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Flüchtlinge in Herrsching:"Überall, wo ich arbeite, sage ich: Ich suche eine Wohnung"

Ungewisse Zukunft: Hamidoula Javari am Zaun des Herrschinger Containerdorfs, in dem er seit fünf Jahren lebt.

(Foto: Arlet Ulfers)

Herrsching will sein Containerdorf schon 2023 schließen. Auch gut integrierte Geflüchtete wie Hamidoula Javari fürchten, dass sie weit wegziehen müssen, Freunde und Job verlieren.

Von Jessica Schober

Hamidoula Javari pflastert gerade eine Gartenterrasse für einen zweigeschossigen Neubau in Weßling. Er rührt Zement und ebnet Wege für eine ihm unerreichbare Welt. Vor dem schmucken Familienwohnsitz steht eine Garage. Die ist in etwa so groß wie der Container, in dem Javari mit sechs anderen Afghanen lebt.

Seit fünf Jahren haust er in der Containersiedlung in Herrsching, schläft oben in einem Stockbett. Wenn er abends müde von seiner Arbeit im Landschaftsgartenbau heimkommt, ist oft schon das letzte warme Duschwasser aufgebraucht. Javari hat eine Festanstellung, zahlt Steuern und legt jeden Monat Geld zurück für die Miete. Doch eine Wohnung findet er im Landkreis Starnberg nicht. Die Containeranlage, in der er lebt, will die Gemeinde Herrsching bald abschaffen. Sie sei als Provisorium gedacht gewesen, nun hat der Gemeinderat den Pachtvertrag nur noch bis 2023 verlängert - anders als alle anderen Landkreisgemeinden. Danach müssen Javari und 140 andere Bewohner schauen, wo sie bleiben.

"Klein, aber meins", sagt Javari lächelnd, wenn er nach seiner Traumwohnung gefragt wird. Er brauche nicht viel Platz, bloß einen Raum für sich. Und er würde gern seine neu gewonnenen Freunde aus Herrsching einmal zum Kaffeetrinken einladen können. "Herrsching ist wie ein zweites Zuhause für mich", sagt der 27-Jährige, der aus Wardak kommt und mit seiner Familie in Afghanistan ungefähr ein Mal im Monat telefoniert. In seinem Herkunftsland hat er schon als Siebenjähriger gearbeitet, mal hat er Schafe gehütet oder Teppiche geknüpft, mal als Schreiner, Maurer oder Bauer gearbeitet. In Herrsching hat Javari ein Praktikum im Kindergarten gemacht. Er liebte die Arbeit und lernte rasend schnell Deutsch von den Jüngsten. Ein Kind habe geweint, als sein Praktikum zu Ende ging, erzählt er. Auf dem linken Handrücken trägt Javari ein Tattoo, das er sich vor drei Jahren in Starnberg stechen ließ, eine Friedenstaube.

Angestellt ist er beim Landschaftsgärtner Ulli Matza. "Überall, wo ich arbeite, sage ich Bescheid: 'Ich suche eine Wohnung. Bitte sagen Sie es meinem Chef, wenn Sie ein Zimmer frei haben.'" So geht das nun seit Jahren. Er könnte sich auch vorstellen, in einem Gartenhäuschen zu wohnen auf einem Gelände, das er pflegt. Bei fünf Wohnungsanzeigen hat er es bis zum Besichtigungstermin geschafft. "Leider schon weg", hieß es bei einer, als er der Vermieterin gegenüberstand. In einer anderen Wohnung hätte er jeden Besuch vorab mit der Vermieterin absprechen müssen, das wollte er nicht. Da Javari keinen Führerschein hat, fährt er mit der S-Bahn zu den Baustellen, auf denen er arbeitet. Seine Tage beginnen oft früh am Morgen, und er wäre froh, in der Nähe seines Arbeitgebers wohnen bleiben zu können.

"Wir wissen nicht, wie es nach 2023 weitergeht", sagt Christine Hollacher vom Herrschinger Helferkreis Asyl. Ihre Sorge ist, dass gut integrierte Geflüchtete wie Javari "abverlegt" werden könnten in andere Regierungsbezirke. "Dann sind alle Integrationsbemühungen vorbei, und das soziale Netz der Leute ist plötzlich weg." Viele der Bewohner hätten bereits einen Wohnberechtigungsschein, doch die Wartelisten für Sozialwohnungen seien lang. "Wenn die Containerunterkunft vorzeitig geschlossen wird, dann verschlechtert sich die Lage auf dem Wohnungsmarkt für alle, die nach günstigem Wohnraum suchen." Herrschings Bürgermeister Christian Schiller (parteilos) hingegen sagt: "Das sind keine dauerhaften Zustände im Container."

Der Landkreis müsse Lösungen vorschlagen, wo die Geflüchteten unterkommen sollen. "Es gibt auch Beschwerden aus der Nachbarschaft über Lärm und nächtliche Unruhe." Oberstes Ziel sei es, dass frei werdende Plätze in der Unterkunft nicht mehr nachbesetzt werden. Mit zwei Unterkünften in Breitbrunn und Herrsching sei die Gemeinde überproportional an der Aufnahme von Asylbewerbern beteiligt. Laut Schiller hat Herrsching bereits 87 Geflüchtete mehr aufgenommen, als es müsste. Auch Unternehmer, die Fachkräftemangel beklagen, sieht er in der Verantwortung, Wohnraum mitzufinanzieren.

"Wir haben da eine Daueraufgabe", sagt Landrat Stefan Frey (CSU). "Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich mir auch in Herrsching eine Verlängerung des Pachtvertrages bis 2026 gewünscht hätte." Gemeinsam mit allen Landkreisgemeinden will er neue Standorte für sozialen Wohnungsbau finden oder "Anschlussunterkünfte jenseits des sozialen Wohnungsbaus" schaffen. Eine Alternative könnte auch sein, nochmals Container aufzustellen, um die Geflüchteten unterzubringen. Doch auch Frey ist klar: "Von den rund 1200 bis 1400 Geflüchteten, die im Landkreis leben, wird nicht jeder bei uns eine Wohnung finden."

Ob Javari einer von ihnen sein wird, entscheidet über seine berufliche und private Zukunft. Er weiß, wie es sich anfühlt, nicht selbst entscheiden zu können, wo er sich aufhält. Während der Corona-Pandemie habe sich das Containerdorf manchmal angefühlt wie ein Gefängnis, sagt Javari. Drei Mal mussten alle Bewohner für mindestens zwei Wochen in Quarantäne, weil es Infektionsfälle gab. Ein Zaun wurde aufgebaut, Sicherheitskräfte positioniert. Keiner durfte das Gelände verlassen. Beim dritten Mal, als Javari nach Feierabend zum Containerdorf kam, erfuhr er, dass er gleich wieder in Quarantäne müsse. Er rief seinen Chef an. Der versuchte, ihn in einem Pensionszimmer unterzubringen. Zwecklos. Javari setzte sich noch drei Stunden vor den Zaun, "um noch ein bisschen Freiheit zu haben", wie er sagt, bevor er wieder ins Containerdorf und damit in erneute Quarantäne ging. "Da steht schließlich mein Name auf der Liste."

© SZ vom 20.07.2021/vewo
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