Erneuerbare EnergieHerrsching blockiert Bohrplatz im Moos

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In Pullach ist der Ausbau der Geothermie schon weit fortgeschritten. Bis nächstes Jahr soll erklärtermaßen jede Straße im Ort mit Fernwärme erschlossen sein. Eine Perspektive, von der Herrsching und Gauting noch weit entfernt sind.
In Pullach ist der Ausbau der Geothermie schon weit fortgeschritten. Bis nächstes Jahr soll erklärtermaßen jede Straße im Ort mit Fernwärme erschlossen sein. Eine Perspektive, von der Herrsching und Gauting noch weit entfernt sind. Sebastian Gabriel
  • Die Gemeinde Herrsching blockiert den geplanten Geothermie-Bohrplatz im Herrschinger Moos, weil er in einem empfindlichen Naturschutzgebiet liegt.
  • Bürgermeister Schiller schlägt als Alternative ein Grundstück an der Seefelder Straße vor, das bereits 2009 einen baurechtlichen Vorbescheid erhielt.
  • Das Geothermie-Projekt in Gauting ist nach zehn Jahren Vorbereitungen zwar genehmigt, wartet aber noch auf weitere Investoren nach dem Ausstieg Gilchings.
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Die Geothermie Ammersee will im Norden des Ortes Erdwärme erschließen, doch die Gemeinde will das Gebiet direkt neben einem Biotop schützen und schlägt als Alternative ein Grundstück vor, das bereits vor Jahrzehnten dafür vorgesehen war.

Von Michael Berzl, Herrsching

Gas und Öl werden gerade richtig teuer; das macht alternative und zudem nachhaltige Methoden, Haus oder Wohnung zu heizen, noch attraktiver. Eine besonders smarte Lösung könnte die Geothermie liefern, sie gilt als sicher, sauber, umweltschonend und auf Dauer verfügbar. Die Wärme in der Tiefe ist schon da, sie muss nur erschlossen werden. Wie schwierig das sein kann, wie viel Ausdauer dafür nötig ist, zeigen zwei Beispiele im Landkreis Starnberg: In Gauting ist nach zehn Jahren Debatten und Vorbereitungen ein Bohr-Beginn bis jetzt nicht in Sicht. Und in Herrsching beginnt gerade eine Auseinandersetzung um einen geeigneten Bohrplatz.

Die Geschichte der Geothermie in Herrsching ist schon mehr als zwei Jahrzehnte lang, zumindest auf dem Papier. In der Praxis aber ist noch nichts geschehen. Das zeigt, dass in dem Metier viel Ausdauer nötig ist. Die Geothermie Ammersee GmbH von Josef Birner hat sich schon 2005 erstmals die Rechte für die Suche nach Erdwärme in dem Gebiet zwischen Ammersee und Starnberger See gesichert. Vier Jahre später hat der Gemeinderat laut einer Chronologie des Unternehmens den baurechtlichen Vorbescheid für ein Kraftwerk an der Seefelder Straße im Norden des Ortes erteilt. Und genau dieses Grundstück mit einer wechselhaften Geschichte kommt nun wieder ins Spiel.

Das Grundstück am nördlichen Ortsrand war schon mehrfach von öffentlichem Interesse. Das Areal war als Standort für ein neues Gymnasium vorgesehen, später war geplant, dort ein Krankenhaus zu bauen. Die Schule steht jetzt am anderen Ende von Herrsching, und wo der Landkreis Starnberg einmal eine neue Klinik bauen will, ist noch offen, an der Seefelder Straße jedenfalls nicht. Die Flächen dort stünden also wieder zur Verfügung (Standort 2), gehören zum Teil bereits dem Unternehmer Josef Birner und wären nach Überzeugung von Bürgermeister Christian Schiller auch geeignet als Bohrplatz. Besser jedenfalls als der Platz, den sich Birner, der ansonsten Ferienwohnungen vermietet, gesichert hat (Standort 1).

Mitten im Herrschinger Moos, etwa auf halber Strecke zwischen Ammersee und Pilsensee, befindet sich diese knapp 7000 Quadratmeter große Fläche. „Einer der empfindlichsten Bereiche, den wir in Herrsching haben“, sagte Bürgermeister Schiller bei einem Pressegespräch in der vergangenen Woche. Ein Vogelschutzgebiet und ein Fauna-Flora-Habitat lägen demnach in der Nähe, direkt daneben befänden sich Biotope. „Der Gemeinderat möchte nicht, dass so weit draußen dieser Industriestandort entsteht“, betonte er. Ansonsten befürchtet er Begehrlichkeiten für weitere Bauvorhaben und „Spekulationen“; es sei aber nicht gewünscht, dass sich der Ort weiter nach Norden entwickelt. Zudem ist eine gut einen halben Kilometer lange Zufahrt zu dem Bohrplatz nötig. Und die dürfte noch eine wichtige Rolle spielen.

