Herrsching:Feinfühliges Changieren

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Herrsching: Lukas - Passion

Im Mittelpunkt das Kreuz: Chor, Solisten und Orchester formen aus der Lukas-Passion von Telemann ein eindrückliches Werk in der vollen Kirche.

(Foto: Nila Thiel)

Das Lodron-Ensemble aus München und der Projektchor der Pfarreigemeinschaft Ammersee Ost wagen sich an die Lukas-Passion von Telemann. Eine Aufgabe, die Chor und Orchester am Karfreitag mit Bravour lösen

Von Reinhard Palmer, Herrsching

23 oratorische Passionen von Telemann haben sich erhalten. Eine beeindruckende Zahl, die vor allem daran erinnert, dass Telemann in seinen 86 Lebensjahren etwa 3500 Werke vollendete, also mehr als doppelt so viele wie Bach, dem für sein Schaffen allerdings nur 65 Lebensjahre zur Verfügung standen. Als Kirchenmusiker und Kantor in Hamburg produzierte Telemann eine Menge liturgische und sakrale Musiken, die aber keinesfalls als reine Gebrauchsmusiken zu betrachten sind.

Von der Lukas-Passion entstanden zwischen 1724 und 1764 elf Werke, erhalten haben sich aber nur fünf. Jenes von 1744, das sich Anton Ludwig Pfell fürs Konzert am Karfreitag vorgenommen hatte, und das den Kirchenraum von St. Nikolaus in Herrsching bis auf den letzten Platz zu füllen vermochte, gehört zu den herausragenden, konzertant einsetzbaren Werken Telemanns. Mit einem relativ schlank besetzten Ensemble Lodron München und dem 41-köpfigen Projektchor der Pfarrgemeinschaft Ammersee Ost leitete Pfell zwei Klangkörper, die kammermusikalisch wendig, aber von der Substanz her auch sinfonisch fülliger agieren konnten.

Dieser weit gespannte Zugriff ist in diesem Fall insofern besonders treffend, da Telemanns Musik zwar leichter, höfischer, auch agiler und energischer als die Bachs daherkommt. In den Arien und Chorälen griff der Komponist aber auch tiefer in den Ausdrucksfundus und breitete das Klangspektrum viel weiter aus. Im Zentrum steht jedoch die rezitativische Wiedergabe des Evangeliums in Form von Dialogen, die in der Interpretation Pfells aber die melodiöse Ausprägung deutlich hervorhoben.

Auf diese Weise band der am Pult Ausdruck formende Maestro die Rezitative nahtlos in den Gesamtverlauf ein und baute damit einen musikalisch fesselnden dramaturgischen Bogen auf, der sich den szenischen Absichten des Komponisten als überaus dienlich erwies. Die Passion ist zwar kein nach künstlerischen Gesichtspunkten frei interpretierbarer Inhalt, zumal bei einer Aufführung im kirchlichen Kontext, aber gerade die Schärfung der Eindringlichkeit seiner Vermittlung unterstützt in der kontemplativen Betrachtung.

Manuel Ried brachte für seine Rolle als Evangelist einen ausgesprochen lyrischen Tenor mit, der die Erzählung sehr unmittelbar zu vermitteln vermochte. Insbesondere für die dialogisierende Form der Narration war diese Stimmausrichtung von entscheidender Bedeutung, entwickelte sich doch mit Raphael Siglings Christus-Rolle im sonoren, seelentief ergreifenden Bass, sowie mit Roman Payers vielseitigen Tenor, der Herodes, Pilatus, Hauptmann und andere Figuren der Passion auszudrücken hatte, ein stimmiges klangliches Szenario. Dies galt nicht zuletzt auch für den Chor, der sich in der Rolle des Volkes immer wieder auch in Einwürfen inmitten des Rezitativischen mit präziser Erzählschärfe beweisen konnte.

Waren einige Passagen der Rezitative bereits von überaus melodischer Schönheit, so exponierten die Gesangssolisten die Arien als wahre musikalische Perlen. Insbesondere die Sopranistin Susanne Winter, die als Glanzlicht über den Männerstimmen nicht nur lyrische Sanglichkeit einflocht. Von besonderem Reiz gestaltete Winter in Zwiesprache mit der Flöte "Wie sich ein winz'ges Lüftchen regt" in luftiger Leichtigkeit der vergnüglichen Passagen, um dann reich im Kolorit ins Trübere zu changieren. Diese feinsinnigen Hell-Dunkel-Wechsel beherrschte Telemann in ausgesprochen feinfühliger Weise. Auch der Chor kam zum Vergnügen breit ausgelegter Sätze. So etwa in "Ach, klage, wer nur klagen kann" mit dramatisch-majestätischer Größe, voller Spannung, aber auch Wärme in den tief empfundenen Rücknahmen. Das breit schreitende Schlusswort gehörte mit "So fahr' ich hin zu Jesu Christ" ebenfalls dem Chor. Ein lang anhaltender, frenetischer Applaus blieb denn auch nicht aus.

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