscht mal wieder. Und Schnucki blökt. Diesmal will sie aber nicht nur reine Aufmerksamkeit. Sondern ihre nächste Ration Milch.

