Auszeichnungen am AmmerseeSchillernde Jugend

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Beim Jahresempfang der Gemeinde Herrsching geht es anders zu als bei vergleichbaren Veranstaltungen in anderen Kommunen.
Beim Jahresempfang der Gemeinde Herrsching geht es anders zu als bei vergleichbaren Veranstaltungen in anderen Kommunen. Nila Thiel

Der Jahresempfang der Gemeinde Herrsching ist schon lange in ein Show-Format gepackt. Im Mittelpunkt stehen  engagierte Bürger und ihre herausragenden Leistungen. Diesmal werden vor allem junge Menschen geehrt – aus gutem Grund.

Von Astrid Becker, Herrsching

Der Spruch des Abends kommt von Bezirksrat Harald Schwab (CSU): „Was früher 'Wetten, dass?' war, ist heute die Schiller-Show.“  Später soll er, darauf angesprochen, noch etwas anderes sagen: „Mei, wenn's wahr ist.“ Schwab ist, wie Landrat Stefan Frey (CSU), quasi als Gast gesetzt beim Jahresempfang der Gemeinde Herrsching, wie die „Schiller-Show“ ganz offiziell heißt. Ihren Nickname hat sie sich aber schon lange redlich verdient: Denn der Herrschinger Bürgermeister Christian Schiller hatte sich schon ganz am Anfang seiner ersten Amtszeit 2008 in den Kopf gesetzt, der jährlich in vielen Kommunen anstehenden Sportler- und Bürgerehrung ein komplett anderes Format zu verpassen: Erfrischender sollte sie sein, unterhaltsamer, witziger. Und man muss Schiller eines lassen: Es ist ihm bisher noch immer gelungen. So sehr sogar, dass manche Herrschinger regelrecht darum scharren, zu den rund 350 Gästen zu gehören, die jährlich dazu eingeladen werden.

Bei Theresia Holzer muss das anders gewesen sein.  Sie wirkt recht bescheiden, zurückhaltend fast, und ist doch eine Frau, die sich in außerordentlichem Maß für die Gemeinde und ihre Bürgerinnen und Bürger verdient gemacht hat. Und klar, anzumerken ist ihr auch, dass sie sich über die Einladung gefreut hat. Recht überrascht sei sie allerdings gewesen, als sie im Foyer des Hauses der Bayerischen Landwirtschaft – alljährlich der Austragungsort der „Schiller-Show“- ihre ganze Familie entdeckt habe, sagt sie. Die wohl dicht gehalten hat: Denn Theresia Holzer soll an diesem Abend die Goldene Bürgermedaille erhalten, die höchste Auszeichnung, die Herrsching zu vergeben hat und die nur recht selten verliehen wird. Außer Holzer sind es gerade einmal noch sechs lebende weitere Träger dieser Ehrung.

„Darf ich Sie ein wenig befummeln“, fragt der Dritte Bürgermeister Wolfgang Schneider Theresia Holzer, als er ihr die Anstecknadel, die zur „Goldenen Bürgermedaille“ gehört, ans Revers steckt.
„Darf ich Sie ein wenig befummeln“, fragt der Dritte Bürgermeister Wolfgang Schneider Theresia Holzer, als er ihr die Anstecknadel, die zur „Goldenen Bürgermedaille“ gehört, ans Revers steckt. Nila Thiel

Der letzte Ausgezeichnete war der Dritte Bürgermeister Wolfgang Schneider (SPD), der nun Holzer die Anstecknadel ans Revers heften darf: „Darf ich Sie ein wenig befummeln?“, fragt er – und hat damit die Lacher auf seiner Seite. Die Zweite Bürgermeisterin, Christina Reich (CSU), händigt ihr die Medaille aus – im Beisein des gesamten Gemeinderats und natürlich Schillers, der sich für diesen besonderen Anlass seine Amtskette umhängt. Eben ganz so, wie es sich gehört.

Holzer wirkt überwältigt, verweist aber auch auf all die anderen Widdersberger, ohne die ihr Engagement gar nicht möglich gewesen sei. „Ich war das doch nicht allein.“ Doch es war sie, die für die Auszeichnung vorgeschlagen worden ist, und das nicht ohne Grund: Jahrzehntelang hatte sich Holzer um das alte Gemeindehaus im Ortsteil Widdersberg gekümmert, dessen Nutzung durch die Vereine koordiniert und „sich nie gescheut, auch mal einen Putzlappen in die Hand zu nehmen, wenn es nötig war“, wie ihr Schiller bescheinigt. Sie war 28 Jahre lang Kirchenpflegerin, hat sich um den Friedhof in Widdersberg gekümmert, einen Seniorentreff und evangelische Wortgottesdienste organisiert und in dem Zuge auch Fahrdienste angeboten, „damit auch Leute zu den Veranstaltungen kommen konnten, denen das sonst nicht möglich gewesen wäre“, sagt Schiller.

