Süddeutsche Zeitung

Herrsching:Kampf gegen Sexismus

"Frauen helfen Frauen" sucht neuen Vereinsvorstand

Durch Missbrauchsvorwürfe aus Hollywood und die Debatte um den Hashtag "metoo", unter dem zahlreiche Frauen ihre Erfahrungen mit sexueller Belästigung schildern, erfährt das Thema "Gewalt gegen Frauen" derzeit große mediale Aufmerksamkeit. Zwar haben sich gesellschaftliches Bewusstsein und rechtliche Lage in den letzten Jahrzehnten drastisch gewandelt. Doch allen Fortschritten zum Trotz haben 58,2 Prozent, also weit mehr als die Hälfte aller Frauen, laut Familienministerium Erfahrungen mit sexueller Belästigung gemacht.

Auch im Landkreis Starnberg hat sich in den vergangenen Jahrzehnten einiges getan, wissen die Vorstandsmitglieder des 1989 in Herrsching gegründeten Vereins "Frauen helfen Frauen". Seither bietet der Verein Beratung und Hilfe für Frauen aus dem gesamten Landkreis, die Opfer von Gewalt wurden oder in Notlage geraten sind. In ihrer Anfangszeit stießen sie - heute kaum mehr denkbar - auf überraschend heftigen Widerstand aus Politik und Bevölkerung, berichten Verena Spitzer und Ursula Galli. Eine Beratungsstelle für Opfer sexueller Gewalt? So etwas käme doch hier im reichen Starnberg gar nicht vor, hieß es von Seiten der Politik. Allein das Thema anzusprechen galt bereits als obszön: Sie zerstörten mit ihrem Angebot intakte Familien, mussten sich die Mitglieder von "Frauen helfen Frauen" seinerzeit anhören. Nicht einmal eine offizielle Adresse hatten sie - aus Furcht vor rachsüchtigen Angehörigen und anderen Gegnern ihres Vereins. Das Notfalltelefon stand zunächst in einer Garage, Beratungen fanden in privaten Wohnungen und dem Glockenturm der evangelischen Kirche statt. "Ein furchtbar lauter Raum ohne Heizung", erinnert sich Spitzer.

Seitdem hat sich vieles geändert: Heute erfährt "Frauen helfen Frauen" viel Anerkennung und Unterstützung. In den Anfangszeiten habe sie sich oft gefühlt wie eine Schwerverbrecherin, berichtet Galli, wenn sie erzählte, dass sie sich für den Verein engagierte. Von solcher Ablehnung sei heute nichts mehr zu spüren. Auch die Hemmschwelle, sich an die Beratungsstelle zu wenden, sei bei den Frauen gesunken, meint Beraterin Cordula Trapp, was sicherlich auch damit zusammenhänge, dass offener mit dem Thema umgegangen werde.

101 Frauen, die meisten von ihnen Opfer häuslicher Gewalt, suchten im Vorjahr Rat bei "Frauen helfen Frauen". Mit Trapp und Claudia Sroka stehen Sozialpädagoginnen und Traumafachberaterinnen zur Verfügung. Doch auch Frauen, die in ihrer Kindheit missbraucht wurden, wendeten sich immer wieder an sie, berichtet Trapp. Einige von ihnen schrecken davor zurück, einen Therapeuten in Anspruch zu nehmen, unter anderem aus Furcht, zu viel offenbaren zu müssen, so die Sozialpädagogin. Bei "Frauen helfen Frauen" dagegen haben die Opfer die Möglichkeit, ohne Druck sprechen zu können - und das auf Wunsch anonym. Eine Anzeigepflicht hat der Verein nur, wenn das Kindeswohl gefährdet ist.

Die Erfahrungen auch im Landkreis Starnberg jedenfalls beweisen: Das einstige Tabuthema "Sexuelle Gewalt gegen Frauen" bleibt - und damit auch die Arbeit des Vereins. Allerdings ist dessen Fortbestehen derzeit gefährdet: Die drei Vorstandsmitglieder Ursula Galli, Daniela Hörstke und Verena Spitzer möchten sich zurückziehen und ihre Ämter abgeben. Sollte sich kein neuer Vorstand finden, droht der Beratungsstelle in Herrsching sogar das Aus. Interessierte werden deshalb dringend gebeten, sich unter Telefon 08152/5720 bei "Frauen helfen Frauen" zu melden. Der aktuelle Vereinsvorstand will weiterhin beratend zur Seite stehen.

Zur Debatte über "Sexismus im Alltag" rufen auch die Starnberger Grünen diesen Samstag am "Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen" auf. Kerstin Täubner-Benicke betont, dass nicht nur die Frauen in der Pflicht stünden, sich vor Gewalt und Sexismus zu schützen, sondern viele Männer ihr Verhalten ändern müssten. Täubner-Benicke: "Ob Lippenstift, Minirock oder Ausschnitt - es gibt keine Rechtfertigung für männliches Fehlverhalten."

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Quelle:
SZ vom 25.11.2017
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