Süddeutsche Zeitung

Herrsching:Pfarrer mit Herz und Hirn

Für Ulrich Haberl stellt der Glaube nicht nur eine intellektuelle Angelegenheit dar. Der 59-Jährige will auch die Gefühle ansprechen und Feste bunt komponieren. In München trat er als Narrenprediger auf und hat ein Dreikönigsspiel geschrieben.

Von Christine Setzwein

Nein, das Elternhaus war nicht besonders religiös. Das mag der Grund dafür gewesen sein, dass Ulrich Haberl als Teenager über die evangelische Jugendarbeit zur Kirche gekommen ist. Eine völlig andere Atmosphäre als daheim. "Ich hatte lange Haare und wollte mich von den Eltern abgrenzen", erzählt er. Mit 15 liest er theologische Bücher, will herausfinden, was ihm wichtig ist. Die Theologie wird ihm immer wichtiger und er beginnt ein Studium der Religion in Heidelberg. Dort lernt er auch seine spätere Frau Ilka Wieberneit kennen. Jetzt ist Haberl der neue Pfarrer der evangelischen Erlöserkirche in Herrsching.

Vielleicht ist das nicht-religiöse Elternhaus auch der Grund, warum Ulrich Haberl heute der Pfarrer ist, der er ist. "Ich habe Theologie quasi als zweite Sprache gelernt." Da war nichts mit der Muttermilch Eingesogenes, nichts Vererbtes, nichts Einstudiertes, nichts Bigottes. Er will verständlich reden, will, dass die Menschen begreifen, was er ihnen zu sagen hat. Aber der 59-Jährige möchte auch die Emotionalität ansprechen und was wäre besser dafür geeignet als Inszenierungen?

"Ja, auch die Kirche inszeniert sich, wir gestalten Gottesdienste und kirchliche Feiern, in gewisser Weise ist Pfarrersein auch ein künstlerischer Beruf." Die großen Feste des Jahres bunt und lebendig zu komponieren, sieht er als Aufgabe. Kirche ohne Kunst und Kultur kann sich Haberl nicht vorstellen. "Glaube ist nicht primär oder gar ausschließlich eine intellektuelle Angelegenheit, sondern Inspirationsquelle in allen Lebensdimensionen." Davon ist Haberl überzeugt.

Freundlich und offen sei er in Herrsching empfangen worden, sagt Haberl. Von den Kolleginnen, den Pfarrerinnen Susanne Parche und Katrin Hussmann, von Vikarin Inga Mrozek, Dekan Hans-Hermann Weinen und vom Kirchenvorstand - "lauter engagierte, fröhliche Leute". Mit seiner Frau und dem jüngsten der drei Kinder hat er die Wohnung im Pfarrhaus bezogen. "Wir fühlen uns sehr wohl", sagt der gebürtige Münchner. Die 15 Jahre zuvor waren Ulrich Haberl und seine Frau Pfarrer in der Christuskirche in Neuhausen. Frühere Stationen waren Feldmoching, Neu-Ulm und zu Beginn seiner Laufbahn war Haberl Vikar in Grafrath. Ilka Wieberneit arbeitet weiter als Klinikseelsorgerin in der Rotkreuz-Klinik und in der Frauenklinik Taxisstraße in München. Sie muss jetzt drei Tage die Woche pendeln, erzählt Haberl. Aber der S-Bahnhof Herrsching sei ja ganz in der Nähe.

Die Nähe zu den Menschen gestaltet sich in Corona-Zeiten schwierig. "Dieses fiese Virus verhindert alles, was Freude macht", bedauert der Pfarrer: in Gesichter schauen, sich in den Arm nehmen, Feste feiern. In Neuhausen ist Haberl nicht nur als seriöser lutherischer Prediger, sondern auch als Kirchenclown und Narrenpfaffe aufgetreten. Seit 2000 hielt er am Faschingssonntag Narrenpredigten in Reimen. Er hat ein Dreikönigsspiel geschrieben, zu dessen Aufführungen im Nymphenburger Schlosspark zuletzt 1000 Zuschauer kamen. "Ich bin auch ein Theatermann", sagt er.

Was am Ammersee möglich ist, muss sich zeigen. Die evangelische Gemeinde in Herrsching, Seefeld und Wörthsee hat knapp 4700 Mitglieder. Auch hier werden es weniger, den Kirchen laufen die Menschen davon. "Das ist ein historischer Prozess", meint Haberl - seit der Aufklärung, seit die Religionszugehörigkeit keine Selbstverständlichkeit mehr ist sondern freiwillig. Kirche und Gesellschaft veränderten sich ständig, "aber wir werden nicht bedeutungslos". Wandel könne auch Chance sein.

Momentan beschäftigt Haberl vor allem, wie Advent und Weihnachten gefeiert werden können. Gute Ideen sind gefragt, "auch vom Heiligen Geist", scherzt er. Vielleicht fallen sie ihm ja auch auf dem E-Bike ein, beim Schwimmen, Kochen oder Lesen historischer Romane. Dass ihm etwas einfällt, daran lässt er keinen Zweifel.

Die Einführung Ulrich Haberls in der Erlöserkirche findet am Sonntag, 13. September, 15 Uhr, durch Dekan Markus Ambrosy statt. Coronabedingt können am Gottesdienst nur geladene Gäste teilnehmen, er wird aber erstmalig im Livestream übertragen. Der Link wird auf www.evangelisch-in-herrsching.de bekannt gegeben.

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Quelle:
SZ vom 10.09.2020
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