Nachhaltigkeit:Einkaufen ohne Plastikmüll

Lesezeit: 3 min

Nachhaltigkeit: Birgit Grosse (links) und Sibylle Ulman bieten in ihrem Laden etwa 1000 unterschiedliche Produkte unverpackt an.

Birgit Grosse (links) und Sibylle Ulman bieten in ihrem Laden etwa 1000 unterschiedliche Produkte unverpackt an.

(Foto: Nila Thiel)

Sibylle Ulmann und Birgit Grosse eröffnen am Dienstag einen Unverpackt-Laden in Herrsching. Den Frauen geht es um Umweltbewusstsein - und die Erfüllung eines lang gehegten Traums.

Von Patrizia Steipe

Für Sibylle Ulman ist es fast wie Weihnachten. Sie öffnet eine Schachtel nach der anderen und stößt immer wieder Begeisterungsschreie aus. Endlich sind die nachhaltigen Zahn- und Nagelbürsten aus deutschem Holz für den neuen Laden geliefert worden.

Ein paar Meter entfernt sitzt ihre Geschäftspartnerin Birgit Grosse, telefoniert und gibt gleichzeitig den Handwerkern Anweisungen. Auf dem Küchenbuffet zischt eine Kaffeemaschine. Die ersten Tassen werden probehalber gebrüht. Am Dienstag öffnet der Laden "Unverpackt am Ammersee". Auf der Zielgeraden ist noch allerhand zu erledigen, damit die Kunden verpackungsfrei und ökologisch einkaufen können. "Wir haben etwa 1000 unterschiedliche Produkte", sagt Ulman stolz. Dem ist eine aufwendige Recherche vorausgegangen, denn die Produkte sollten möglichst aus der Region stammen. Monatelang suchten die beiden im Internet nach Start-ups und kleinen Manufakturen, telefonierten mit Biobauern und Ökobetrieben. "Es gibt viel mehr Angebote in Berlin als bei uns", bedauerten sie. Aber sie sind fündig geworden. "Wir haben sogar Reis von einem Landwirt aus Erding", sagt Ulmann.

Nachhaltigkeit: Tahine gibt es in Pfandgläsern.

Tahine gibt es in Pfandgläsern.

(Foto: Nila Thiel)

In 43 großen gläsernen Behältern leuchten Körner und Cerealien in den unterschiedlichsten Farben. Kichererbsen, Quinoa, rote Linsen, Braunhirsekörner, schwarzer Wildreis, Sojaflocken, Lupinen-Bärlauch-Nudeln und verschiedene Müslisorten von Low-carb, über Crunchy bis zum Müsli mit Salzkaramell-Stückchen. In Pfandgläsern gibt es Tahine, Agavendicksaft, Mangopüree, herzhafte Aufstriche oder süße, wie das Schoko-Mandel-Mus. "Die meisten Produkte sind vegan und glutenfrei", versichert Grosse.

Kosmetika und Waschmittel - palmöl- und tierversuchsfrei - sind in Regale in einer Ecke des 70 Quadratmeter großen Ladens eingeräumt. Die einzelnen Ingredienzien der Reinigungsmittel können im Baukastensystem zusammengestellt werden.

Nachhaltigkeit: Waschmittel und Putzmittel gibt es zum Abfüllen.

Waschmittel und Putzmittel gibt es zum Abfüllen.

(Foto: Nila Thiel)

Statt Zuckerwaren gibt es im Unverpackt-Laden Süßholzwurzeln zum Kauen, vegane Gummibärchen, getrocknete Früchte, geröstete Kichererbsen, Nüsse und vegane Schokolade. Eine Alternative zu Plastik bieten die beiden mit Trinkflaschen und Brotzeitboxen, die aus Zuckerrohr und Mineralien hergestellt sind. Auf den ersten Blick sehen sie wie Hartplastik aus. Und es gibt sogar "Fast-Food" hier: In die Gläser mit den Aufschriften "Couscous-Fix", "Reis-Fix" oder "Nudel-Fix" muss lediglich heißes Wasser geschüttet werden - fertig sind die biologischen und veganen Gerichte.

