Helmut Schleich in Starnberg Strauß teilt aus

Schleich und wie er die Welt sieht: Der Münchner Kabarettist, bekannt auch durch die Comedyserie "Spezlwirtschaft", seine Sendung "Schleich Fernsehen" und Auftritte auf dem Nockherberg als Beck-, Steinmeier- und Strauß-Double, beim Gastspiel in der Starnberger Schlossberghalle.

(Foto: Arlet Ulfers)

Der Kabarettist hinterlässt mit "Kauf, du Sau!" einen zwiespältigen Eindruck in Starnberg. Sein Rundumschlag ist feinste bayerische Grantelei, nimmt sich aber stellenweise fast schon reaktionär aus.

Von Gerhard Summer

Manchmal ist für einen Bayern wie Helmut Schleich diese Welt schwer zu ertragen. All die Leitartikel-Prediger, die dem Leser angeblich vorschreiben, was er zu denken hat. Die Kriminellen von der Autoindustrie. Die elenden Politiker. Die jungen Spießer, Gutmenschen und Sprachverpfuscher, die sich Sushi in den Biergarten liefern lassen oder in der Bäckerei stehen, ein Kind namens Finn-Salvator auf dem Arm, und "nen Semel ohne Weißmehl" kaufen. Oder in Berlin Filterkaffee mit Schwallbrühung ordern, ohne Zucker. All die politisch Überkorrekten, die nicht nur Verkäufer/innen, sondern bald auch Prostatapatient/innen sagen. Ach ja, übrigens: Die Nazis wollten das Wort Lokomotive tilgen und durch "der Zieh" ersetzen. Der D-Zug wäre dann der Fern-Zieh gewesen, und die S-Bahn der Nah-Zieh, hoho!

"Kauf, du Sau!" hat der Kabarettist Helmut Schleich sein Programm genannt, und so wenig der Titel über weite Strecken direkt mit dem Inhalt zu tun hat, so verwirrend ist dieser bejohlte und bejubelte Abend in der ausverkauften Starnberger Schlossberghalle. Denn einerseits ist dieser Mann die pure Wucht: sprachgewaltig, bissig, grob und gallig, sehr witzig und politisch. Er arbeitet mit Dampfhammer und feinstem Florett. Die Pointen purzeln zwei Stunden lang nur so, der Mann tigert dazu ohne Unterlass über die Bühne, zieht die grausigsten Grimassen, teilt nach allen Seiten aus und entwickelt eine Fantasterei nach der anderen. Andererseits ist "Kauf, du Sau!" ein wirres Themen-Sammelsurium. Es bahnt sich seinen Weg vom Diesel-Skandal ("fahr einen, zahl drei") über Markus Söders Raumfahrtprogramm und Dorothee Bärs Flugtaxi ("sie ist so jung, dass sie zwischen Legoland und Zukunft nicht unterscheiden kann"). Und streift den Brexit, Donald Trump, Emmanuel Macron und die neue CDU-Vorsitzende. Wofür der Nachname Kramp-Karrenbauer steht? Kramp klingt nach altem Gelumpe aus der Merkel-Zeit. Und "Karrenbauer ist ein klares Bekenntnis zur Autoindustrie".

Schleichs Suada steht in der Tradition der großen Münchner Grantler samt Einführung in die Geheimnisse des bayerischen Konjunktivs. Klar, da ist so gut wie alles erlaubt. Aber es gibt auch unerwartete Entgleisungen: Dass Schleich so tut, als wären Zeitungsleitartikel das Evangelium der Moderne, dass er die Autoren zu Heiligen erhebt und ihre Texte küsst, ist noch ganz heiter. Aber dann liest er scheinbar ein Zitat eines dieser Europaverfechter vor, das von einem Staatengebilde handelt, das stark sei nach außen und damit sicher nach innen. Und schiebt hinterher: Ach, das habe er jetzt verwechselt, die Passage sei aus Hitlers "Mein Kampf". Genau genommen zieht Schleich solche Parallelen öfter: hier die Gutmenschen, die totalitären Tugendwächter, die statt Vater bald "Vatsie" sagen; da die Nazis, die alle Fremdwörter aus der Sprache verbannen wollten. Er fühle sich wie ein Fremder im eigenen Land, sagt er einmal und fügt an: So was dürfe man nicht sagen, das sei eine Nazi-Formulierung. Aber er fühle sich halt so.

Ist der Mann aus der Zeit gefallen und zum CSU-Reaktionär geworden? Hat er zu oft Franz Josef Strauß imitiert? Oder ist das einfach die pure Provokation? Letztlich kann man sich das aussuchen, "Kauf, du Sau!" hinterlässt trotzdem einen faden Nachgeschmack. Seine Paraderolle hebt sich Schleich, der sonst nur eine wunderbare Figur aufmarschieren lässt, den bierdimpfligen Fernfahrer Rudi, für den Schluss auf: den großen Franz Josef, den Übervater der CSU, der auf den Zehenspitzen wippt, die Arme wie ein Triumphator hebt, die Schultern zusammenzieht und Merkel, Beckstein und Söder die Leviten liest. "Zu meiner Zeit war rechts von der CSU die Wand", wettert er, und nicht die AfD, "links davon die Mauer und dahinter die Merkel." Ja, so war das wohl.