Können sich wehren: Die 13 Jahre alte Maryna Tymofieieva und der zehn Jahre alte Sebastian Keller haben Medaillen im  brasilianischen Jiu Jitsu geholt.
Können sich wehren: Die 13 Jahre alte Maryna Tymofieieva und der zehn Jahre alte Sebastian Keller haben Medaillen im  brasilianischen Jiu Jitsu geholt. Nila Thiel
Handballmeisterinnen: Die A-Jugend, des „Geilsten Clubs der Welt“.
Handballmeisterinnen: Die A-Jugend, des „Geilsten Clubs der Welt“. Nila Thiel

Aber Schiller wäre nicht Schiller, wenn er nur diese Ehrung vorgenommen hätte. Außer Holzer kommt eine ganze Reihe von Würdigungen vor allem jungen Menschen zugute, und das wiederum kann auch als recht geschickter Schachzug verstanden werden, die Jugend an den Heimatort zu binden. Noch dazu in Zeiten, in denen viele Kommunen unter Nachwuchssorgen zu leiden haben, beispielsweise bei den Feuerwehren, bei Nachbarschaftshilfen oder auch in den Vereinen, die ja eine wichtige gesellschaftliche Funktion in kleineren Ortschaften erfüllen. Und die, wie Schiller sagt, den Ruf Herrschings auch nach außen tragen: die Handballerinnen der A-Jugend, die die Meisterschaft in der Oberliga Süd gewonnen haben. Die Volleyballer (Herren III) des TSV-Herrsching oder auch „des Geilsten Clubs der Welt“, die den Aufstieg in die Bezirksliga geschafft haben, ein beachtlicher Erfolg neben den Bundesligaprofis desselben Vereins. Oder auch die 13 Jahre alte Maryna Tymofieieva und der zehn Jahre alte Sebastian Keller, die mit brasilianischem Jiu Jitsu im Internationalen Wettbewerb in Nürnberg mit Teilnehmern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz Silber- und Goldmedaillen errungen haben.

Die 13 Jahre alte Ballerina Amelie Bancilho ist Bayerische und Deutsche Meisterin und sogar Weltmeisterin in der Gruppenwertung. Für die nächste Weltmeisterschaft hat sie sich schon wieder qualifiziert.
Die 13 Jahre alte Ballerina Amelie Bancilho ist Bayerische und Deutsche Meisterin und sogar Weltmeisterin in der Gruppenwertung. Für die nächste Weltmeisterschaft hat sie sich schon wieder qualifiziert. Nila Thiel

Da ist aber auch die erst 13 Jahre alte Amelie Bancilhon, die als Tänzerin ordentlich Aufsehen erregt: im klassischen Ballett, in Modern Dance und Charakter Dance. Sie ist amtierende Bayerische und Deutsche Meisterin und hat sich erneut für die Weltmeisterschaft qualifiziert, die sie 2024 in der Gruppenwertung errungen hat. Erst zuletzt hat sie wieder mehrere Gold-, Silber- und Bronzemedaillen gewonnen. Ein Video zeigt einen ihrer Tänze, bei denen sie eine atemberaubende Eleganz und Perfektion beweist, die sie für eine professionelle Karriere in diesem Metier wie geschaffen erscheinen lassen. Dafür trainiert sie allerdings auch hart: sechsmal in der Woche.

Überhaupt wird vieles mit Videos und Fotos flankiert und damit auch dokumentiert an diesem Abend. Denn da gibt es noch eine Reihe anderer Menschen, die gewürdigt werden: die Anästhesistin des Seefelder Krankenhauses, Julia Voigtländer-Bolz, die mit einem Team ehrenamtlich in Togo Hüftoperationen unter schwierigsten Bedingungen vornimmt. Viele junge Menschen dort litten darunter, erzählt sie. Sie hätten Sichelzellenanämie, die zwar vor Malaria schütze, aber eben vereinfacht gesagt die Zellen in der Hüfte zersetze.

Da ist außerdem Georg Strasser, der im vergangenen Dezember mit dem Integrationspreis der Regierung von Oberbayern ausgezeichnet worden ist. Mit der Herrschinger Initiative „raumgeben.net“ kümmert er sich darum, anerkannten Geflüchteten Wohnraum zu verschaffen und damit Fehlbelegungen in den Unterkünften zu vermeiden. Da ist aber auch Helen Brugger, die es mit ihrer „See-Apotheke“ geschafft hat, als „Beste Apotheke Deutschlands 2024“ zu gelten, oder die Bäckerei Sigl, die die letzte echte Bäckerei mit Backstube in Herrsching  und in sechster Generation in Familienhand ist: „Wir waren 1848 die ersten Gewerbesteuerzahler in der Gemeinde“, erzählt Michael Sigl senior.

