Ein Museum im Pumpenhäuschen? Auf den ersten Blick scheint das kaum vorstellbar. Das Rundgebäude am Herrschinger Kienbach ist nämlich richtig klein. Auf die eine Seite passt gerade mal ein Tiefseetaucher mit Klobürste, den Street-Art-Künstler Lando gesprayt hat, auf die andere eine Renke – der Brotfisch des nahen Ammersees. Doch Maximilian Bleimaier, Chef der AWA-Ammersee Wasser- und Abwasserbetriebe (AWA), verspricht eine Überraschung.
Er öffnet die Tür – vor einem liegt der Eingang zu Herrschings Unterwelt. Es ist düster und riecht nach Kanal. Gleich hinter der Tür sieht man eine Toilettenschüssel. Sofort wird klar, worum es im neuen Museum geht: Abwasser. Bauingenieur Bleimaier hatte die Idee für das Museum im ältesten Großpumpwerk der Gemeinde, eines von 58 Pumpwerken in Herrsching.

Über eine Wendeltreppe geht es in die Tiefe, wo sich ein etwa 30 Meter langer Gang öffnet. Man befindet sich nun zehn Meter unter der Erde und unter dem Kienbach. Höchste Ingenieurskunst war beim Bau notwendig, um das Gebäude dicht zu bekommen, wie Bleimaier erzählt. Am Treppenabsatz empfängt „Kanalerjunge“ Attila in voller Montur die Besucher. Die Schaufensterpuppe trägt Helm, Atemschutzmaske, orangefarbene wasserdichte Kleidung, Klettergurt, ein Gaswarngerät sowie einen „Selbstretter“, der Sauerstoff für zehn Minuten bereithält. „Kanalarbeiten sind nicht ungefährlich. In der Luft können giftige Gase sein“, erklärt Bleimaier. Die Besucher beschleicht ein mulmiges Gefühl. Im Betriebsraum sei es aber sicher, sagt Bleimaier lachend.
Immer wieder springt eine Pumpe an. Lautes Brummen ertönt. Das Pumpwerk ist schließlich in vollem Betrieb. Bleimaier wirft einen prüfenden Blick auf das Display eines riesigen Schaltkastens. „Pumpe eins pumpt 71 Liter Wasser in der Sekunde“, erklärt er. Die Daten rufen die Mitarbeitenden in den Büros der AWA auf dem PC ab. Ins Pumpwerk müssen die Techniker nur, wenn Fehlermeldungen aufleuchten.

Die Exponate und Infotafeln liegen beidseits des Gangs. Bleimaier zeigt auf ein durchlöchertes Stück Rundholz. „Das war früher eine Wasserleitung“. Die Löcher hat ein „Deichelbohrer“ in das Holz gebohrt, ein Beruf, der längst ausgestorben ist. Auf der anderen Seite liegt ein alter Druckprüfkoffer, mit dem Leitungen auf Dichtigkeit überprüft wurden. Bleimaier drückt auf einen Knopf und lässt einen Roboter mit Filmkamera durch ein Rohrstück fahren. Den Zustand der Kanäle haben die Arbeiter lange vor der Digitalisierung bereits mit Mini-Kameras gefilmt. „Das ist ein Molch“ erklärt Bleimaier und zeigt auf einen großen roten Kegel. Er wird mit Druck durch die Rohre geschossen, um die Wände zu reinigen.
Übersichtstafeln zeigen die Geschichte der Abwasserentsorgung: 1865 gab es die ersten Kanäle in München. Erst 100 Jahre später, 1963, begann der Kanalbau in Herrsching. „Davor kam alles in den Ammersee.“ Pest und Cholera rafften im Mittelalter Millionen Menschen dahin. Nachttöpfe wurden auf die Straße entleert, überall lag Müll, Ratten vermehrten sich. „In den Jahren um 1350 starb fast jeder Dritte an der Pest“, sagt Bleimaier.
Erst allmählich setzte sich die Erkenntnis durch, dass sauberes Wasser und Gesundheit zusammenhängen. Gepflasterte Straßen, Toiletten und Müllentsorgung verbesserten die Hygiene, das Schmutzwasser versickerte nach wie vor ungeklärt. Eine durch kot- und urinverseuchtes Trinkwasser ausgelöste Cholera-Epidemie wütete um 1836 in München.

