Weltweit erkranken jährlich rund zehn Millionen Menschen an Tuberkulose. Etwa 1,5 Millionen Menschen im Jahr sterben an dieser Infektionskrankheit. Das Institut für Mikrobiologie und Laboratoriumsdiagnostik an der Asklepios-Klinik in Gauting ist eines der supranationalen Referenzlaboratorien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und ein führendes Labor zur Tuberkulose-Diagnostik. In Tadschikistan baut die deutsche Entwicklungsbank KfW im Auftrag der Bundesregierung nun ein neues Spezialklinikum für Kinder und Jugendliche mit Tuberkulose. Harald Hoffmann, Leiter des Instituts in Gauting, berichtet über die Gründe.
SZ: Herr Hoffmann, Tuberkulose kennt man hierzulande ja fast gar nicht mehr. Was ist das eigentlich für eine Krankheit?
Harald Hoffmann: Tuberkulose ist eine Infektionskrankheit, die durch Bakterien hervorgerufen wird. Diese nisten sich meistens in der Lunge ein, was dazu führt, dass sich Löcher, sogenannte „Kavernen“, in der Lunge bilden. Früher nannte man die Krankheit „die Motten“, da die Lunge im Röntgenbild wie ein angefressener Stoff aussah. Wird die Krankheit nicht behandelt, können die Betroffenen an Lungenversagen oder an einem Blutsturz sterben, bei dem die Blutgefäße im Brustkorb von der Infektion angefressen werden und die Lunge mit Blut vollläuft. Andere Patienten nehmen durch die „Schwindsucht“, auch so wurde die Krankheit früher genannt, so ab, dass sie an purer Schwäche sterben.
Wie weit ist die Krankheit verbreitet?
Die WHO schätzt, dass weltweit mehr als 1,7 Milliarden Menschen mit dem Erreger infiziert sind und jedes Jahr ungefähr zehn Millionen Menschen an Tuberkulose erkranken. In Deutschland sind wir aber ein wenig auf der Insel der Glückseligen, da wir einen ausgezeichneten öffentlichen Gesundheitsdienst haben. Dadurch zählen wir hier nur circa 4000 Fälle im Jahr, davon sind 190 Kinder. Kinder sind besonders gefährdet, da sie sich schnell anstecken und ihr Immunsystem nicht stark genug ist. Vor allem bei Kindern unter fünf Jahren stellen wir besonders komplizierte Verläufe fest. Hier in der Asklepios-Klinik in Gauting behandeln wir Tuberkulosepatienten ab 16 Jahren.
Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Tadschikistan?
Wir hier in Gauting sind für die WHO ein supranationales Referenzlabor. Wir helfen verschiedenen Ländern, die Qualität der Diagnostik ständig zu verbessern und Laborexperten auszubilden. Dabei sind wir für neun Länder zuständig, für Belarus, die Ukraine und eben für zentralasiatische Staaten wie Tadschikistan. Damit sind wir eines der aktivsten supranationalen Referenzlabore an der WHO. Die Partnerschaft mit Tadschikistan besteht schon seit vielen Jahren. 2006 hat die Bundesregierung dort ein reines Tuberkulose-Krankenhaus bauen lassen. Wir haben das nationale Referenzlabor in Tadschikistan geplant und seitdem bilden wir dort das Personal aus und verbessern die Labornetzwerke, sodass das Niveau der Diagnostik mittlerweile fast so hoch ist wie in Deutschland. In der nächsten Stufe geht es jetzt darum, nicht mehr nur die Labormitarbeiter zu schulen, sondern auch den Ärzten beizubringen, nach der Diagnostik die richtige Therapie anzusetzen.
Wie geht die Zusammenarbeit in der Zukunft weiter?
Momentan wird ein Kinderkrankenhaus gebaut, das bis Januar nächsten Jahres fertiggestellt werden soll. Dieses Krankenhaus wird speziell für Kinder mit besonders komplizierten Tuberkuloseverläufen sein. Dort werden Kinderärzte arbeiten, die wir auszubilden helfen. Dafür fliegen unsere Ärzte, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mehrmals jährlich nach Asien. Genauso kommen die tadschikischen Ärzte aber auch zu uns nach Gauting. Wir wollen das Kinderkrankenhaus auf den bestmöglichen Standard bringen. Das Krankenhaus wird für circa 100 Kinder Betten haben. Dabei werden wir von der Bundesregierung und vom Globalfund unterstützt, einem großen Fonds der industrialisierten Länder, der jährlich etwa 16 Milliarden Euro umfasst. Vor zwei Jahren kamen die Minister und Vizeminister unserer Partnerländer nach Gauting. Mit ihnen sind wir durch Deutschland gereist, um ihnen zu zeigen, wie gut der öffentliche Gesundheitsdienst und die Zusammenarbeit mit den Synlab-Laboratorien hier funktioniert und wie wir dadurch die Tuberkulosefälle in Deutschland niedrig halten.

Wie sind die Zustände in Tadschikistan?