Um Lebensmittelverschwendung entgegen zu treten, gibt es keine Mindestabnahmemengen. Und wenn einmal etwas ausgeht - Nachschub lagert in Säcken, Containern und Kisten im 40 Quadratmeter großen Keller. Nach dem Kauf können die Kunden Kaffee mit Bohnen aus der Herrschinger Rösterei genießen, dazu Cookies essen und im Sommer werden vor den Laden Tische und Stühle gestellt.

Nachhaltigkeit: Seife für Körper und Gesicht gibt es unverpackt anstatt in Tuben und Plastikflaschen.

Seife für Körper und Gesicht gibt es unverpackt anstatt in Tuben und Plastikflaschen.

(Foto: Nila Thiel)

Seitdem die beiden Freundinnen im August 2021 den Mietvertrag für die Geschäftsräume des ehemaligen Reisebüros unterschrieben haben, sind sie dabei ihren Traum der Selbstständigkeit in die Realität umzusetzen. Sie kennen sich aus der Zeit, als ihre Kinder noch in der Kita waren. Mittlerweile seien die längst erwachsen, aber die Verbindung der Frauen ist geblieben. Die 53-jährige Sibylle Ulman arbeitete als Bauingenieurin und die 56-jährige Birgit Grosse bei der Lufthansa. Die Idee, einen Unverpackt-Laden aufzumachen kam im vergangenen Jahr. Umweltschutz und Nachhaltigkeit sei ihnen immer wichtiger geworden, die Mengen an Verpackungsmüll hatten sie zunehmend gestört. "Viele Menschen verzichten heute bewusst auf Plastik", hatten die beiden festgestellt. Die Zeit war reif für einen Laden in Herrsching, in dem auf verpackungsfreie Lebensmittel, Folien, Plastik und Aludeckel verzichtet wird. Außerdem sei es einfach zu verlockend im letzten Abschnitt des Erwerbslebens noch einmal etwas ganz Neues anzufangen. Familie und Freunde bestärkten die Freundinnen. "Gekündigt haben wir aber erst, als wir einen Laden gefunden haben", erinnert sich Ulman. Ihnen war bewusst, dass dies das größte Problem ihres Projekts sein würde. Ihr ganzes Netzwerk hatten sie auf die Suche nach geeigneten Räumlichkeiten angesetzt. Schließlich kam der Tipp mit der Bahnhofstraße. Die beiden hatten zwei Tage Bedenkzeit. Nachdem ein Mitarbeiter des Gesundheitsamts sein grundsätzliches Okay gegeben hatte, schlossen sie den Vertrag ab.

Dann gab es kein Zurück mehr. Bereits im September kamen die ersten Handwerker, um den alten Teppichboden durch einen Holzboden zu ersetzen und den Lagerkeller zu fliesen. Regale aus nachhaltigem Fichtenholz wurden geschreinert und die Waren geordert. Jetzt können es die beiden es kaum erwarten, endlich aufzusperren.

"Unverpackt am Ammersee" in der Herrschinger Bahnhofstraße 26 ist dienstags bis freitags von 9 bis 18 Uhr und samstags von 9 bis 14 Uhr geöffnet.

Zur SZ-Startseite
Gilching Unvepackt-Laden 'Evis ab ins Glas'

Klimaschutz und Wirtschaft
:Einmal ohne, bitte!

Unverpackt-Läden sind im Trend und so etwas wie eine Kampfansage an den Verpackungswahn. Nun hat das erste Geschäft dieser Art im Landkreis Starnberg eröffnet. Die Gilchingerin Evi Thoma führt auf 90 Quadratmetern Verkaufsfläche auch Rares.

Lesen Sie mehr zum Thema