„Heute darf kein Schmutzwasser mehr ungeklärt bleiben“, sagt Bleimaier. In Herrsching sind 97 Prozent der Haushalte an das Kanalnetz angeschlossen. Lediglich im Weiler Ellwang gibt es keinen Kanal, sondern eine Kleinkläranlage. Das Kanalsystem hat in Herrsching eine Länge von 350 Kilometern und entsorgt 3,5 Milliarden Liter Wasser im Jahr, etwa 23 Millionen Badewannenfüllungen.
Aber warum braucht man Pumpwerke? Wegen der Topografie in Herrsching kann das Abwasser nicht überall über das Gefälle fließen, erklärt Bleimaier. Etliche Straßenzüge und Häuser liegen unterhalb der nächsten Hauptleitung. Das Pumpwerk hebt das Abwasser an, damit es bis zum nächsten Pumpwerk weiterfließen kann, bis es schließlich in der Kläranlage in Eching landet.
Highlight der Führung ist ein Blick in den Kanal. Bleimaier sperrt eine dicke druckdichte Tür auf, „U-Boot-Tür“ nennt er sie. Falls auf der anderen Seite das Wasser bis zur Tür steigt, dringt nichts durch. An diesem Tag ist der Wasserstand aber niedrig. Es geht 13 Stufen hinab zu drei Pumpen. Bleimaier öffnet eine weitere Tür. Fauliger Geruch steigt in die Nase. In der Tiefe sieht man den Pumpensumpf mit einer braunen brodelnden Brühe. Auf der Wasseroberfläche schwimmen zwei Damenbinden. Auch Windeln und andere Hygieneartikel landeten regelmäßig in der Kanalisation, klagt Bleimaier. Nicht selten verstopfen sie die Kanäle. Zwar kann viel mit Maschinen beseitigt werden, aber manchmal muss der Mensch ran. „Keine angenehme Arbeit“, sagt Bleimaier.

Gebisse, Eheringe, Schlüssel und Uhren landen ebenfalls in der Kanalisation, wie man auf der Tafel mit den „Top-Fundstücken“ sieht. Darauf ist auch ein Goldfisch abgebildet. Sein Besitzer habe ihn wohl in die Toilette geworfen. Überlebt hat er laut Bleimaier nicht: „Er schwamm mit dem Bauch nach oben.“ Manchmal verirren sich Frösche ins Kanalsystem und Ratten nutzen die Kanäle als „Autobahn“, wie Bleimaier sagt, als schnelle Verbindung von einem zum anderen Ort. Er bedauert, dass für die meisten das Verständnis für Abwasser am Wasserhahn beginnt und bei der Klospülung aufhört.
Das Museum soll aufklären. Außerdem möchte er den Beruf vorstellen. „Das ist nicht nur ein stinkiger Job, sondern man macht etwas für die Umwelt.“ Das zeigt die neue Berufsbezeichnung. Der Fachmann oder die Fachfrau für Rohr-, Kanal- und Industrieservice heißt heute Umwelttechnologe oder -technologin für Rohrleitungsnetze und Industrieanlagen. „Abwasser wird heute als Ressource und nicht als Abfall angesehen“, sagt Bleimaier. Mit Techniken wie einer schwimmenden Solar-Anlage auf einem Klärbecken, sowie Lösungen zur Regenwasserbewirtschaftung, begegnet die AWA dem Klimawandel.
Die erste öffentliche Führung im Abwassermuseum an der Madeleine-Ruoff-Straße ist am 11. Dezember um 10 Uhr. Weitere Termine sind am 12. März und am 11. Juni. Zudem gibt es Führungen für Kindergärten, Schulen, Volkshochschulen und Gruppen ab fünf Personen. Anfragen unter museum@awa-ammersee.de.