Die Zustände in den Krankenhäusern in Tadschikistan sind ganz andere als in Deutschland. Was Hoffnung macht, ist der riesige Fortschritt, den wir gemeinsam in den vergangenen Jahren gemacht haben. Bei allen Problemen, die wir in Zentralasien beobachten, auch dem politischen Einfluss Russlands, merken wir immer, dass es einen unfassbar großen Willen bei den Menschen und auch in der Politik der jeweiligen Länder gibt, Dinge zu verbessern. Als unsere Arbeit in Tadschikistan im Jahr 2006 anfing, lag die Inzidenz der Tuberkulosefälle bei über 140 pro 100 000 Menschen. Zum Vergleich: In Deutschland liegt die Inzidenz bei fünf pro 100 000. Die Inzidenz in Tadschikistan ist seitdem auf 78 gefallen. Die Diagnostik von Tuberkulose ist in der gesamten Medizin eine der schwierigsten.
Wie sieht die Behandlung eines Tuberkulosekranken aus?
Die Behandlung eines Erkrankten ist normalerweise recht unkritisch. Es gibt vier Antibiotika, die der Patient in einem Zeitraum von zwei Monaten nimmt. Anschließend muss er zwei weitere Antibiotika über vier Monate hinweg nehmen. Die meisten Menschen fühlen sich nach sechs bis acht Wochen so gesund, dass sie den Alltag wieder normal bestreiten können. In Zentralasien ist die Behandlung aber weitaus problematischer, da es dort die höchsten Raten an multiresistenter Tuberkulose gibt. Bei dieser Art der Erkrankung wirken die ersten vier Antibiotika, die der Patient nehmen sollte, nicht mehr. Bis vor zwei Jahren musste ein Mensch, der multiresistente Tuberkulose bekommen hat, bis zur Genesung etwa 14 000 Tabletten schlucken. Seit 2022 hat sich die Zahl zwar durch die Entwicklung wirksamerer Antibiotika minimiert, bei einem schweren Verlauf, kann die Anzahl an Tabletten aber wieder bis auf 14 000 ansteigen. Die Zusammenarbeit zwischen Labor und Kliniken ist hierbei ganz entscheidend, denn nur im Labor können die Multiresistenz und die noch wirksamen Antituberkulotika festgestellt werden.

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Kann man Tuberkulose vorbeugen?
Nach dem Zweiten Weltkrieg lagen die Inzidenzen der Tuberkulose in Deutschland so hoch, wie sie zu Beginn unserer Arbeit in Zentralasien waren. Dass das heute nicht mehr so ist, liegt an zwei Faktoren: Zuerst einmal leben die Menschen in größeren Wohnungen und stecken sich dadurch nicht mehr so leicht an, da mehr Luft im Raum ist. Das ist vor allem für Kinder wichtig. In Tadschikistan sind die Wohnstandards anders: 80 Prozent aller Kinder unter fünf Jahren stecken sich bei ihren Eltern an. Der zweite Faktor ist unser vorbildlicher öffentlicher Gesundheitsdienst, für den uns viele Länder beneiden.
Anfang Mai gab es einen Workshop für die Zusammenarbeit für das neue Kinderkrankenhaus in Tadschikistan. Wie sah das aus?
Wir kooperieren mit der Haunerschen Kinderklinik aus München, der Ludwig-Maximilians-Universität, dem Labordienstleister Synlab und dem öffentlichen Gesundheitsdienst in München. Diese Zusammenarbeit ist einmalig in dieser Art. Das Wissen des öffentlichen Gesundheitsdienstes über die Tuberkuloseeindämmung kommt hier zusammen mit dem klinischen Wissen der Kinderklinik und unserer Erfahrung in der Diagnostik, der internationalen Entwicklungszusammenarbeit und im Gesundheitsmanagement. Wir alle aus München sind bei dem Workshop mit den 40 führenden Ärzten aus Tadschikistan zusammengekommen. Dort herrschte eine wahnsinnige Energie. Man hat gemerkt, dass die asiatischen Ärzte ein großes Verlangen haben, von uns zu lernen. In Tadschikistan bekommen viele Kinder durch die Tuberkulose eine Hirnhautentzündung, etwa 40 Prozent sterben an den Folgen. Da konnten wir ihnen viele Verbesserungen nahebringen. Außerdem konnten wir die wichtigsten Informationen der neuen Leitlinien der WHO von 2022 auf Russisch übersetzen und ihnen zur Verfügung stellen. Das ist eine wichtige Vorbereitung auf die Arbeit der neuen Kinderklinik.
Haben Sie selbst auch etwas mitnehmen können?
Es war ein Austausch auf Augenhöhe. Die tadschikischen Ärztinnen und Ärzte haben ihren riesigen Erfahrungsschatz beim Lesen von Röntgenbildern tuberkulöser Kinder mit uns geteilt. Die dortigen Mediziner sind darin viel geschulter, weil sie jede Woche so viele Fälle von Kleinkindern mit Tuberkulose sehen wie wir im ganzen Jahr. Im Januar nächsten Jahres soll das neue Kinderkrankenhaus in Tadschikistan eröffnet werden. Es ist eine große Hoffnung für viele tadschikische Familien und Kinder.

