Gleichberechtigung„Bootcamp“ für Politikerinnen

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25 von 28 Teilnehmerinnen am Bootcamp haben bei den Kommunalwahlen im März kandidiert.
25 von 28 Teilnehmerinnen am Bootcamp haben bei den Kommunalwahlen im März kandidiert. Nila Thiel
  • Der Verein Fidip bietet parteiübergreifende Bootcamps für Frauen an, um sie auf kommunalpolitische Mandate vorzubereiten.
  • Von 28 Teilnehmerinnen des Bootcamps in Herrsching kandidierten 25 bei der Kommunalwahl im März, 20 errangen ein Mandat.
  • Im Münchner Umland wird nur jede zehnte Kommune von einer Bürgermeisterin geführt, weniger als ein Drittel der Gemeinderatssitze gehen an Frauen.
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Am Seminarprogramm des Vereins Fidip in Herrsching nehmen Frauen teil, die sich für die Politik begeistern und kandidieren wollen. Wie schafft man es, die weibliche Präsenz in den Gremien und Ämtern endlich zu steigern? Ein Besuch.

Von Francesca Polistina, Herrsching

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Vor einigen Jahren sah Sabine Appelhagen ein Bild, das sie zutiefst beeindruckte. Es zeigte die allerersten Parlamentarierinnen im Jahr 1919, kurz nach der Einführung des Frauenwahlrechtes in Deutschland. Die Politikerinnen, so erinnert sich Appelhagen, posierten zusammen, unabhängig von Parteiunterschieden. Sie trugen weiße Blusen oder Kleider, um einen Neuanfang zu symbolisieren und im dunklen, männerdominierten Parlament aufzufallen. Sie wirkten entschlossen, souverän, verbunden.

Als sie das Bild sah, hatte Appelhagen, Medientrainerin und Business-Coach aus Starnberg, bereits mehreren Personen von ihrem Projekt erzählt: eine Akademie speziell für Politikerinnen. „Gute Idee“, meinten viele damals. Doch sie bezweifelten, dass eine parteiübergreifende Initiative tatsächlich funktionieren könnte. Frauenförderung, so hört man oft, sei ein parteiinternes Thema. „Und dann sah ich das Bild von den Parlamentarierinnen. Und ich dachte: Das muss doch gehen“, sagt die 62-Jährige. Im Februar 2023 gründete sie mit anderen 14 Frauen in Tutzing den Verein Fidip, die Abkürzung steht für „Frauen in die Politik“. Er setzt sich dafür ein, Frauen für eine Karriere in der Politik zu stärken und sie durch Vernetzung und Training zu ermutigen, politisch aktiv zu werden.

Es ist ein Freitagnachmittag im April, die Sonne scheint durch das Fenster herein, die Vögel zwitschern. Im ersten Geschoss des Hauses der bayerischen Landwirtschaft in Herrsching am Ammersee wird der Technik-Check für das sogenannte „Fidip-Bootcamp“ vorgenommen. Dabei handelt es sich um ein mehrtägiges Seminarprogramm, das Frauen gezielt auf kommunalpolitische Mandate vorbereitet, egal aus welcher Partei sie kommen. Die Stühle sind in einem Kreis aufgestellt, in der Mitte stehen zwei Vasen mit Frühlingsblumen, auf einem Banner steht ein Zitat der längst verstorbenen SPD-Bundesministerin Käte Strobel – einer der vielen Frauen, die Großes bewirkte, aber in Vergessenheit geriet. „Politik ist eine viel zu ernste Sache, als dass man sie allein den Männern überlassen könnte“, sagte Strobel im Jahr 1959. Viele Jahrzehnte später bekommt man beim Lesen immer noch einen bitteren Beigeschmack.

„Wir müssen jetzt einfach weitermachen“, sagt Seminarleiterin Sabine Appelhagen, die mit 14 anderen Frauen den Verein Fidip gründete.
„Wir müssen jetzt einfach weitermachen“, sagt Seminarleiterin Sabine Appelhagen, die mit 14 anderen Frauen den Verein Fidip gründete. Nila Thiel

Denn obwohl Vereine wie Fidip und Initiativen wie „Bavaria ruft“ gegen den Strom arbeiten, hat auch die bayerische Kommunalwahl im März nicht zu der erhofften Veränderung geführt: Frauen sind in politischen Ämtern nach wie vor unterrepräsentiert. Im Münchner Umland wird nur jede zehnte Stadt oder Gemeinde von einer Bürgermeisterin geführt. Landrätinnen sind eine Rarität. Weniger als ein Drittel der Sitze in den Stadt- und Gemeinderäten gehen an Frauen. Zwar gibt es signifikante Unterschiede zwischen den Parteien: Grüne und SPD etwa verfolgen eine Politik der paritätischen Aufstellung, bei der CSU ist der Frauenanteil sehr gering. Doch auch viele Wähler und Wählerinnen tun sich anscheinend schwer, Frauen zu wählen. Fidip-Präsidentin Appelhagen, die auch zu den Mitinitiatorinnen von „Bavaria ruft“ gehört, sagt: „Wir müssen jetzt einfach weitermachen“. Wann, wenn nicht jetzt?

