Demonstration in HerrschingMit Besen und Wischmopp für den Bürgerbahnhof

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Symbolische Putzaktion: Bürgermeisterkandidatin Karin Casaretto (graue Mütze, graue Jacke) mit Unterstützern vor dem Herrschinger Bahnhofsgebäude.
Symbolische Putzaktion: Bürgermeisterkandidatin Karin Casaretto (graue Mütze, graue Jacke) mit Unterstützern vor dem Herrschinger Bahnhofsgebäude. Franz Xaver Fuchs
  • Die Grünen und die Bürgergemeinschaft wollten den heruntergekommenen Herrschinger Bahnhof gemeinsam putzen, doch die Gemeinde verbot die Aktion im Gebäude.
  • Stattdessen demonstrierten 30 Teilnehmer mit Besen und Wischmopps vor dem Bahnhof für eine genossenschaftliche Sanierung als Bürgerbahnhof.
  • Der Bahnhof gehört seit 2009 der Gemeinde, doch für die Sanierung fehlen mehrere Millionen Euro Eigenmittel.
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Die Grünen und die Bürgergemeinschaft rufen zu einer Putzaktion im Herrschinger Bahnhof auf. Weil die Gemeinde das nicht erlaubt, demonstrieren sie auf kreative Weise für die Sanierung des heruntergekommenen Gebäudes.

Von Patrizia Steipe, Herrsching

„Bahnhof soll schmutzig bleiben“, „Bürgerbahnhof für alle“, „Kreativität igitt – nicht hier“. Solche Parolen prangen auf Transparenten, befestigt an Wischmopps, Besen und Schrubbern. Aus einem Lautsprecher tönen von KI komponierte Lieder mit Refrains wie „Unser Bahnhof soll nicht sauber sein“, „Gestalten statt verwalten“ oder „Herrsching mischt sich ein“. Eine ungewöhnliche Putztruppe hat sich vor dem Herrschinger Bahnhof versammelt.

Geplant war eine gemeinschaftliche Reinigungsaktion in der Wartehalle, erlaubt wurde am Ende nur eine Demonstration außerhalb. Das Rathaus verwies auf einen Gemeinderatsbeschluss aus dem Jahr 2018, der politische Veranstaltungen in gemeindlichen Liegenschaften verbietet und untersagte das Putzen im Gebäude.

Der Bahnhof steht in Herrsching seit Jahren im Zentrum der Diskussionen um die Ortsentwicklung. Seit 2009 gehört das Gebäude der Gemeinde. Außer einer neuen Toilettenanlage ist wenig passiert. Das Gebäude wirkt heruntergekommen. Für viele Bürger ist es ein Schandfleck. Der Gemeinderat hat sich zwar bereits auf Eckpunkte für die künftige Nutzung verständigt, Konzepte liegen vor. Läden und Ticketverkauf sollen bleiben, Gastronomie einziehen, eventuell Räume für Kultur, Senioren und Jugend entstehen.

Doch es fehlt das Geld. Fördermittel allein reichen nicht aus. Eigenmittel von mehreren Millionen Euro kann die Gemeinde derzeit nicht aufbringen. Zudem sind die Zuständigkeiten kompliziert. Beim Bahnhof wird die kommunale Planung durch den Denkmalschutz, das Förderrecht, Grundstücksfragen und Abstimmungen mit der Bahn erschwert.

Um Bewegung in die Debatte zu bringen, wollten Karin Casaretto, Bürgermeisterkandidatin der Grünen und der Bürgergemeinschaft (BGH) sowie der Künstler Thomas Barnstein, beide Vorstandsmitglieder des Vereins „Pro Natur Herrsching“, ein Zeichen setzen. Unter dem Motto: „Handeln statt Warten – wir putzen unseren Bahnhof“, sollten Herrschinger bei der Aktion gemeinsam die Bahnhofshalle reinigen. „Der Putzplan stand. Wir wollten die Wände von Staub und Spinnweben befreien, das Gebälk und die Fenster putzen, Aufkleber entfernen“, zählt Barnstein auf. Die Aktion sollte auch für einen Kultur- und Bürgerbahnhof werben.

