Europawahl:Wie Chat-GPT Wähler beeinflusst

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Das Team der Open Search Foundation in Starnberg möchte den Zugang zu Informationen im Internet liberalisieren (von links): Christine Plote, Anka Schuler, Stefan Voigt, Jasmin Tietgen, Martina Adam, Katrin Wellenberg. (Foto: Franz Xaver Fuchs)

Internet-Suchmaschinen und Künstliche Intelligenz sind aus dem Alltag kaum mehr wegzudenken. Das Problem: Sie können Auswirkungen auf unsere Wahlentscheidung haben.

Von Leopold Beer, Starnberg

Alle nutzen es, alle brauchen es: das Internet. Was 1989 als World Wide Web begann, ist heute aus dem Alltag kaum wegzudenken. Ob auf dem Smartphone, Laptop oder dem PC zu Hause - das gesammelte Wissen der Menschheit ist jederzeit und überall verfügbar. So weit, so gut. Von der einstigen Grundidee des Internets ist inzwischen allerdings nicht mehr viel übrig. Bei jeder Suche im Netz werden Daten gesammelt, gespeichert und verarbeitet, damit kurze Zeit später gewinnbringend passende Werbung angezeigt werden kann.

Die Open Search Foundation (OSF), ein 2018 in Starnberg gegründeter Verein, möchte den Zugang zu Informationen im Internet demokratisieren. Gemeinsam mit Forschungseinrichtungen, Rechenzentren und weiteren Kooperationspartnern arbeitet die OSF an einem offenen Web-Index. Ein Web-Index ist ein regelmäßig aktualisiertes Verzeichnis aller Inhalte des Internets. Auf einem offenen Index können dann neue Suchmaschinen aufbauen oder KI-Anwendungen mit indexierten Daten trainiert werden. Derzeit haben einen eigenen Web-Index nur vier Unternehmen weltweit: Google und Microsoft sowie Baidu aus China und Yandex aus Russland.

Dass nur wenig Unternehmen über einen eigenen Index verfügen, birgt auch Risiken. "Wir bezahlen mit unseren Daten, unserer Privatsphäre, wirtschaftlichen Unabhängigkeit und demokratischen Souveränität", erklärt OSF-Vorstand Stefan Voigt: "Das ist sehr besorgniserregend." Gerade bei Abstimmungen wie der anstehenden Europawahl am 9. Juni kann das zum Problem werden: Denn die großen digitalen Dienstleister könnten mit ihrer Macht im Netz den Wähler in seiner Entscheidung beeinflussen, sagt Voigt. Die Algorithmen der großen Unternehmen seien intransparent, erklärt der Vorstand der OSF: "Sie sind nicht auditiert und könnten uns zum Beispiel über personalisierte Werbung in eine bestimmte politische Richtung drängen oder subtil beeinflussen."

Wissenschaftler der TH Köln und der Universität zu Köln haben erforscht, welchen Einfluss Suchmaschinen darauf haben, wie Politiker im Vorfeld von Wahlen wahrgenommen werden. Das Ergebnis: Die automatischen Suchvorschläge im Eingabefeld von Google, Bing und Co. sind systematisch verzerrt und vorurteilsbehaftet. Suchen Nutzer etwa nach weiblichen Personen aus der Politik, zeigen die Vorschläge seltener deren berufliche Leistungen in Politik und Wirtschaft an als bei ihren männlichen Kollegen. Politische Kompetenz assoziieren die Suchvorschläge stattdessen tendenziell mit männlichen und älteren Politikern.

Mit 8,5 Millionen Euro aus EU-Töpfen wird das Projekt Openwebsearch.eu gefördert. Auch die OSF, hier vertreten durch Vorstand Stefan Voigt, ist an dem Forschungskonsortium beteiligt. (Foto: Franz Xaver Fuchs)

Aber nicht nur Suchmaschinen, sondern auch KI-Systeme haben Einfluss auf die politische Meinungsbildung. Zwar seien KI-Systeme ein "ziemlicher Hype und wahrscheinlich auch überbewertet", erklärt Voigt. Eine Untersuchung von Democracy Reporting International belegt jedoch deren Einfluss auf den Wahlprozess. Die Forscher kommen zu dem Ergebnis, dass Chatbots wie Chat-GPT von Open AI, Gemini von Google oder Microsofts Copilot bei Fragen, welche die Wahlen zum Europäischen Parlament betreffen, regelmäßig halluzinieren. Sie erfinden also Informationen. Teils nennen sie etwa das falsche Datum für die Wahl oder geben unrichtige Informationen zum Wahlprozess wieder. Das Problem: Sind die Nutzer falsch informiert, sind sie möglicherweise am Wählen gehindert, etwa weil sie Fristen verpassen. Das beeinflusst am Ende auch das Wahlergebnis.

Es braucht also im Markt der Suchmaschinen und KI-Anwendungen eine größere Bandbreite und einen verlässlichen und für jeden verfügbaren Web-Index, auf den Start-ups ihre Innovationen stützen können. So würde auch die Hyperökonomisierung des Netzes ein Stück weit zurückgedreht. Ebenso könne man verlorene Ideale, etwa Meinungsvielfalt, auf diese Weise wiederherstellen, erklärt Voigt. "Wir wollen eine soziale Marktwirtschaft und keinen Raubtierkapitalismus im Netz."

Die EU fördert das Projekt mit 8,5 Millionen Euro

Unterstützt wird die Arbeit der Open Search Foundation durch die Europäische Union. Das Projekt Openwebsearch.eu, an dem die OSF beteiligt ist, wird mit insgesamt 8,5 Millionen Euro aus EU-Töpfen gefördert. "Wir sind auf hoher Ebene in der Europäischen Kommission geschätzt und können dort Impulse einbringen", freut sich Voigt.

Bis Voigt, die OSF und ihre Partner einen offenen Web-Index fertiggestellt haben, wird es noch einige Jahre dauern. Bis dahin gibt es ein paar einfache Tipps, um Risiken zu minimieren. Voigt rät: "Die voreingestellte Suchmaschine wechseln hin zu einer, welche die Privatsphäre achtet, einen datensparsamen Browser nutzen, Bluetooth ausstellen oder die Cookies löschen." Denn eine wohlüberlegte Wahlentscheidung ist diese paar Klicks wert.

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