Zwischennutzung:Spektakel in der Firmenruine

Lesezeit: 3 min

Zwischennutzung: Sieben Künstler machen die verlassene Heine-Firmenzentrale in Herrsching für vier Tage zum Schauplatz eines Kunstfestivals.

Sieben Künstler machen die verlassene Heine-Firmenzentrale in Herrsching für vier Tage zum Schauplatz eines Kunstfestivals.

(Foto: Nila Thiel)

Die "Künstler aus dem Einbauschrank" hauchen einem brach liegenden Gebäude mal wieder Leben ein. Dieses Mal wird die verlassene Firmenzentrale von Heine-Optotechnik in Herrsching zum Schauplatz eines bunten Kunstfestivals.

Von Katja Sebald

Der "Putinator" ist schon einsatzbereit. Der Aktenvernichter ist eine Reminiszenz an die Bürovergangenheit des Gebäudes und das kleine "Balloon Girl" auf dem bedruckten Blatt eine Hommage an den Künstler Banksy. Das maskenhaft eingefrorene gelbe Gesicht von Wladimir Putin, das nochmal und nochmal in schmale Streifen geschreddert wird, macht das merkwürdige Readymade zu einem politischen Kunstwerk. Jeder Ausstellungsbesucher, der für Putins geschredderte Visage bezahlt und in einem Tütchen mit nach Hause nimmt, spendet damit für die Ukraine-Hilfe.

Zwischennutzung: Rein damit und losgeschreddert: Der Erlös am "Putinator" geht an die Ukraine-Hilfe.

Rein damit und losgeschreddert: Der Erlös am "Putinator" geht an die Ukraine-Hilfe.

(Foto: Nila Thiel)
Zwischennutzung: Noch ein bisschen Büro: Isabel Chrétien hat in der verlassenen Heine-Firmenzentrale mit den dort übriggebliebenen Büroartikeln eine schwebende Installation gebaut.

Noch ein bisschen Büro: Isabel Chrétien hat in der verlassenen Heine-Firmenzentrale mit den dort übriggebliebenen Büroartikeln eine schwebende Installation gebaut.

(Foto: Nila Thiel)
Zwischennutzung: Teil der Ausstellung in Herrsching: das "Bermudadreirad" von Christoph Jenauth.

Teil der Ausstellung in Herrsching: das "Bermudadreirad" von Christoph Jenauth.

(Foto: Nila Thiel)

Die "Künstler aus dem Einbauschrank" sind also wieder da. Mit noch mehr Künstlern in noch mehr Räumen und mit einem noch größeren Live-Programm machen sie die seit zwei Jahren leerstehende ehemalige Firmenzentrale von "Heine Optotechnik" an der Kientalstraße in Herrsching zu einem temporären Kunstort. Bis dahin werden Wände eingerissen, es wird auf mehr als 1000 Quadratmetern entrümpelt und geputzt, aus alten Regalen und Aktenschränken entstehen Bühne und Bar, die braun geflieste Kantine wird zum hippen Café mit Dachterrasse. Und am Ende wird es in über fünfzig Räumen Malerei, Installationen, Skulpturen, Fotografie, Objektkunst, Videos, Performances, Lesungen, Streetart, Comedy und Konzerte geben. Die Eröffnung findet am 14. Juli mit einer großen Vernissagenparty statt, vier Tage später ist alles vorbei.

"Kunst fährt auf Sicht" heißt das neue Projekt der sieben befreundeten Künstlerinnen und Künstler, die erstmals 2012 mit "Kunst im Einbauschrank" die Herrschinger Kunstszene aufmischten. Seither haben sie Abbruchvillen aus den Sechzigerjahren und die 36 Zimmer eines maroden Mietshauses, ein ehemaliges Sportgeschäft und ein ganzes Schwimmbad mit ihren kreativen Zwischennutzungen und sehr viel Humor verwandelt.

Die Pandemie hat auch die Künstlergruppe, die 2014 mit dem Kulturförderpreis des Landkreises ausgezeichnet wurde, zwei Jahre lang ausgebremst. Der Titel des neuen Ausstellungsprojekts ist deshalb Programm: Wenn es die Corona-Lage erfordert, muss es eben Auflagen und Einschränkungen geben.

Alle sehen blass aus - das Kunstprojekt läuft neben Job und Kindern nur nebenher

Gesine Dorschner, Monika Roll, Felix Maizet und Enno Müller-Spaethe waren schon bei der ersten Aktion "Kunst im Einbauschrank" mit von der Partie. Seither hat sich die Besetzung geändert, das Team besteht aber mit Dirk Eckert, Nina Fritzsche und Christof Jenauth insgesamt wieder aus sieben festen Mitgliedern, die sich die Organisation und seit kurzem als GbR auch die Verantwortung teilen. Für das Interview unterbrechen alle kurz ihre Bau-und Aufbauarbeiten. Sie steigen noch einmal auf das Gerüst, von dem aus sie der Fassade des alten Firmengebäudes vor ein paar Tagen einen neuen Look verpasst haben. Alle sind ein bisschen blass um die Nase, denn sie arbeiten seit Wochen in doppelten Schichten. Neben ihrer eigentlichen Arbeit, der sie alle als Freiberufler nachgehen, bereiten sie die Ausstellung vor. Einige haben außerdem Kinder, die versorgt werden müssen. In den frühen Morgenstunden oder spätabends werkeln sie in dem düsteren Gebäudekomplex, in dem früher medizintechnische Geräte hergestellt wurden und dessen Achtzigerjahre-Chic mit viel dunklem Holz in der Chefetage, einem Klappbett im Konferenzraum und staubigem Teppichbodengrau in allen Büroräumen nun reichlich Ausgangsmaterial für ihre künstlerischen Interventionen bietet.

Insgesamt sind rund dreißig Künstler an dem Event beteiligt, die jüngsten von ihnen sind noch Schüler. Neben der bildenden Kunst soll auch diesmal der Festivalcharakter im Mittelpunkt stehen, die Ausstellung wird an allen vier Tagen von zahlreichen Live-Acts begleitet.

"Viele Künstler haben wir eingeladen, weil uns ihre Arbeiten gefallen und wir sie mögen", sagt Enno Müller-Spaethe, eine Jury habe es jedoch nicht gegeben. "Unsere Grundidee ist es ja, auf die Räume und die Gegebenheiten zu reagieren", erläutert Nina Fritzsche. Nur so entstehen Arbeiten wie der "Putinator", der ein gemeinschaftliches Werk von Felix Maizet und Christof Jenauth ist. Der Titel "Kunst fährt auf Sicht" bedeute auch, dass man einfach mal anfängt und schaut, was möglich ist, erklärt Moni Roll. Einig sind sich jedoch alle sieben, dass ihre Kunst in diesen Zeiten ernster geworden ist.

Alle Informationen und Termine, auch kurzfristige Änderungen unter dkade.de

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