Nach Darstellung des Bürgermeisters würden für diese Zufahrt etwa 200 Meter auf kommunalem Grund benötigt, und der Gemeinderat habe es mit großer Mehrheit abgelehnt, diesen Grund zur Verfügung zu stellen. „Das ist der einzige Hebel, den wir haben“, sagte Schiller. Denn Geothermie genieße baurechtliche Privilegien und sei nicht so einfach zu verhindern. Aber: ohne Zufahrt kein Bohrplatz. Zugleich betonte Schiller aber mehrfach, „dass die Geothermie uns allen wichtig ist.“ Es scheint ihm wichtig zu sein, deutlich zu machen, dass er diese Art der Wärmeversorgung nicht grundsätzlich ablehnt.  Dritter Bürgermeister Wolfgang Schneider ergänzte bei dem Gespräch mit Vertretern fast aller Fraktionen: „Wir wollen Geothermie, wir wollen aber auch unser Ortsbild erhalten.“

Die Geothermie Ammersee will bei Herrsching Erdwärme erschließen (von links): Technischer Leiter Jan Rolwes, Sophie Birner, die für das Projektmanagement zuständig ist, und Geschäftsführer Josef Birner.
Die Geothermie Ammersee will bei Herrsching Erdwärme erschließen (von links): Technischer Leiter Jan Rolwes, Sophie Birner, die für das Projektmanagement zuständig ist, und Geschäftsführer Josef Birner. Gerd Kloos

Die Geothermie Ammersee hat jedoch wegen des bürokratischen Aufwands, der bisher schon zu leisten war, offenbar wenig Interesse daran, den Bohrplatz zu verlegen. „Die vorliegenden Fachgutachten bestätigen lückenlos, dass alle strengen gesetzlichen Anforderungen zum Schutz von Mensch und Natur am Projektstandort erfüllt und vollumfänglich gewahrt werden. Umfassende Analysen zum Lärm-, Natur-, Umwelt- und Anwohnerschutz belegen die uneingeschränkte Eignung des Ackers“, erklärt Sophie Birner, die in dem Unternehmen für das Projektmanagement zuständig ist. Die Untersuchungen zu dem von der GmbH vorgeschlagenen Standort im Norden von Herrsching seien abgeschlossen. Der Prüfprozess habe mehr als drei Jahre in Anspruch genommen. Der Entwurf für einen Bescheid des Bergamts Südbayern bei der Regierung von Oberbayern sehe die Zulassung des Hauptbetriebsplans für das Geothermieprojekt Herrsching eben an jenem vorgesehenen Standort vor. Die Eigentümer des Grunds für die Zufahrt hätten ihre Zustimmung gegeben. Die Lösung sei in einem gemeinsamen Termin mit Vertretern der Gemeinde abgestimmt. „Die aktuelle Blockade-Haltung widerspricht der Vereinbarungen mit der Gemeinde“, erklärt Sophie Birner.

Den von Schiller vorgeschlagenen Alternativstandort sieht sie skeptisch: „Bislang kann die Gemeinde nicht beantworten, ob es sich beim Klinikareal überhaupt um eine seriöse Alternative handelt.“ Um diese Frage zu klären, müssten Untersuchungen der vergangenen drei Jahre komplett neu vorgenommen und ausgewertet werden – mit offenem Ausgang, ob die Klinik-Grundstücke am Ende überhaupt geeignet sind, teilt sie auf Nachfrage per E-Mail mit. Nach Offenheit für das Angebot aus dem Rathaus klingt das alles nicht. Direkte Gespräche gab es wohl schon länger nicht mehr.

„Silenos Gauting Interkommunal“ ist bereit zum Bohren

Etwa elf Kilometer entfernt von Herrsching liegt der Bohrplatz der „Silenos Gauting Interkommunal“, ein weiteres Geothermie-Projekt im Landkreis Starnberg, das sich schon lange hinzieht. Daran ist ein ganzes Firmengeflecht beteiligt. Treibende Kraft ist von Beginn an der Unternehmer Bernd Schulte-Middelich mit seiner Asto-Gruppe, eine wichtige Rolle spielt aber auch der österreichische Strabag-Konzern mit Sitz in Wien. Schulte-Middelich beschäftigt das Thema schon seit mehr als zehn Jahren, und auch er hat immer wieder mit Widrigkeiten zu kämpfen. Angekündigte Termine, wann die Versorgung mit Fernwärme aus einer Tiefenbohrung beginnen sollte, wurden schon mehrfach verschoben.

Ein Standortproblem gab es auch schon, doch das ist gelöst. Ein bereits gepachtetes Grundstück im Unterbrunner Holz nahe dem Sonderflughafen Oberpfaffenhofen erwies sich wegen eines Konflikts mit dem Wasserschutz als ungeeignet. Nun gibt es einen anderen Bohrplatz in der Nähe; der liegt auf Kraillinger Gemeindegebiet in der Nähe der Unterbrunner Umgehungsstraße. Ein schwerer Rückschlag war zuletzt der Ausstieg der Gemeinde Gilching nach gescheiterten Preisverhandlungen vor gut einem Jahr. Man konnte sich nicht darauf einigen, was die zugelieferte Fernwärme letztlich kosten sollte; die Kommune baut ihr Wärmenetz jetzt weiter aus und setzt auf ein eigenes Heizwerk. Ungeachtet aller Probleme laufen bei dem Konsortium rund um die Asto-Gruppe weiter die Vorbereitungen.

„Für das Projekt liegen alle Planungen und Genehmigungen vor“ teilt eine Strabag-Sprecherin mit. Das Geothermie-Vorhaben sei „drill ready“, also bereit für den Start der Bohrungen, ein dafür vorgesehener Termin wird allerdings nicht genannt. Offenbar hofft der österreichische Konzern immer noch auf Gilching als Partner, denn die wirtschaftlichen Grundlagen seien ohne eine Wärmeabnahme durch die dortigen Gemeindewerke „nicht ideal“. Die Strabag suche weitere Investoren, „die sich an dem Leuchtturmprojekt im Landkreis Starnberg beteiligen wollen“, erklärt die Unternehmenssprecherin und kündigt wichtige Entscheidungen in den nächsten Monaten an.

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