Ortsentwicklung:Bahn bremst Herrsching aus

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Ortsentwicklung: So könnte der rückwärtige Teil des Bahnhofs künftig aussehen - wenn die Gemeinde die Flächen dafür von der Bahn bekäme.

So könnte der rückwärtige Teil des Bahnhofs künftig aussehen - wenn die Gemeinde die Flächen dafür von der Bahn bekäme.

(Foto: Repro: Franz Xaver Fuchs/Gemeinde Herrsching)

Die Ammerseegemeinde würde gern ihr Bahnhofsgebäude und dazugehöriges Umfeld umgestalten. Doch dafür fehlen ihr wichtige Grundstücke.

Von Astrid Becker, Herrsching

Es riecht noch immer nach Rauch und Alkohol. Wer diese Räume im S-Bahnhof Herrsching betritt, merkt sofort, was hier lange Zeit war: ein echtes Stüberl. Eine Bahnhofskneipe also, wie es sie früher an vielen Stellen im Land gegeben hat. Mit einarmigen Banditen, Stammgästen, die schon am Morgen am Tresen sitzen und sich Kummer oder Freude von der Seele reden. Klischees, die in Herrsching wohl tatsächlich der Realität entsprochen haben. Bis zum 1. April - jenem Tag, an dem Wirt Theo Fuchs sein Stüberl für immer geschlossen hat.

37 Jahre lang hatte Fuchs das etwa 50 Quadratmeter große Lokal betrieben, die meisten davon zusammen mit seiner Frau Christine, die aber vor einigen Jahren gestorben war. Fuchs kündigte den Vertrag, bat nach Aussagen der Gemeinde, der das Gebäude gehört, nicht erst im Sommer, sondern vorzeitig zum 1. April aufhören zu dürfen. Gesundheitlich soll der 72-Jährige angeschlagen sein, zuletzt kam noch die Pandemie hinzu und deren wirtschaftlichen Folgen. Die Gemeinde entsprach seinem Wunsch - wohl wissend, dass nun wieder ein Thema in Herrsching hochkochen würde, um das es sehr lange Zeit sehr ruhig in der Öffentlichkeit geworden war: die Umgestaltung des Bahnhofplatzes, von der schon seit Jahren die Rede ist.

Ortsentwicklung: Die Gemeinde Herrsching ist zwar Eigentümerin des Bahnhofgebäudes, vom Umfeld allerdings gehört ihr zu wenig.

Die Gemeinde Herrsching ist zwar Eigentümerin des Bahnhofgebäudes, vom Umfeld allerdings gehört ihr zu wenig.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

2008 hatte die Gemeinde Herrsching das Bahnhofsgebäude erworben - nach einem Gerichtsbeschluss, mit dem sie Bürgermeister Christian Schiller zufolge ihr Vorkaufsrecht erstritt. Zuvor, 2006, habe den Bahnhof, der genau genommen aus zwei Gebäuden und einem Verbindungstrakt, also der einstigen Wartehalle besteht, Theo Fuchs gekauft. Die Bahn hatte bei dem Deal allerdings das Vorkaufsrecht der Gemeinde nicht berücksichtigt. Seit der erfolgreichen Klage der Kommune waren immer wieder Wünsche geäußert worden, was aus dem Gebäude und seiner Umgebung werden könnte. Lange Zeit jedoch verhallten die Anregungen ungehört, weil die Bahn Gebäude und Anlage nicht freistellte. Sogar der barrierefreie Ausbau der Bahngleise hatte der Gemeinde viel Geduld abverlangt: Zehn Jahre dauerte es, bis dieser endlich 2014 beendet werden konnte.

Ortsentwicklung: So könnte der Vorplatz aussehen, wenn der Entwurf des Landschaftsarchitektur-Büros Silands, Gresz und der Tübinger Architekten Mathias Hähnig und Martin Gemmeke realisiert werden könnte.

So könnte der Vorplatz aussehen, wenn der Entwurf des Landschaftsarchitektur-Büros Silands, Gresz und der Tübinger Architekten Mathias Hähnig und Martin Gemmeke realisiert werden könnte.

