Fairer Handel:Entwicklungshilfe mit Schokolade

Der Herrschinger Hendrik Reimers hat die Firma "Fairafric" gegründet und lässt nun auch die "SeenLiebe" in Westafrika herstellen. Das Projekt bringt den Kakaobauern und -bäuerinnen dort höhere Einnahmen.

Von Isabella Falkner

Sie heißt "Seen-Liebe", ist süß und verspricht fairen Genuss: Das Besondere an dieser neuen Schokolade ist nämlich, dass sie "from bean to bar", also von der Bohne bis zur Tafel, in Ghana hergestellt wird und damit auch den Kakaobauern höhere Einnahmen bringt. Der Mann, der dahintersteht, ist der Herrschinger Hendrik Reimers. Die Idee, die Kakaobohnen gleich in Ghana weiterzuverarbeiten und nicht zum Beispiel nach Deutschland einzufliegen und hier zu produzieren, wie es andere Firmen tun, kam Reimers 2013 bei einer Reise durch Westafrika.

Bauern und -bäuerinnen erhalten dort in der Regel für eine produzierte Tafel Schokolade nur durchschnittlich sieben Cent. Das ist wenig. Als er eine Zeitlang in einer Kaffee-Kooperative in Uganda verbrachte, habe er gemerkt, wie sehr diese Kooperativen-Arbeitsweise die Lebensbedingungen der Menschen an Ort und Stelle verbessere, sagt Reimers. Da dachte er sich: "Wäre das nicht auch mit Kakao und Schokolade möglich?" Also habe er seine Kontakte in Afrika weiter ausgebaut und in seiner Küche in München, wo der Herrschinger nun wohnt, Experimente mit eigens hergestellter Schokolade gemacht.

Fairer Handel: Hendrik Reimers (rechts) arbeitet mit Kakaobäuerinnen und -bauern in Ghana zusammen.

Hendrik Reimers (rechts) arbeitet mit Kakaobäuerinnen und -bauern in Ghana zusammen.

(Foto: Fairafric)

Reimers gründete das Start-up "Fairafric", um es anders zu machen, als die herkömmlichen Schokoladenunternehmen: Dadurch, dass die Kakaobohnen direkt in Ghana weiterverarbeitet werden, bleibt auch der Gewinn aus der Verarbeitung dort. So können neue qualifizierte Arbeitsplätze geschaffen werden, und die Spirale aus Armut, geringer Bildung und schlechter Gesundheitsversorgung lässt sich durchbrechen. Allerdings hat die Schokolade ihren Preis: eine Tafel kostet 3,30 Euro.

"Das Konzept klang von vornherein sehr einleuchtend", sagt Annika Waymann dazu. Sie ist Eine-Welt-Promotorin, ihr Job ist es, Engagierte zu vermitteln und zu vernetzen und Projekten wie beispielsweise der "Seen-Liebe"-Schokolade mit Rat und Tat sowie kreativen Ideen zur Seite zu stehen. Ihr Trägerverein ist die Indienhilfe Herrsching, die ebenfalls maßgeblich an dem Projekt beteiligt war, genauso wie die Steuerungsgruppe Fairtrade-Gemeinde Herrsching und die Gesellschaft für Wirtschaft- und Tourismusentwicklung im Landkreis Starnberg (GWT). Waymann ist erst seit März 2019 Eine-Welt-Promotorin für die Region Oberbayern Süd. Ihre Vorgängerin, Claudia Wiefel, war auch schon aktiv bei der Planung und Umsetzung der "Seen-Liebe"-Schokolade beteiligt. Die Idee, eine regionale Fünfseenland-Schokolade zu entwickeln, sei vor einigen Jahren schon einmal aufgekommen, sagt Annika Waymann. Damals sei das Ganze aber an dem beauftragten Chocolatier gescheitert.

Fairer Handel: In Westafrika lässt Reimers seine Schokolade herstellen.

In Westafrika lässt Reimers seine Schokolade herstellen.

(Foto: Fairafric)

Durch die Zusammenarbeit mit der Firma "Fairafric", die 2016 ihre ersten Schokoladentafeln produzierte und inzwischen sechs verschiedene Sorten anbietet, konnten schon zwei verschiedene Sorten der "Seen-Liebe"-Edition entwickelt werden: Fleur de Sel und Kakaosplitter. Bei der 3,30 Euro teuren Schokolade gehen 70 Cent mithilfe von "Fairafric" an das Ursprungsland. "Das ist zirka zehnmal so viel wie bei herkömmlichen Schokoladen", sagt Reimers. Dabei muss allerdings differenziert werden: Bei den herkömmlichen Schokoladen wird der Kakao im Ursprungsland lediglich angebaut und geerntet, im Fall von "Fairafric" wird der Kakao auch in Ghana weiterverarbeitet. Die beiden Summen können also nur schwer miteinander verglichen werden. Denn während von den sieben Cent, die bei herkömmlichen Schokoladen im Ursprungsland bleiben, auch wirklich die Kakaobauern gezahlt werden, teilen sich die 70 Cent im Fall von "Fairafric" zwischen den Kakaobauern und der Schokoladenproduktion auf. Wie viel mehr im Endeffekt bei den Bauern und Bäuerinnen landet, lasse sich nicht genau feststellen, das hänge vom Kakaogehalt der jeweiligen Schokoladensorte ab, sagt Elisa Scheidt von "Fairafric". "Aber 'Fairafric' zahlt eine Prämie von 600 US-Dollar pro Tonne Kakao, im Vergleich zu der Fairtrade-Prämie ist das ein Dreifaches", fügt sie hinzu.

Das Motto der Schokolade, die es im Weltladen der Indienhilfe Herrsching gibt, lautet denn auch "Wertschätzung der Region, Wertschöpfung in Ghana". Verdeutlicht wird die "Wertschätzung" auch bildlich: Auf dem Schokoladenpapier sind die fünf Seen im Landkreis Starnberg zu sehen, angereichert mit Skizzen ortstypischer Merkmalen. Ausgearbeitet hat die Banderole der Herrschinger Graphik-Designer Roland Althammer, also auch ein Mann aus der Region.

© SZ vom 18.11.2019
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