„Dass ein Investor besser sein soll als die Bürgerschaft, das kann ich nicht verstehen.“

Im Raum steht nämlich die Überlegung, das denkmalgeschützte Gebäude zahlungskräftigen Investoren zu überlassen. Karin Casaretto setzt ebenso wie die BGH und die Grünen auf eine genossenschaftliche Lösung. „Es gibt viele, die sich beteiligen wollen, nicht aus Renditeinteresse, sondern aus Verantwortung für den Ort, um den Bahnhof als Bürgerbahnhof zu behalten“, sagte sie.

Dem stimmt Grünen-Gemeinderat Gerd Mulert zu: „Dass ein Investor besser sein soll als die Bürgerschaft, das kann ich nicht verstehen“, sagt er.  Mit der Flashmob-Aktion sollte sichtbar werden, „dass wir als Bürgerschaft bereit sind, Verantwortung zu übernehmen“, sagt BGH-Gemeinderätin Christiane Gruber.

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Doch geputzt werden durfte nicht. Die Gemeinde wertete die als „Kunstaktion“ angekündigte Reinigung des Bahnhofsgebäudes als politische Veranstaltung. Da der Gemeinderat solche in seinen Gebäuden verbietet, legte sie ihr Veto gegen die Aktion im Innenraum ein. Die Veranstalter stellen diese Begründung infrage. „Wenn symbolisches Putzen als politisch gilt, dann ist letztlich alles politisch“, sagt Casaretto.

Abgesagt wurde die Aktion trotzdem nicht. Die Initiatoren meldeten sie beim Landratsamt Starnberg als Demonstration an. Das wurde unter Verweis auf die Versammlungsfreiheit genehmigt, ein in der Verfassung festgeschriebenes Grundrecht. Statt Wände im Gebäude zu reinigen, führen die Teilnehmer außen eine Art „Schattenputzen“ vor. Sie bewegen mit Elan Besen und Schrubber einige Zentimeter vor der Fassade, ohne sie direkt zu berühren.

Schattenputzen: Weil sie das Gebäude nicht reinigen dürfen, tun die Demonstranten nur so.
Schattenputzen: Weil sie das Gebäude nicht reinigen dürfen, tun die Demonstranten nur so. Franz Xaver Fuchs

Außerdem haben sie Besenstiele zu Transparenthaltern umfunktioniert. In Schürzen, Kopftüchern, Gummihandschuhen und Warnwesten ziehen die 30 Demonstrierenden mit Trillerpfeifen und Faschingströten um den Bahnhof. Abfall auf öffentlichem Grund vor der Bahnhofshalle sammeln sie trotzdem auf. Darunter auch einen bunten Geldschein mit chinesischen Schriftzeichen, entdeckt von der ehemaligen Landtagsabgeordneten Ruth Paulig. „Es gibt nichts Schöneres, als wenn Bürgerinnen und Bürger mitmachen“, zieht Casaretto am Ende Bilanz.

Im laufenden Wahlkampf sucht sie nach eigener Aussage regelmäßig das Gespräch mit den Herrschingern. Der Zustand des Bahnhofs zählt dabei zu den Themen, die immer wieder genannt werden, erklärt sie. So sei auch die Idee zu der Aktion entstanden. „Indem wir selbst zu Besen und Eimer greifen, machen wir sichtbar, was auf dem Spiel steht: ein historisches Gebäude, das zunehmend verfällt, obwohl es das Entrée des Orts bildet.“ Doch an diesem Tag bleiben die Fenster in der Wartehalle schmutzig, die Spinnweben an den Fenstern und der Vogelkot an der Fassade.

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