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Heiliger Berg:Das Andechser Gefühl

Andechs Kloster

Johann Rausch aus Günzburg zu Besuch im beliebten Biergarten des Kloster Andechs. Foto: Georgine Treybal

(Foto: Georgine Treybal)

In Andechs ist eigentlich das ganze Jahr Saison, aber im Spätsommer ist der Heilige Berg besonders beliebt. Hier treffen Pilger auf sportive Wanderer und Massenabfertigung auf bayrische Gemütlichkeit.

Morgens um halb zehn kommt langsam Leben auf den Parkplatz unten am Kloster Andechs. Die ersten Freizeitgäste in Outdoor-Klamotten laden Fahrräder und Wanderstöcke aus ihren Autos und machen sich bereit für einen Tag in der Natur. Vor einem Reisebus sammelt sich eine Gruppe von Rentnern aus Luxemburg. Hinter ihnen der Heilige Berg.

Ein Hügel im bayrischen Voralpenland mit Blick auf die Alpen, darauf ein Kloster mit Gaststätte und eigenem Bier: Für einen Ausflug kann man sich kein besseres Ziel ausmalen. Andechs ist weithin bekannt, es steht für biologische Landwirtschaft und würziges Bier und ist der älteste Wallfahrtsort Bayerns. Nächste Woche Donnerstag kommen wieder Hunderte Neuseeländer und Australier, die sich am "Kiwi-Tag" auf das Oktoberfest einstimmen. Aber was genau mach Andechs eigentlich so besonders?

Geheimtipp für Camper

Am frühen Morgen hatten auf dem Parkplatz noch die Camper dominiert. Jetzt, wenn die Sportsfreunde mit Radl und Wanderstock kommen, müssen sie wieder los. Das große Schild "Camping verboten" am Eingang ist unmissverständlich. "Eine Nacht lassen sie uns aber immer bleiben," sagt Klaus Seitz, der sich mit etwas zerknittertem Gesicht aus seinem Wohnmobil lehnt. "Nach der Klosterschänke will uns wohl keiner mehr auf die Straße schicken." Unter den Campern ist Andechs ein Geheimtipp. Es funktioniert: Die meisten fahren diskret davon, während sich der Parkplatz weiter vorn mit Ausflüglern füllt.

Unten vor dem steilen Weg hoch zum Kloster steht Gerhard Graf an seinem Motorrad im Schatten der großen Linden und raucht. Wie überall dominieren auch hier derzeit die Wahlplakate die Straße. Vor dem Kloster werben die Linken für eine friedliche Welt, direkt darunter Horst Seehofer für Bayern ganz allgemein. Gerhard Graf sieht's gelassen, er ist neuerdings Rentner. Jetzt hat er Zeit, durchs Voralpenland zu touren. "In Andechs halte ich immer für eine Zigarette." Rauf geht er aber nicht, er bleibt lieber unten: "Auf den Trubel kann ich verzichten."

Echter Glaube an der Klosterpforte

Der Trubel geht dort langsam los: Eine zweite Reisegruppe ist gekommen und lässt sich die "Schmerzhafte" Kapelle zeigen - die Gäste lauschen andächtig den Geschichten von Heiligen und Hostien. Der Führer erzählt, einst habe sich hier ein Teil der Vorhaut Jesu befunden. Allgemeines Glucksen in der Gruppe - heute nimmt man das nicht mehr so ernst. Auf den Kirchenbänken sitzen die Wanderer in Funktionskleidung mit Alu-Stöcken. Wer auf der Suche nach echtem Glauben ist, muss bis an die Klosterpforte. Dort hängen die alten Kreuze der Wallfahrer mit eingeschnitzten Dankessprüchen, darunter einige Kriegsheimkehrer nach langen Jahren in russischer Gefangenschaft.

Im Klosterladen gegenüber drängen sich währenddessen weißhaarige Damen um Weihwasserfläschchen und Kreuze. Rosenkränze hängen bündelweise von der Decke, hinter der Theke stehen Vitrinen mit kunstvollen Weihkerzen. Dazwischen vor allem Bierkrüge und Schnapsgläser mit Andechser Panorama und eine Biografie über den neuen Papst. Die Mitarbeiter dürfen nicht verraten, was hier den höheren Umsatz bringt. Eine der Seniorinnen entscheidet sich jedenfalls für vier Flaschen Andechser Bier für acht Euro.

Unten ist der Parkplatz um halb elf schon recht voll. In einer Ecke putzt Michael Volkert die Fenster seines Reisebusses. Aus dem Münsterland hat er eine Gruppe vom Kolpingwerk in den Süden gefahren, 700 Kilometer: "Für uns Katholiken im Norden ist Andechs ein wichtiger Wallfahrtsort. Gerade den Älteren bedeutet das viel." Auch sie gibt es also noch, die Pilger.

"Man trifft halt immer nette Leut'"

Oben im Biergarten des Bräustüberls gibt es um halb zwölf kaum noch freie Plätze. Schweinshaxe und Wammerl sind die Renner, geduldig stehen die Gäste an der Selbstbedienungstheke. Am anderen Ende fügt sich Hans März, der sich der "Mandel-Hans" nennt, mit seinem gezwirbelten Schnurrbart und geflochtenem Trachtenhut wie gemalt in die Kulisse. Er scheint es zu wissen und fühlt sich wohl in seiner Rolle. Einem Ehepaar am Nachbartisch erzählt er neue Witze. Was er an Andechs findet? "Man trifft halt immer nette Leut'." Seit den Fünfziger Jahren kommt er hier her, damals mit dem ersten Motorrad. "Andechs war ja schon immer beliebt."

Langsam treffen auch die "Sportler" im Biergarten ein: Johann Rausch, mit Radler-Trikot und sonnengebräunten Armen blinzelt mit verschwitztem Gesicht in die Sonne. Erwartungsfroh wiegt er sein Tablett mit Schweinshaxe und Maß Bier in den Händen, während er nach einem freien Platz Ausschau hält. Heute Morgen um sechs ist er in Günzburg losgefahren - mit dem Mountainbike. Ungefähr 115 Kilometer beträgt der einfache Weg, aber er macht so was öfter. "An Fronleichnam war es besonders schön, da bin ich vor Sonnenaufgang los und unterwegs ganz vielen Prozessionen begegnet." Für ihn ist Andechs schon ein besonderes Ziel. Sein Vater war Bildhauer und Restaurateur, die ganze Kindheit hat er in Kirchen und Klöstern verbracht.

Jeder hat ein anderes Andechser Gefühl

Vor der Kirche kämpft Ida Gallmeier aus München mit ihrer Wanderkarte. Seit 45 Jahren war sie nicht mehr auf dem Heiligen Berg, aber heute Morgen hat sie sich spontan auf den Weg gemacht. Neulich habe sie mal wieder alte Fotos angeguckt, Andechs 1968. Ihre Kinder waren da noch klein. "Und dann hatte ich die Idee, mal wieder her zu fahren." Ein wenig enttäuscht ist sie aber irgendwie schon, in ihrer Erinnerung war das Kloster schöner.

Was ist es nun, das Andechser Gefühl? Die spezielle Mischung aus Postkarten-Landschaft, zelebrierter bayrischer Lebensart und etwas Wallfahrtsfolklore? Oder ist Touristenkommerz mit Heiligendevotionalien und einem Biergarten, der durch Massenabfertigung und sein modernes Sonnendach so gar keine Gemütlichkeit aufkommen lässt? Die Frage muss sich jeder selbst beantworten. Gemeinsam ist jedenfalls den meisten: Sie zieht es doch immer wieder her.