Afghanistan-Luftbrücke:Gefangen in Kabul

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Konflikt in Afghanistan

Natürlich hat die Familie versucht, einen Platz in einem Flugzeug der Luftbrücke aus Kabul zu ergattern, mit dem die Bundesregierung Tausende Deutsche und bedrohte Afghanen in Sicherheit bringen konnte. Doch sie hatte "keine Chance", wie eine Angehörige in Herrsching sagt. Nun verstecken sie sich irgendwo in Kabul

(Foto: Wali Sabawoon/AP/dpa)

Eine afghanischstämmige Herrschingerin bangt um einen Angehörigen und dessen Familie, die sich als Christen vor den Taliban verstecken müssen. Asylhelfer Wolfgang Neidhardt hilft in 50 solcher Fälle.

Von Carolin Fries

Jeden Morgen geht der erste Griff von S. Amiri zum Handy. Sie muss sich vergewissern, ob er noch lebt, der Mann, der in dieser Geschichte Rami heißen soll und um den die 57 Jahre alte Herrschingerin seit der Machtergreifung der Taliban in Afghanistan bangt. Der junge Lehrer und seine Familie haben es nicht geschafft, das Land rechtzeitig zu verlassen. Seit mehr als vier Wochen verstecken sie sich in Kabul vor den Kämpfern der Terrormiliz. Allmählich schwinden nicht nur die Essensvorräte - sondern auch die Hoffnung auf Hilfe aus Deutschland.

Rami ist einer der letzten Familienangehörigen, den Amiri noch hat. Die genauen Verwandtschaftsverhältnisse können wie ihr voller und der echte Name des Mannes nicht offengelegt werden - Rückschlüsse auf dessen Identität würden ihn womöglich nur noch mehr in Gefahr bringen und das möchte Amiri keinesfalls riskieren. Die gebürtige Afghanin kennt die Grausamkeit, mit der die Taliban gegen ihre Feinde vorgehen. "Sie töten nicht einfach, sie quälen zuvor." Sie selbst sei "aus der Hölle rausgekommen", 1992 bereits, als das Land nach jahrelanger sowjetischer Besatzung in einen erneuten Bürgerkrieg taumelte. Amiri erinnert sich, wie sie damals mit ihren Kindern in der Wohnung stand und an den Fenstern die Raketen der Mudschahedin vorbeiflogen. "Es ist furchtbar", sagt sie, "der Krieg hört einfach nicht auf, auch wenn wir die letzten Jahre die Freiheit schmecken durften."

Natürlich hatte auch Rami versucht, einen Platz in einem der letzten Flugzeuge zu ergattern, mit dem die Bundesregierung Ende August noch einige Tausend Landsleute und bedrohte Afghanen nach Deutschland und damit in Sicherheit bringen konnte. "Keine Chance", sagt Amiri nur. Seither verbringe er seine Tage "in Löchern", wie Amiri die schäbigen Verstecke nennt. Zusammen mit seiner Frau, den drei gemeinsamen Kindern unter sieben Jahren sowie seiner ledigen jüngeren Schwester. "Sie lassen zuerst die Kinder essen, damit die satt sind", erzählt Amiri mit Tränen in den Augen. Für sie selbst bleibe kaum etwas, denn viele Geschäfte seien geschlossen, die wenigen angebotenen Waren hätten sich verteuert. Doch wer sollte überhaupt einkaufen? Frauen dürfen nur in männlicher Begleitung auf die Straßen, doch Rami kann sich dort nicht blicken lassen. Er steht auf der Todesliste der Taliban, weil er in der Bibel anstatt im Koran Antworten auf seine Fragen findet.

Rami hatte noch vor wenigen Wochen in Kabul als Lehrer gearbeitet, auch seine Frau unterrichtete. Nun dürfen sie nicht mehr arbeiten und müssen um ihr Leben fürchten. Die Taliban hatten dem jungen Mann bereits vor dem Abzug der letzten deutschen und amerikanischen Truppen einen Drohbrief geschickt: Er stehe als Sohn von Christen und Freund von Deutschen auf der Todesliste, seine Hinrichtung sei freigegeben. Sollte er Kabul verlassen, würde seine Familie getötet. Amiri vermutet, dass Ramis Computer gehackt wurde. Woher sonst hätten die Taliban wissen können, dass sie sich über Bibelstellen austauschten?

"Übrig geblieben" nennt Wolfgang Neidhardt Rami und die etwa 50 weiteren Familienangehörigen von im Landkreis lebenden Afghanen, um deren Ausreise sich der Asylhelfer aus Inning seit Wochen bemüht. Bislang vergeblich, denn lediglich engste Angehörige wie Ehegatten und Kinder haben ein Recht auf die Familienzusammenführung und die Anträge werden nur langsam bearbeitet. So warteten bereits Mitte August mehr als 4000 afghanische Staatsbürger darauf, ihre Angehörigen nachholen zu können. "Über ein Jahr", so teilte die Bundesregierung jüngst im Bundestag mit, dauere es bis zu einem Termin.

Für Amiri ist diese Zeitspanne keine Option, "ich spüre seine Angst", sagt sie. Sie baut Rami auf, schickt ihm Nachrichten: "Du bist nicht vergessen!" Doch denkt überhaupt jemand außer ihr an ihn? Kümmert sich außer Neidhardt, der gewiss schon 20 Mal an das Auswärtige Amt geschrieben hat und immer wieder nachbohrt, jemand darum, dass diese Familie gerettet wird? Amiri wird einen Härtefall-Antrag stellen, den ins Englische übersetzten Drohbrief einreichen. Sollte Rami denn nicht in die Kategorie "besonders gefährdeter Afghanen" fallen?

Die Buchhalterin aus Herrsching verzweifelt allmählich an der Bürokratie. Sie will endlich wissen, ob ihre geliebten Familienmitglieder bald werden kommen können oder nicht. "Ich habe dieses Land schon traumatisiert verlassen, das reicht." Amiri hat ihren Vater und ihre Brüder in den gewaltsamen Auseinandersetzungen der vergangenen Jahrzehnte in ihrer Heimat verloren. "Einer nach dem anderen ist gegangen." Damals, als junges Mädchen, konnte sie nichts tun.

Um Rami hat sie sich geschworen, wird sie kämpfen. "Wir haben ausgemacht, dass ich jeden Morgen von ihm hören will, um zu wissen, dass er am Leben ist." Das mache er auch meist, vorausgesetzt die Internetverbindungen sind stabil. Doch seine Sätze werden immer kürzer und Amiri hat Sorge, dass die Zuversicht schwindet. Zuletzt hat sie ihn getröstet und getippt: "Es reicht mir täglich ein Wort." Denn wenn das Display morgens keine Mitteilung anzeigt, überkommt sie die Angst.

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