Angelina Igl hat ihre Mechatronik-Meisterprüfung als Beste Bayerns abgelegt. Dafür gab es sogar eine Auszeichnung des Bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder.
Angelina Igl hat ihre Mechatronik-Meisterprüfung als Beste Bayerns abgelegt. Dafür gab es sogar eine Auszeichnung des Bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder. Nila Thiel

Und da ist auch noch Ministerpräsident Markus Söder, der natürlich nur im Bild erscheint. Aus einem recht besonderen Grund und einer jungen Frau wegen, die es bereits zum zweiten Mal auf die Bühne in Herrsching geschafft hat: Angelina Igl, die als Mechatronikerin ihre Meisterprüfung mit der Note 1,4 abgelegt hat, also als Beste Bayerns. Ihre Liebe gilt Oldtimern. Mit ihrem Chef, dem Herrschinger Manfred Feyrer, dessen Werkstatt auf historische Autos spezialisiert ist, absolviert sie auch Oldtimer-Rennen in Italien.

Da sind aber auch Menschen, die im Stillen seit Langem wertvolle Hilfe leisten, wie die Hospizbegleiterinnen und -begleiter Brigitte Boulet, Barbara Pfannenstiel und Alfred Reisch, die sich nur eines wünschen: Viele andere Ehrenamtliche, die sich wie sie engagieren.

Ein besonderer Ehrengast an diesem Abend ist auch Sebastian Herre: „Ich kenne ihn von Jugend an, und je älter er wird, desto länger werden seine Titel.“ Herre ist Kriminaldirektor im Bereich Staatsschutz beim Landeskriminalamt, Chef des operativen Terrorismusabwehrzentrums Bayern und leitete die Sonderkommissionen „Karolinenplatz“ und „Seidlstraße“ nach den jüngsten Münchner Anschlägen. Beruhigende Worte hat er an diesem Abend nicht mitgebracht: Die Sicherheitslage werde sich ihm zufolge wohl eher weiter verschärfen.

Der 15 Jahre alte Luca Ponsa und der 14-jährige Mathis Zolling bekommen tobenden Applaus für ihren Auftritt mit ihren Hackbrettern.
Der 15 Jahre alte Luca Ponsa und der 14-jährige Mathis Zolling bekommen tobenden Applaus für ihren Auftritt mit ihren Hackbrettern. Nila Thiel
Gänsehautalarm:  Die 21 Jahre alte Josi Eisele und der 19 Jahre alte Quirin Welsch begeistern mit ihren Duetten aus „Phantom der Oper“.
Gänsehautalarm:  Die 21 Jahre alte Josi Eisele und der 19 Jahre alte Quirin Welsch begeistern mit ihren Duetten aus „Phantom der Oper“. Nila Thiel

Regelrecht entspannend wirken da die musikalischen Darbietungen des Abends, und auch die darf man getrost als streng regional bezeichnen. Da ist erst einmal das professionelle Duo „Klangzeit“ aus Breitbrunn, das das Publikum zu tosendem Applaus hinreißt und bereits bei der Eröffnung des Fünfseen-Filmfestivals im vergangenen Jahr zu erleben war: Finni Melchior an der Geige und Hansi Zeller am Akkordeon.

Und dann sind da schon wieder junge Menschen, die Großartiges leisten: der 15 Jahre alte Luca Ponsa und der 14-jährige Mathis Zolling, die bereits 2024 in der Solobewertung bei „Jugend musiziert“ in Bayern erste Plätze mit ihren Hackbrettern belegt haben. In diesem Jahr haben sie sich schon den ersten Preis als Duo bei dem Regionalwettbewerb gesichert und werden nun noch einmal im Landeswettbewerb antreten. Auch sie lösen Begeisterungsstürme beim Publikum aus, ebenso wie die 21 Jahre alte Josi Eisele und der 19 Jahre alte Quirin Welsch mit ihren Duetten aus dem Musical „Phantom der Oper“ ganz am Ende des Abends. Gänsehautalarm.

Oder wie es Bezirksrat Harald Schwab schon ganz am Anfang angedeutet hat: Die Schiller-Show ist dann doch etwas ganz Besonderes. Berührend. Und deshalb vielleicht tatsächlich besser als „Wetten dass?“ es jemals sein konnte. Zumindest im Fünfseenland.

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