(Foto: Repro: Franz Xaver Fuchs/Gemeinde Herrsching)

Vier Jahre später sollte die gewünschte Umgestaltung des Areals und seiner Umgebung endlich weiter vorangetrieben werden. 2018 gab es einen städtebaulichen Wettbewerb, den das Landschaftsarchitektur-Büro Silands, Gresz und Kaiser aus Ulm zusammen mit den Tübinger Architekten Mathias Hähnig und Martin Gemmeke gewann. Das Konzept sah auf der den Gleisen abgewandten östlichen Seite des Bahnhofs - also dort, wo derzeit die Straße "Zum Landungssteg" verläuft - einen großzügigen Platz ohne Autoverkehr, der auch für Feste, Konzerte oder Marktstände genutzt werden könnte. Dafür müsste allerdings die jetzige Straße einen anderen Verlauf bekommen - sie würde diesen Plänen zufolge von der Gaststätte Andechser Hof hinter der jetzigen Touristeninformation über den Kienbach an der VR-Bank vorbei in Richtung Ladestraße führen. Die jetzigen Parkplätze vor dem Bankgebäude würden weiterhin bestehen bleiben. Doch obwohl das Preisgericht in seinem Urteil diesen Plänen "ein hohes Maß an Realisierbarkeit" bescheinigte, wird daraus wohl nichts werden: Der Gemeinde fehlen ein paar Grundstücke dafür. Deren Eigentümer, ein Herrschinger, sei nicht bereit, sich von diesen zu trennen, ist aus dem Herrschinger Rathaus zu hören.

Es gibt einen Grunderwerbsvertrag aus dem Jahr 2012, aber das interessiert die Bahn derzeit offenbar nicht

Das Gleiche gilt wohl auch für das, was auf der Rückseite des Gebäudes geplant wäre: eine ruhige Grünfläche, die nach Süden hin in die Kienbachterrassen mündet. Dafür sollte das Gewässer an dieser Stelle wieder geöffnet und sichtbar gemacht werden. Die Grünflächen und Terrassen könnten "als großzügiges Verbindungsglied zu Areal der Erlöserkirche" wirken, heißt es in der Bewertung der Preisjury. Insbesondere begrüßten die Juroren auch die darin angedachte Fußwegeverbindung entlang des Kienbachs als "weitere fußläufige Verbindung zum See". Doch auch daraus wird vorerst wohl nichts werden: Auch hier fehlen der Gemeinde wichtige Flächen, die die Bahn trotz eines zugesagten Grunderwerbsplans nun doch nicht mehr veräußern will. Das hatte die Bahn im September 2021 der Gemeinde signalisiert. Dabei hatte Bürgermeister Schiller alle möglichen Hebel in Bewegung gesetzt, um doch noch ein Einlenken zu bewirken: "Wir sind dann aber auf die Zeit nach der Bundestagswahl vertröstet worden, wenn es einen neuen Bevollmächtigen dafür in der Politik gibt", sagt er.

Ortsentwicklung: Die einstige Bahnhofsgaststätte ist bereits ausgeräumt. Der Wirt hatte gekündigt - das bringt die Gemeinde nun unter Zugzwang. Denn die Räume sind wie das ganze Gebäude sanierungsbedürftig: (v.li.) Bauamtsleiter Guido Finster, Bürgermeister Christian Schiller und Christoph Schmidt von der Abteilung Liegenschaften.

Die einstige Bahnhofsgaststätte ist bereits ausgeräumt. Der Wirt hatte gekündigt - das bringt die Gemeinde nun unter Zugzwang. Denn die Räume sind wie das ganze Gebäude sanierungsbedürftig: (v.li.) Bauamtsleiter Guido Finster, Bürgermeister Christian Schiller und Christoph Schmidt von der Abteilung Liegenschaften.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Bis jetzt allerdings scheint sich nicht viel zu bewegen - was die Gemeinde in ein Dilemma bringt. Sie muss sich nun Gedanken machen, wie es mit der leerstehenden Gastronomie in ihrem Bahnhofsgebäude weitergeht. Denn eines steht schon jetzt fest: Der Sanierungsbedarf für den gesamten Komplex ist enorm. Die Rede ist bereits von einem siebenstelligen Betrag, der aber derzeit laut Schiller erst noch genau ermittelt wird. Wird mit den Arbeiten nicht in absehbarer Zeit begonnen, dürften die erwarteten Kosten noch weiter steigen. Bis zum Sommer sollen weitere Details bekannt sein, über die dann der Gemeinderat befinden muss, so der Rathauschef. Erst dann könne auch weiter überlegt werden, welche künftige Nutzung des Gebäudes Sinn machen könnte. "Vielleicht findet sich ja auch ein Investor dafür?", meint Schiller. Doch dafür bräuchte man wohl auch die Flächen der Bahn, andernfalls müsste eine künftige Gastronomie dort ohne Freischankflächen auskommen. "Kaum möglich", glaubt auch Bürgermeister Schiller. Ihm und seiner Gemeindeverwaltung bleibe derzeit nur eines, sagt er: "Hoffen".

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