Der Unterricht fängt erst um 8.30 Uhr an, es gibt keine Hausaufgaben, keine Exen und dann ist da noch dieser Blick auf den Ammersee: Kein Wunder, dass das neue Gymnasium in Herrsching so beliebt ist. Für die nächste Startklasse in der fünften Jahrgangsstufe, die im Herbst dazukommt, gab es wieder viel mehr Anmeldungen, als Plätze zur Verfügung stehen. 36 Schüler mussten deshalb allein in der fünften Jahrgangsstufe abgewiesen werden, sagte die stellvertretende Schulleiterin Claudia Wolff-Lieser am Rande eines Festakts am Freitag, zu dem ursprünglich auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder kommen wollte.
So hatte es das Starnberger Landratsamt in einem Hinweis auf den Tag der offenen Tür am Nachmittag jedenfalls angekündigt. Doch daraus wurde nichts; in den vergangenen Tagen kam irgendwann eine Absage aus der Staatskanzlei. Und so haben sich etwa 400 Gäste ohne Söder viele Gruß- und Dankesworte angehört. Gekommen waren Bürgermeister, Kreisräte und der CSU-Bundestagsabgeordnete Michael Kießling, Vertreter des Landratsamts, Architekten und Lehrer, Mitglieder von Elternbeirat und Schülermitverantwortung (SMV).
Der Unterricht in dem Neubau mit viel Holz und Glasfassaden, mit Dreifachsporthalle und Tiefgarage läuft bereits seit dem vergangenen Herbst. In jeweils vier Klassen von der fünften bis zur neunten Jahrgangsstufe werden seither insgesamt 585 Schüler unterrichtet; sie waren zuvor in Vorläuferklassen in Gymnasien in Gilching und Germering und sind zum Start in Herrsching geschlossen dorthin umgezogen. Nach und nach kommen nun weitere Jahrgänge hinzu, bis die Kapazität von 1100 Schülern erreicht ist. Im Jahr 2030 verlassen die ersten Abiturienten das Gymnasium.
Das Herrschinger Gymnasium hat eine lange Vorgeschichte. Daran erinnerte Landrat Stefan Frey (CSU) in seiner Ansprache. 18 Jahre habe es gedauert, „Deutschlandtempo“, sagte er ironisch schmunzelnd. Es sei ein „Kraftakt“ mit Höhen und Tiefen sowie Gerichtsprozessen gewesen. Nachbarn hatten sich heftig aber letztlich vergeblich gewehrt. Dazu noch ein paar Schreckmomente in der Bauphase. Etwa als ein Lastwagen in die Fassade krachte und Frey um die Stabilität des Gebäudes fürchten musste. Oder als im vergangenen Jahr nach einem heftigen Unwetter Wasser im Serverraum mit den Computern stand. Das ist überstanden, jetzt läuft der Schulbetrieb.


Und zwar nach einem modernen pädagogischen Konzept in dafür maßgeschneiderter Architektur. So heißen die vier Teile des Gebäudekomplexes „Lernhäuser“, dort gibt es nicht einfach Klassenzimmer, sondern sogenannte Lernlandschaften und Jahrgangscluster. „Man hat das Gefühl, dass es euch hier gut geht“, sagte der Architekt Felix Schürmann in einer kleinen Gesprächsrunde im Rahmen des Festakts. Bei Besuchen fühle er sich immer besonders freundlich aufgenommen, er bemerke „eine ganz besondere Stimmung, eine Schwingung im Raum“.
„Wir bekennen uns zu Leistung, Anstrengung und Exzellenz“, sagt die Direktorin
„Wir sind eine junge Schule“, sagte die Schulleiterin Eva Weingandt. Das sei ein großes Privileg. Und: „Wir bekennen uns zu Leistung, Anstrengung und Exzellenz.“ Und so gehören zu dem besonderen pädagogischen Ansatz nicht nur ein späterer Unterrichtsbeginn als in den meisten Schulen und der Verzicht auf unangekündigte schriftliche Prüfungen, sondern durchaus auch strikte Regeln. Nachzulesen auf den vielen Zetteln an den Wänden der Lernlandschaften mit Sitzwürfeln: „Achte darauf, dass die Stühle und Hocker keine Geräusche verursachen“, zum Beispiel.
Der Aufenthalt dort ist nur mit Namensschildchen erlaubt, absolute Ruhe ist einzuhalten, bei Verstößen ist das „Arbeiten im Instruktionsraum verpflichtend“. Von dem ersten Abiturjahrgang erwartet die Schulleiterin einiges: Menschen, „die fachlich stark sind, die kritisch denken, die Verantwortung übernehmen, die kreativ Probleme lösen, die mit anderen erfolgreich zusammenarbeiten, die ihre Stärken kennen und voller Vertrauen in ihre Zukunft sind“.


Eine wichtige Rolle spielte in Herrsching von Anfang an der Förderverein der Schule. Nach den Worten der Vorsitzenden Sonja Sulzmaier kommen die Schüler mit dem besonderen pädagogischen Konzept gut zurecht. Die Mutter zweier Kinder stellt jedenfalls eine „hohe Identifikation mit dem selbst organisierten Lernen“ fest und „unglaublich viel Engagement hier an der Schule“. Derzeit werde ein Leitbild entwickelt; etwa 500 Gymnasiasten beteiligten sich daran.
Unterdessen wird draußen noch ganz praktisch etwas nachgebessert. Damit die Schüler sicherer über eine Straße kommen, wurde probeweise eine Bedarfsampel in Betrieb genommen. Wie das Landratsamt mitteilt, wurde außerdem eine Tempo-30-Zone verlängert, und Radler dürfen nun auch auf einem Gehweg in Richtung Ortsmitte fahren. Eine Wendeschleife für die Busse ist inzwischen fertiggestellt und soll zur Entzerrung der Schülerströme beitragen. Insgesamt werde die Verkehrssicherheit nochmals wesentlich verbessert, erklärte Landrat Frey in einer Mitteilung. Und sein Schlusswort beim Festakt: „Passt mir ja auf die Schule auf! Haltet diese Schule in Ehren.“ Sie hat 110 Millionen Euro gekostet.

