Eine „Rolle rückwärts“ nennen Kritiker die Entscheidung des Herrschinger Gemeinderats, die Madeleine-Ruoff-Straße und die Erich-Holthaus-Straße nicht umzubenennen. Mit knapper Mehrheit von Bürgermeister, CSU, SPD und FDP stimmten die Ratsmitglieder gegen die Änderung der Straßennamen, die aufgrund ihrer NS-Vergangenheit in der Kritik standen. Dafür waren Bürgergemeinschaft Herrsching (BGH) und Grüne.
Damit bleiben die alten Namen bestehen. Die Alternativnamen werden nicht mehr benötigt. Die Keramikstraße und die Gachenaustraße hätten über die belasteten Abschnitte hinweg verlängert und deren Namen ersetzt werden können. Noch im Herbst hatte der Gemeinderat eine grundsätzliche Absicht zur Umbenennung der Straßen betont. Im Zuge des Verwaltungsprozesses wurden auch die circa 300 Anlieger gehört. Etwa 200 haben geantwortet und sich mit großer Mehrheit gegen neue Straßennamen ausgesprochen. Über die Gründe wollte sich Geschäftsleiter Guido Finster aus Datenschutzgründen nicht äußern. Nur so viel: Es habe viele Anmerkungen gegeben.
Das Ratsgremium hat zwar eine Entscheidungshoheit, die Mehrheit folgte jedoch dem Willen der Anlieger. Im Gemeinderat waren in verschiedenen Sitzungen die Kosten, der Verwaltungsaufwand und vor allem drohende Gerichtsprozesse von Anwohnern und Nachfahren als Gegenargument angeführt worden. Die „Kehrtwende hin zu historisch belasteten Straßennamen“ kritisierte der Grünen-Ortsverbandsvorstand scharf. „Die Tatsache, dass die betroffenen Anlieger mehrheitlich keine Änderung ihrer Adresse wünschen, befreit den Gemeinderat nicht von der politischen und moralischen Verantwortung beim Umgang mit belasteten Straßennamen“, betonte Charlotte Wehn in einem Schreiben. Franziska Schon ergänzte: „Gerade in Zeiten einer weiter erstarkenden Rechten ist es umso wichtiger, klare Haltung zu zeigen, auch wenn es unbequem wird.“ Schließlich seien Straßennamen nicht nur Sache der Anlieger, sondern betreffen die Allgemeinheit.

Ruoff und Holthaus galten jahrzehntelang als Wohltäter der Gemeinde. Ruoff hatte etwa eine Immobilie für einen Kindergarten gestiftet und Holthaus hatte sich für die Realisierung der VdK-Siedlung mit günstigem Wohnraum im Ortsteil Lochschwab eingesetzt.
Nachdem Ortsarchivarin Friedrike Hellerer 2022 im Auftrag der Gemeinde alle Straßennamen der Gemeinde auf NS-Bezüge unter die Lupe genommen hatte, war jedoch herausgekommen, dass Ruoff und Holthaus eine bislang unbekannte dunkle Seite hatten. Madeleine Ruoff war nach dem Krieg vorgeworfen worden, sich 1940 an arisierten Immobilien bereichert zu haben. Bei Erich Holthaus kam beim Entnazifizierungsprozess heraus, dass er eine Frau wegen eines Briefs bei der NSDAP denunziert hatte. „In unserer Zeit würden Madeleine Ruoff und Erich Holthaus nicht mit einem Straßennamen geehrt werden. Es darf angenommen werden, dass entscheidende Fakten denjenigen, die für die Straßenbenennungen verantwortlich waren, nicht bekannt waren“, hatte Hellerer vor drei Jahren erklärt. Ihre Ergebnisse sind auf der Homepage der Gemeinde unter dem Stichwort der jeweiligen Straßen nachzulesen.
Bürgergemeinschaft Herrsching bezeichnet die Entscheidung des Gemeinderats als verstörend.
„Betroffen“ und „ratlos“ über die jüngste Entscheidung im Gemeinderat zeigte sich der Vorstand der BGH. Der Mehrheit im Gemeinderat sei es vorrangig um die Bedenken und ablehnenden Haltungen der Straßenanlieger gegangen. Dabei hätten sich bei einer früheren Umfrage unter allen Herrschingern sehr viele für eine Umbenennung starkgemacht. Indem alles so bleibe, wie es ist, hätte die Mehrheit „diesmal in Kenntnis aller Umstände nicht nur für ein Festhalten an den Straßennamen gestimmt, sondern damit auch die Ehrung dieser Personen im Jahr 2026 neu legitimiert und bekräftigt“. Das sei eine verstörende Tatsache, erklärt die BGH und verspricht, sich weiterhin „geschichtsbewusst in die ortspolitischen Debatten einzubringen“.