Von den 28 Teilnehmerinnen des Fidip-Bootcamps haben 25 kandidiert

Die Teilnehmerinnen des „Bootcamps“, die inzwischen in Herrsching eingetroffen sind, sehen es genauso. Die Atmosphäre ist locker und fröhlich, in der Cafeteria begrüßt man sich herzlich. Man spürt es: Diejenigen, die dabei sind, haben sich bewusst dafür entschieden, zusammenzuhalten und einander zu unterstützen. Auch wenn die politischen Meinungen durchaus unterschiedlich ausfallen dürfen: Von den 28 Teilnehmerinnen haben 25 bei der Kommunalwahl kandidiert, für CSU, Freie Wähler, Grüne, SPD, FDP, ÖDP oder auch Volt. 20 von ihnen haben am Ende ein Mandat errungen, im Bürgermeisteramt, Stadt- und Gemeinderat oder Kreistag. Die Namen der frisch gewählten Politikerinnen werden zu Beginn der Veranstaltung auf die Leinwand projiziert. „Herzlichen Glückwunsch!“, ist da zu lesen. Sofort wird geklatscht.

Alexandra Zellmer (l.) schaffte es in den Gemeinderat Seeshaupt, Roberta Weininger aus Ebersberg verpasste das Mandat knapp.
Alexandra Zellmer (l.) schaffte es in den Gemeinderat Seeshaupt, Roberta Weininger aus Ebersberg verpasste das Mandat knapp. Nila Thiel

Der Applaus richtet sich zum Beispiel an Christiane Freisleder von den Freien Wählern Windach im Landkreis Landsberg am Lech. Sie sei „am kommunalpolitischen Frühstücktisch groß geworden“, erzählt Freisleder, doch erst vor dieser Wahl habe sie beschlossen, selbst zu kandidieren. Und dann wurde sie direkt im ersten Wahlgang zur neuen Bürgermeisterin gewählt, ihre Freude ist riesig. Oder an die zukünftige Gemeinderätin Alexandra Zellmer von den Freien Wählern, die in Seeshaupt am Starnberger See antrat. Zwölf Jahre lang habe sie überlegt, ob sie wirklich politisch aktiv werden sollte, und sich nun endlich dafür entschieden, sagt sie – auch um „den Kindern ein Vorbild vorzuleben“. Zellmer freut sich, dass ihr der Einzug in den Gemeinderat „mit einem deutlichen Ergebnis“ gelungen ist. Gleichzeitig sei sie enttäuscht, dass der Frauenanteil bayernweit so niedrig bleibt.

„Eine gewisse Katerstimmung“ wegen des geringen Frauenanteils war zu spüren

Gefeiert werden in Herrsching aber nicht nur die vier frisch gebackenen Bürgermeisterinnen und die vielen Rätinnen. Sondern auch diejenigen, die es bei der Wahl nicht geschafft haben, aber mit einem entschlossenen „Jetzt erst recht“ angereist sind. So wie Roberta Weininger aus Ebersberg, die in die Politik wegen des Rechtsrucks gegangen ist und erstmals kandidiert hat, für die SPD. Sie hat das Gemeinderatsmandat knapp verpasst, ans Aufgeben denkt sie aber gar nicht. Auch wenn gleich nach der Wahl wegen der geringen Repräsentanz von Frauen „eine gewisse Katerstimmung“ zu spüren war, sagt sie. Aber nichts mehr tun? Keine Option.

Reicht die Motivation von wenigen aus, um die Gleichstellung in den politischen Ämtern zu erreichen? Sabine Appelhagen meint, dass man an verschiedenen Schrauben zugleich drehen sollte, um die Frauenpräsenz in den Kommunalparlamenten zu stärken. Zum einen versucht Fidip, Frauen für die Politik zu begeistern. Zum anderen müssten auch die Parteien und die Wähler selbst in die Verantwortung genommen werden, sagt die Vereinsvorsitzende.

Im Münchner Umland wird nur etwa jede zehnte Kommune von einer Bürgermeisterin geführt. Weniger als ein Drittel der Sitze in den Stadt- und Gemeinderäten gehen an Frauen.
Im Münchner Umland wird nur etwa jede zehnte Kommune von einer Bürgermeisterin geführt. Weniger als ein Drittel der Sitze in den Stadt- und Gemeinderäten gehen an Frauen. Nila Thiel

Die Parteien seien gefordert, weil die Frauenquote mitunter sehr niedrig sei oder Frauen bei den Listen im unteren Bereich aufgestellt würden, so Appelhagen. Die Wähler seien aber auch gefragt, weil es oft passiere, dass Kandidatinnen keine wichtigen Ämter zugetraut würden – sogar vonseiten der Wählerinnen. Und schließlich sollte sich auch gesetzlich etwas ändern: „Parität sollte im Parlament vorgeschrieben werden“, sagt Appelhagen. Wenn die große Politik es vormache, werde der Rest irgendwann nachziehen.

Zurück in den Seminarraum, wo an diesem Wochenende Vorträge wie „Kommunalverwaltung verstehen und klug agieren“ und „Zeitmanagement in politischen Ehrenämtern“ auf dem Programm stehen. Roberta Weininger aus Ebersberg sagt, sie fühle sich nach den ersten zwei Fidip-Seminarwochenenden inhaltlich gestärkt, und mehr Selbstbewusstsein habe sie auch. Appelhagen betont, dass ihr Verein auch in Zukunft Training für Lokalpolitikerinnen anbieten wird. Das Sommercamp findet Ende Juli satt, im September geht es um die Gleichstellungsstrategie der EU und deren Umsetzung vor Ort. Schließlich gilt: Nach der Wahl ist immer vor der Wahl.

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